Vom Chemiker zum Unternehmer

Science4Life begleitet Wissenschaftler auf ihrem Weg ins Unternehmertum

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  • „Ich bin stolz darauf, ein Unternehmen von Null aufgebaut zu haben und genieße meine zeitliche Flexibilität.“  Dr. Marek Checinski, Geschäftsführer, CreativeQuantum
  • „Flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege geben uns Freiraum für kreatives Arbeiten.“  Sascha Knauer, Geschäftsführer, Sulfotools
  • „Die volle Verantwortung für mein Unternehmen ist ein sehr großer persönlicher Mehrwert für mich.“ Dr. Garwin Pichler, Geschäftsführer, PreOmics

Die Chemie- und Pharmaindustrie zählt zu den forschungsstärksten Branchen in Deutschland. Laut einer Studie des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) vom September 2015 erwirtschaftet die Branche ein Fünftel ihres Umsatzes mit Produkten, die jünger als fünf Jahre sind. Die meisten dieser Innovationen werden in Großkonzernen entwickelt. Eben diese beklagen den Mangel an Start-ups in der Chemie als ein nicht zu unterschätzendes Innovationshemmnis. Denn für viele Chemiker scheint die Gründung eines eigenen Unternehmens noch keine Option bei der Jobwahl zu sein.

Gegen die Berufswahl als Selbstständiger sprechen lange Entwicklungszyklen, die Notwendigkeit einer meist aufwendigen Infrastruktur sowie langwierige Zulassungs- und Genehmigungsverfahren. All dies macht eine Unternehmensgründung planungs- und kostenintensiv. Darüber hinaus müssen sich angehende Unternehmer betriebswirtschaftliche Kenntnisse und praxisorientiertes Wissen rund um die Gründung aneignen. Neben fachlichem Know-how brauchen Gründer also einen langen Atem und viel Eigeninitiative.

Die Gründerinitiative Science4Life unterstützt mit dem branchenspezifischen Businessplan-Wettbewerb Science4Life Venture Cup gerade auch Chemiker dabei, den Schritt aus der Wissenschaft in die Wirtschaft erfolgreich zu meistern.

„Dabei ist die Situation aktuell für Existenzgründer im Bereich Chemie sehr gut“, ermutigt Dr. Eckart Krupp von der Gründerinitiative Science4Life. „Im umfangreichen Netzwerk von Science4Life ist alles Know-how vorhanden, das Gründer benötigen. In unseren Veranstaltungen liefern wir zum Beispiel Informationen zu Patentrecht, Teamaufbau, Bilanzierung und Marktanalyse. Experten stehen den Teilnehmern zudem in individuellen Coachings zur Seite und unter den Kooperationspartnern sind auch gleich die richtigen Ansprechpartner für die Finanzierung.“ Dass dieses Modell Früchte trägt, belegen Chemiker, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagten – auch wenn es noch viel mehr sein könnten.

Warum sich Gründen für Chemiker durchaus lohnt, berichten die Inhaber von CreativeQuantum, Sulfotools und PreOmics, dreier Unternehmen, die erfolgreich am Venture Cup teilgenommen haben oder sich aktuell noch im Wettbewerb befinden.

Konzentration auf Technologie und Kunden

Für Dr.

Marek Checinski, Geschäftsführer bei CreativeQuantum, waren die Faszination an einer Technologie und die Erkenntnis, dass diese zukunftsweisend in der Forschung und Entwicklung der Chemiebranche ist, ausschlaggebend für seine Selbstständigkeit. Vor mittlerweile acht Jahren gründete Checinski mit gerade mal 25 Jahren in Berlin sein Unternehmen und bietet seitdem Quantenchemie basierte Dienstleistungen für die chemische Forschung und Entwicklung (F&E) an. Mittels computergestützter Simulationen können Eigenschaften und Reaktionen beliebiger chemischer Substanzen bestimmt und die kosten- und zeitintensive F&E in der Chemie und Pharmazie erheblich optimiert werden. Zu den Kunden zählen kleine Unternehmen bis hin zu großen Konzernen aus der Chemie- und Materialienbranche sowie Forschungsinstitute.

Checinski, der über die Zusammenarbeit mit seinen Kunden zur Verbesserungen von chemischen Verfahren beiträgt, sieht in der Selbständigkeit für sich einige Vorteile. Er genießt die zeitliche Flexibilität und die vollkommene Konzentration auf die Technologie sowie die Bedürfnisse seiner Kunden. Für ihn ist auch wichtig, dass sein Arbeitsalltag nicht von Controlling- und Reportingmaßnahmen „fremdbestimmt“ ist. Er arbeitet gern wenig bürokratisch und mit einem engagierten Team, das der Sache und nicht der Karriere bzw. dem Geld oberste Priorität beimisst. Durch das Coaching bei Science4Life lernte er viel, sparte dadurch Zeit und vermied Enttäuschungen. Der Rest ergab sich im operativen Geschäft. Die Initiative sei in jedem Fall eine Bereicherung für die Gründungslandschaft. Mehr Mut für die Zusammenarbeit mit Gründern erhofft sich Marek Checinski von Seiten der großen Unternehmen. Auch würde er sich über noch mehr Erfolgsgeschichten von jungen Unternehmen freuen.

