Standorte & Services

Standort im Ballungsraum

Praxis-Leitfaden des VDI beschäftigt sich mit der Produktion in der Mitte der Gesellschaft

28.04.2017 -

Ein neuer Praxis-Leitfaden des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) zeigt Erfahrungen und Vorgehensweisen zur Standortentwicklung im Ballungsraum auf.

Das Umfeld, in dem Unternehmen agieren, hat sich ebenfalls deutlich gewandelt. Neben Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel, maroder Infrastruktur oder der Knappheit verfügbarer Flächen müssen Unternehmen in ihrem Umfeld verstärkt auch um gesellschaftliche Akzeptanz werben. Insbesondere Unternehmen in Ballungsräumen müssen sich mehr denn je als Teil ihres Umfelds begreifen. Neben Industrieunternehmen betrifft dies auch produktionsnahe Handels- und Logistikunternehmen sowie Industriedienstleister. Unternehmen der chemischen Industrie müssen sich darüber hinaus Vorurteilen und großer Skepsis stellen, die bis zur kategorischen Ablehnung reichen.
Die räumliche Nähe von Industrieunternehmen und Wohnbebauung birgt eine Reihe von Konflikten. Auslöser sind hierbei oft konkrete Änderungs- oder Erweiterungspläne am Standort. Zugleich werden hierdurch die enormen Chancen übersehen, die Ballungsräume für produzierende Unternehmen bieten. Gerade im städtischen Umfeld können Unternehmen auf eine Vielzahl strategischer Partner zurückgreifen, die sie bei dem Prozess der Standortentwicklung unterstützen.

Industrie als Motor für Wohlstand und Beschäftigung
Die deutsche Wirtschaft zieht ihre Stärke aus der mittelständisch geprägten Struktur und einem starken industriellen Kern. Deutschland verfügt hierbei über einzigartige Wertschöpfungsketten aus kleinen, spezialisierten Unternehmen, über innovative Mittelständler, bis hin zu international aufgestellten Großunternehmen. Dies wird ergänzt durch hochwertige industrienahe Dienstleistungen. Der Erhalt und Ausbau dieser Wertschöpfungsketten sind für die Wettbewerbsfähigkeit von enormer Bedeutung. Hierdurch können Wettbewerbsnachteile, etwa im Bereich der Lohn- und Energiekosten, ausgeglichen werden. Zugleich gilt jedoch auch: Bricht ein Glied dieser Kette weg, geraten auch alle anderen Teile ins Wanken. Viele Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich sind von der industriellen Basis abhängig. Insgesamt hängen etwa 15 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Industrie ab.

Industrielle Produktion in Ballungsräumen
Industrielle Produktion findet in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland oftmals in urbanen Räumen – in der Mitte der Gesellschaft – statt. Gerade in den industriellen Zentren, wie etwa dem Ruhrgebiet, hat die räumliche Nähe von Industrie und Wohnbebauung eine lange Tradition. Die meisten Regionen Deutschlands zeichnen sich hingegen durch eine relativ starke Trennung von Wohngebieten auf der einen und Industrie- und Gewerbegebieten auf der anderen Seite aus. In jüngster Zeit ist ein starker Bevölkerungszuwachs in den Metropolregionen festzustellen. Gerade junge, gut ausgebildete Menschen zieht es in die Städte. Die Gründe hierfür liegen in der günstigen Wirtschaftsstruktur, einem attraktiven Arbeits- und Immobilienmarkt sowie einer allgemein hohen Lebensqualität. Laut Prognosen des IW Köln wird im Jahr 2030 jeder fünfte Bundesbürger in einer der 14 Großstädte mit mindestens einer halben Million Einwohnern leben. In der direkten Nachbarschaft von Industrie- und Gewerbegebieten sind in den letzten Jahren zahlreiche Wohnnutzungen entstanden.
Auf der anderen Seite führen veränderte Konsumentenbedürfnisse und technische Entwicklungen dazu, dass sich Industrieunternehmen bewusst in Ballungsräumen – und damit in der Nähe ihrer Kunden – ansiedeln. Durch technologische Entwicklungen konnten zudem die Belastungen des unmittelbaren Umfelds systematisch reduziert werden. Dennoch ist das Nebeneinander von Industrie und anderen Nutzungsformen vielerorts noch keine Selbstverständlichkeit.

Bedeutung der Industrie wird unterschätzt
Auch wenn das klassische Bild der Industrie von rauchenden Schloten heute nichts mehr mit der Realität in modernen Industriebetrieben zu tun hat, hat sich die Wahrnehmung und damit auch der Stellenwert von Industrie und der mit ihr verbundenen Infrastrukturen gewandelt. Viele Menschen haben in ihrem beruflichen und privaten Bereich keine unmittelbaren Berührungspunkte mehr zur Industrie. Ihre Bedeutung für Wertschöpfung und Beschäftigung wird daher oftmals unterschätzt. Auch führt dies dazu, dass industrielle Produktion im unmittelbaren Umfeld oftmals als Fremdkörper empfunden wird. Gerade in urbanen Räumen kommt es hierdurch immer häufiger zu Konflikten und Nutzungskonkurrenzen. Dies liegt zum einen in den unmittelbaren Auswirkungen der Produktion (z. B. Geräusch- und Geruch­emissionen), wie auch an negativen Begleit­erscheinungen (z. B. zusätzliches Verkehrsaufkommen). Hieraus resultiert dann oftmals eine ablehnende Haltung gegenüber den betroffenen Unternehmen, was eine Standortentwicklung erschwert.

