Nachhaltigkeit zahlt sich aus

Europas Chemiekonzerne nutzen nachhaltiges Wirtschaften als Wettbewerbsvorteil

  • Werner Wenning, Vorstandsvorsitzender, Bayer: "Nachhaltigkeit bedeutet im Kern Zukunftsfähigkeit.“Werner Wenning, Vorstandsvorsitzender, Bayer: "Nachhaltigkeit bedeutet im Kern Zukunftsfähigkeit.“
  • Werner Wenning, Vorstandsvorsitzender, Bayer: "Nachhaltigkeit bedeutet im Kern Zukunftsfähigkeit.“
  • Dr. Jürgen Hambrecht, Vorstandsvorsitzender, BASF: „Dauerhaft erfolgreiches unternehmerisches Handeln ist ohne den sorgsamen Umgang mit Umwelt und Gesellschaft nicht möglich."
  • Profitables Wirtschaften, ohne Mensch und Natur auszubeuten, entwickelt sich mehr und mehr zum strategischen Wettbewerbsfaktor für Unternehmen in globalen Märkten (Foto: dkimages/Fotolia)

Der vollständig recyclebare Bürostuhl, der klimaneutrale Pakettransport oder die grüne Geldanlage - nachhaltige Produkte und Dienstleistungen werden intensiv beworben und sind gefragt. Profitables Wirtschaften, ohne Mensch und Natur auszubeuten, entwickelt sich mehr und mehr zum strategischen Wettbewerbsfaktor für Unternehmen in globalen Märkten, insbesondere für energieintensive Branchen wie die Chemieindustrie. Umso stärker wächst das Bedürfnis unter Finanzexperten und Investoren, ein Maß für die Nachhaltigkeit eines Unternehmens zu finden.


Ebenso rasant wie die Zahl der grünen Produkte am Markt steigen die der Studien, Preise und Rankings zur Nachhaltigkeit (Sustainability) von Unternehmen. Der Leverkusener Bayer-Konzern zitiert gleich zehn Rankings und Investmentfonds im Internet, um seinen Stakeholdern sein leistungsfähiges Nachhaltigkeitsmanagement zu belegen. Allen voran der 1999 gegründete Dow Jones Sustainability World Index (DJSI), der von den weltweit 2500 Unternehmen mit der höchsten Marktkapitalisierung, nur die jeweils besten 10% einer Branche aufnimmt. Wer dort gelistet wird, entscheidet die Schweizer Rating-Agentur SAM (Sustainable Asset Management) auf Basis einer aufwändigen Befragung mit rund 90 Kriterien, die eine ganzheitliche Unternehmensbewertung auf Basis ökonomischer, ökologischer und gesellschaftlicher Chancen und Risiken erstellt. In den vergangenen zehn Jahren verdreifachte sich die Zahl der Unternehmen, die an der jährlichen SAM-Befragung teilnahmen. Denn immer mehr Finanzexperten und Investoren schätzen diese Zusatzinformationen, da sich gerade in Zeiten der Krise zeigte, dass unternehmerischer Erfolg sich nicht allein an Quartalsbilanzen messen lässt. Weltweit werden nach Angaben von SAM bereits 8 Bio. US-$ in DJSI-basierte Portfolios angelegt.
„Dauerhaft erfolgreiches unternehmerisches Handeln ist ohne den sorgsamen Umgang mit Umwelt und Gesellschaft nicht möglich", sagt Dr. Jürgen Hambrecht, Vorstandsvorsitzender bei BASF. Ebenso wie Bayer ist auch die BASF seit Gründung im DJSI vertreten. Um Investoren noch transparenter zu zeigen, wie wirtschaftlicher Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung und dem Schutz der Umwelt verknüpft wird, setzte BASF als erstes Unternehmen im Jahr 2007 auf eine integrierte Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung.


Mehrwert durch Nachhaltigkeit


Doch was haben Stakeholder konkret davon, wenn Unternehmen nachhaltig wirtschaften?