VDI-Leitfaden zur Standortentwicklung mit praxisnaher Checkliste
Der VDI hat in der Vergangenheit Studien und Umfragen durchgeführt, die sich mit den Trends und Aussichten für Produktion und Logistik in Deutschland bis ins Jahr 2025 beschäftigen. Darin wurde die produzierende Industrie als Motor für Wohlstand und Beschäftigung identifiziert, trotzdem wird die Bedeutung der Indus­trie deutlich unterschätzt und große Defizite und Gefahrenpotenziale für unseren Produktions­standort erkannt Dabei werden die enormen Chancen übersehen, die die räumliche Nähe von Wohnraum, Wissenschaftseinrichtungen, Dienstleistungsbetrieben und Industrie bietet.
Im neu veröffentlichten Praxis-Leitfaden haben die Ingenieure des VDI ihre Erfahrungen und Vorgehensweisen zur Standortentwicklung im Ballungsraum eingebracht. Der Leitfaden  ist untergliedert in fünf Handlungsfelder, was insbesondere KMU tun können, um Prozesse der Standortentwicklung und -sicherung längerfristig strategisch anzugehen und abzusichern. Der Leitfaden soll dabei unterstützen, die für ein Unternehmen relevanten Handlungsfelder und die strategischen Partner zu identifizieren und den Prozess der Standortentwicklung durch entsprechende Strategien und Maßnahmen zu begleiten.
Das ist leichter gesagt als getan: In vielen Unternehmen fehlen oft die Ressourcen, um diese Prozesse parallel zum Tagesgeschäft anzugehen. Zugleich merken viele Unternehmen deutlich, dass diese Aufgaben angesichts der enormen Herausforderungen nicht mehr nur „nebenbei“ erledigt werden können. Der Leitfaden gibt daher auch wertvolle Hinweise, wie Unternehmen auch mit geringem Aufwand erste Schritte in Richtung einer strategischen Standortentwicklung unternehmen und dies personell und organisatorisch verankern können. Ein Schwerpunkt liegt dabei darauf, die Strukturen am Standort durch Austausch, Kooperationen und Netzwerke zu nutzen. Ergänzt wird dies durch konkrete Beispiele von Unternehmen, die innovative Ansätze und Lösungen gefunden haben, um sich den langfristigen Herausforderungen an ihrem Standort zu stellen. Diese Ansätze sind oft mutig, manchmal auch unkonventionell, in jedem Fall aber lesens- und nachahmenswert. Eine konkrete Auflistung von Arbeitsschritten für innovative Ansätze und Lösungen in einer umfangreichen Checkliste rundet das Dokument ab. Die Checkliste soll helfen, sich sehr schnell und detailliert einen Überblick über die Problemfelder am eigenen Standort zu machen, Schwerpunkte und Konfliktpotenzial einzuschätzen und ggfs. „Kümmerer“ zu identifizieren, um sich den langfristigen Herausforderungen am eigenen Standort zu stellen.

Die Verantwortung des Einzelnen
Auch dem Ingenieur in der Produktion können hier wichtige Aufgaben zukommen, denn mit seinem Know-how kann er Beiträge zu fast allen der fünf identifizierten Handlungsfelder ggf. mit Ausnahme des Bereichs Politik und Verwaltung leisten:

Innovationssysteme
Als Verantwortlicher im Zentrum der Produktion kennt er die Anlage mit ihren Stärken und Schwächen am besten. Niemand kann besser Innovationen und Verbesserungen zur Anlagensicherheit und Verfügbarkeit initiieren und auch aktiv einfordern. Im Rahmen der strategischen Standortentwicklung erhält der „Mehrwert Maintenance“ eine neue, größere Dimension.

Nachbarschaft/Akzeptanz vor Ort
Jeder einzelne ist Teil einer Gemeinschaft und trägt damit durch offene und ehrliche Kommunikation zur Öffentlichkeitsarbeit und Akzeptanz vor Ort bei. Eine Aufklärung der Nachbarschaft, z. B. im Rahmen von Betriebsbesichtigungen, am Tag der offenen Tür mit Unterstützung der Betriebsingenieure oder Produktionsleiter, können Interesse und Akzeptanz in der Nachbarschaft erhöhen.

Logistik & Infrastruktur
Keine Produktion ohne Logistik und Infrastruktur. Eine enge Kooperation und Abstimmung zwischen Betriebsingenieuren, Produktionsleitern und Logistik ist die Basis einer effektiven Wertschöpfungskette.

Fachkräfte & Nachwuchsbeschaffung
Gut ausgebildete Betriebsingenieure sind in der Lage eine Anlage dauerhaft und zuverlässig zu betreiben und auch in schwierigen Situationen angemessen zu reagieren. Aber Betriebsingenieure werden nicht über Nacht zum „kreativer Problemlöser“, der situationsabhängig mit Technik, organisatorischen und personellen Strukturen interagiert. Hierzu sind eine vorausschauende Personalentwicklung sowie regelmäßige Fortbildungen erforderlich.