Und in welchem Maß trägt Nachhaltigkeit zum Unternehmenswert bei? Diese Fragen sind Inhalt zahlreicher aktueller Studien. Eine im November 2009 veröffentlichte Untersuchung der Unternehmensberatung A.T. Kearney befasst sich speziell mit der Wirkung von Nachhaltigkeit auf die Kapitalkosten eines Unternehmens. Die Analyse von 125 Unternehmen aus dem DJSI mit einer Vergleichgruppe von 186 nicht gelisteten Unternehmen ergab: In zehn von 16 Branchen sind die durchschnittlichen Kapitalkosten „nachhaltiger" Unternehmen deutlich niedriger als die entsprechenden Kosten von Wettbewerbern, die nicht als nachhaltig eingestuft werden. In Summe lagen die Kapitalkosten der 15 größten nicht-nachhaltigen Unternehmen aus den untersuchten Branchen um 33 Mrd. € über denen ihrer nachhaltigen Wettbewerber. Besonders große Vorteile durch Nachhaltigkeit ergaben sich im Energie- und Bausektor mit 2,9 % bzw. 2,3 %. Aber auch nachhaltige Chemie- und Pharmaunternehmen verbuchten im Schnitt 0,9 % bzw. 0,8% niedrigere Kapitalkosten. Nur in drei der 16 untersuchten Branchen, darunter der Bankensektor, lagen die Kostenvorteile bei den nicht nachhaltigen Unternehmen.
Eine differenziertere Betrachtung der Chemiebranche gibt die von BASF beauftragte Studie „Sustainable Value Creation by Chemical Companies" des Berliner IZT - Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung vom Dezember 2009. Hier wurde für den Zeitraum 2004 bis 2007 bewertet, wie effizient neun internationale Chemieunternehmen mit ihren Ressourcen wirtschaften. Aus insgesamt 13 Indikatoren, darunter Kapitaleinsatz, Wasserverbrauch, Emissionen von Treibhausgasen und VOCs bis hin zur Anzahl der Arbeitsplätze und Arbeitsunfälle, wurde ein nachhaltiger Mehrwert (Sustainable Value) in Euro berechnet. „Ein positiver Beitrag zum Sustainable Value entsteht immer dann, wenn ein Unternehmen eine Ressource wie z.B. Wasser effizienter einsetzt als der Markt", erklärt Andrea Liesen vom IZT den Bewertungsansatz. Im Jahr 2007 reichte das Spektrum des Sustainable Value von -2,2 Mrd. € bei Dow bis zu +1,3 Mrd. € bei BASF. Bereinigt um die Unternehmensgröße wirtschafteten die drei europäischen Unternehmen Air Liquide, BASF und Bayer im betrachteten Zeitraum 2004 bis 2007 deutlich effizienter als ihre Wettbewerber. So gelang es beispielsweise Air Liquide einen 1,7 Mal höheren Cashflow aus den gleichen Ressourcen zu generieren als der Wettbewerb. Am Ende des Ranking finden sich die Unternehmen Dow, Akzo Nobel und DSM, die über den gesamten Untersuchungszeitraum einen deutlich negativen Sustainable Value verbuchten.
Wie stark ein Nachhaltigkeitsranking-Ranking von den ausgewählten Bewertungskriterien abhängt, zeigt ein Vergleich mit den Ergebnissen des DJSI: Hier war DSM in den Jahren 2004 bis 2006 gleich drei Mal infolge Branchenprimus und wurde 2007 von Akzo Nobel abgelöst.
Die Schwierigkeit, die Qualität des Managements gesellschaftlicher, ökologische und ökonomischer Risiken und Chancen ausgewogen zu bewerten, betont auch Econsense - das Forum für nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft. In der im Jahr 2000 vom BDI gegründeten Initiative haben sich 24 deutsche Konzerne zusammengeschlossen. Econsense fordert Nachvollziehbarkeit und Transparenz sowie die Trennung von Bewertungs- und Beratungsdienstleitungen von Rating-Agenturen. Auch die Unterschiede zwischen angelsächsischer und deutscher Unternehmensführung seien immer wieder Gegenstand der Diskussion bei Nachhaltigkeitsanalysen. Die Fragebögen angelsächsischer Analysten würden den Unterschieden in den Governance-Strukturen häufig nicht gerecht. Ein Einheitsresearch bei der Bewertung nachhaltiger Unternehmensführung sei jedoch auch in Zukunft unrealistisch: Welche Standards erforderlich sind, werde letztlich der Finanzmarkt entscheiden.


Nachhaltigkeit - Made in Germany


Der Begriff Nachhaltigkeit wurde geprägt durch den Deutschen Hans Carl von Carlowitz. Der Freiberger mahnte Anfang des 18. Jahrhunderts vor dem Hintergrund zunehmender Holznot eine nachhaltige Nutzung und kontinuierlichen Anbau in der Forstwirtschaft an und prägte damit den Begriff Nachhaltigkeit. Seine Definition hat heute angesichts weltweit knapper werdender Rohstoffe nichts an ihrer Aktualität verloren. Doch der moderne Begriff der Nachhaltigkeit reicht über das Thema Ressourcenschonung und Umweltfreundlichkeit hinaus und besitzt vielfältige Dimensionen. Bereits Mitte der 1990er Jahre forderte der Verband der Chemischen Industrie (VCI), dass eine nachhaltige Entwicklung wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte gleichrangig berücksichtigen muss und nicht auf einem einseitigen, ökologisches Konzept basieren darf. Mit Erfolg: Heute hat sich das magische Dreieck der Nachhaltigkeit „Ökologie - Ökonomie - Soziologie" international durchgesetzt und viele Unternehmen und Regierungen bauen ihre Nachhaltigkeitsstrategien auf diesem Drei-Säulen-Modell auf.
„Nachhaltigkeit bedeutet im Kern Zukunftsfähigkeit", sagt Vorstandsvorsitzender Werner Wenning, als Bayer im vergangenen November ein umfassendes Nachhaltigkeitsprogramm mit acht internationalen Leuchtturmprojekten vorstellte. „Wir wollen im Einklang mit gesellschaftlichen Zielen und Bedürfnissen agieren - denn gesellschaftliche Akzeptanz ist wesentlich für unseren nachhaltigen geschäftlichen Erfolg", sagte Wenning. Von den Leuchtturmprojekten in den Bereichen Gesundheit, Ernährung und Klimaschutz sollen weltweit mehr als 15 Mio. Menschen profitieren. Auch ökologisch hat sich das Unternehmen ehrgeizige Ziele gesetzt: Bayer will die Energieeffizienz in der Produktion bis 2013 um 10% gegenüber 2008 steigern und so 350.000 t/a an Treibhausgas-Emissionen einsparen. Zudem sollen eine neue Technologie zur Chlorproduktion die Treibhausgas-Emissionen um weitere 250.000 t bis 2020 senken. Durch deren Vermarktung ergebe sich sogar ein weiteres Einsparpotenzial von 5. Mio. t Treibhausgas-Emissionen pro Jahr, meldete das Unternehmen und stellt auf seinen Internetseiten umfassende Informationen zu seinem Nachhaltigkeitsprogramm inkl. Social Media Kit mit Inhalten für Blogs, Flickr und Youtube zur Verfügung, um den Dialog mit der Öffentlichkeit zu fördern.


Nachhaltigkeit ist Chefsache


In der Tat steht vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschaftskrise und sich zuspitzender Diskussionen um den Klimawandel das Thema unternehmerische Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung immer mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Experten sprechen gar von einer „Medialisierung der Nachhaltigkeit". „Zwar ist der Dialog mit verschiedenen Stakeholdern eine unverzichtbare Errungenschaft der modernen Wirtschaft. Für Unternehmen besteht aber die Gefahr, in eine Stakholderfalle zu geraten", warnt Prof. Dr. Wilfried Mödinger, vom Institute of Sustainable Leadership der Steinbeis Hochschule in Berlin. Die Stakeholderfalle bestehe darin, dass im Ausgleich mit anderen Anspruchsgruppen aus der Gesellschaft und der Ökologie, der ökonomische Standpunkt zu wenig vertreten werde, sagt Mödinger und nennt als Beispiel eine Airline, die für jeden ihrer Mitarbeiter einen Baum pflanzt, um einen Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten. Um nachhaltig unternehmerisch tätig zu sein, erfordert es eine intensive Marktforschung nach dem Bedarf an nachhaltigen Produkten, eine nachhaltige Personalführung und ein werteorientierten Management.
Nachhaltiges Wirtschaften ist demnach abteilungsübergreifend und beginnt bei der Unternehmensführung. Doch gerade deren nachhaltiges Handeln stand bei vielen Konzernen seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise in Kritik. International wurde diskutiert, dass falsche Vergütungsanreize und exzessive Boni-Zahlungen Mitschuld am Entstehen der Krise waren. Und manch ein Manager entdeckte während der Finanz- und Wirtschaftskrise Tugenden, die in der Unternehmensleitung von Familienunternehmen schon immer groß geschrieben wurden: Hier denkt man nicht primär an den nächsten Quartalsbericht, sondern an die nächste Generation.
Um diese Denkweisen weiter zu fördern, sorgt der niederländische Konzern Akzo Nobel dafür, dass sich nachhaltige Unternehmensführung direkt auf den Kontostand der Führungskräfte auswirkt: „50% des langfristiges Bonusprogramms für das Management haben wir im Jahr 2009 direkt mit dem Ranking der Firma im DJSI verknüpft", sagt CEO Hans Wijers. Und auch bei BASF in Ludwigshafen geht man mit guten Beispiel voran: Der Chemiekonzern passte als erstes DAX-Unternehmen die Verträge seiner Vorstände mit Wirkung zum 1. Januar 2010 an die Bestimmungen des „Gesetzes zur Angemessenheit der Vorstandsvergütung" an - und zwar für alle Vorstandsmitglieder, obwohl dies nur für Neuverträge notwendig war. Die BASF-Vorstände müssen künftig 10% ihrer Bruttotantiemen über mindestens vier Jahre in Aktien des Unternehmens investieren.
Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Kienbaum unter 186 deutschen aktiennotierten Unternehmen arbeitet jedes vierte Unternehmen an einer Überarbeitung seines Vergütungssystems für das Management in Bezug auf Angemessenheit und Nachhaltigkeit. Dabei sollen die Gehälter und Boni der Topmanager stärker an die langfristige Entwicklung eines Unternehmens gekoppelt werden - in guten wie in schlechten Zeiten.

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