Flexibilität und Engagement gefragt

Eine solche Erfolgsgeschichte ist das Start-up Sulfotools, das im Frühjahr 2016 gegründet wurde. Das Unternehmen bietet eine umweltschonende und kostengünstige Methode zur Herstellung von Peptiden in Wasser für Kunden aus der Pharma-, Chemie- und Kosmetikindustrie. Biochemiker Sascha Knauer stieß eher zufällig im Rahmen seiner Doktorarbeit auf die innovative Clean Peptide Technology, mit der erstmals Peptide ohne Verwendung von organischen Lösungsmitteln hergestellt werden.

Gemeinsam mit seiner Studienkollegin Christina Uth beschloss Knauer die Ausgründung. Ihrer Ansicht nach sind die Entscheidungswege an Hochschulen wie auch in Großunternehmen zu langsam und zu etabliert. Im eigenen Unternehmen legen beide den Fokus auf die Weiterentwicklung der Technologie und arbeiten an neuen Ideen. Die Arbeit im Start-up erfordert allerdings viel Flexibilität und Engagement. Jeder springt ein, wo es gerade am nötigsten ist, egal wann. Das mag gegen eine Unternehmensgründung sprechen, für Knauer und Uth hingegen ist ein Start-up genau die Umgebung mit flachen Hierarchien und kurzen Entscheidungswegen, die ihnen kreatives Arbeiten erlaubt. Beide hatten während ihres Studiums wenig Gelegenheit, sich betriebswirtschaftliches Know-how anzueignen. Dabei half ihnen u.a. die Teilnahme bei Science4Life und am Merck Accelerator Programm, wo sie darüber hinaus wertvolle Kontakte zu anderen Gründern knüpften.

Gestaltungsfreiheit motiviert Gründer

Wie wichtig der Kontakt zu anderen Gründern ist, hat Dr. Garwin Pichler selbst erlebt. Der Biochemiker beschäftigte sich während seiner Promotion mit Massenspektrometer basierter Proteomik und war von dem riesigen Potenzial dieser Technologie begeistert. Durch die enge Zusammenarbeit mit einem Start-up erhielt Pichler bereits während des Studiums Einblicke in die tagtäglichen Herausforderungen, denen Gründer sich stellen. Der damalige Geschäftsführer des Start-ups war es auch, der Pichler schon frühzeitig von den Vorzügen einer Selbstständigkeit überzeugte. Pichlers Geschäftsidee, ein Probenvorbereitungs-Kit für die MS-basierte Proteomik, wurde vom M4-Award „Personalisierte Medizin“ gefördert. Pichler und sein Kollege Dr. Nils A. Kulak entwickelten die Idee am Max-Planck-Institut für Biochemie in München weiter. Nach Ablauf der Förderung im Januar 2016 sprangen sie mit der Gründung von PreOmics sozusagen „ins kalte Wasser“. Ihr erstes Produkt ist eine neuartige Probenvorbereitung für die MS-basierte Proteomik, die eine reproduzierbare Vorbereitung aller Arten von Proben (z.B. HeLa, FFPE Material, IPs, Hefe, Blut, CSF etc.) in nur drei Schritten und einer Stunde Arbeitsaufwand ermöglicht.

Sie gewährleistet zudem eine sensitive und saubere Vorbereitung im Hochdurchsatz und kommt bei Kunden aus der akademischen Forschung, in der Pharmabranche und Diagnostik zum Einsatz. Etwas voranzutreiben war schon immer der Wunsch von Garwin Pichler. Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiheit möchte er bei seiner Arbeit nicht mehr missen. Darin liegen für ihn auch die klaren Vorteile einer Selbstständigkeit. Viel Unterstützung fand Pichler für seine Gründung im privaten Umfeld. Familie und Freunde halfen ihm bspw. im Bereich Design und bei juristischen Fragen. Mit dem Experten-Feedback von Science4Life finalisierte er das Geschäftskonzept und den Businessplan. Aktuell befindet er sich auf Investorensuche, hier profitiert er mit seinem Unternehmen u.a. von den PR-Maßnahmen der Gründerinitiative. Dem Erfahrungsschatz von ehemaligen Gründern misst er ebenfalls viel Bedeutung zu. Und auch er ist der Meinung, dass das Studium nicht nur Vorbereitung für den akademischen Weg sein sollte, sondern dass es definitiv mehr Veranstaltungen, z.B. auch von erfolgreichen Gründern, geben müsste.

Das Fazit der drei Chemieunternehmer ist eindeutig: Flexibilität, kurze Entscheidungswege und Selbstbestimmtheit im eigenen Unternehmen bewirken, dass Stressfaktoren, wie Geldmangel, hoher Einsatz und viel Arbeit an Bedeutung verlieren. Die Gründer wünschen sich bereits früh, am besten schon im Studium, die Vermittlung von gründungsrelevanten Inhalten. Der enge Austausch in der Start-up-Szene vermittelt Wissen und hat Sogwirkung auf potenzielle Gründer. (ag)

Science4Life Venture Cup

Am 11. Juli 2016 werden die Preisträger des Science4Life Venture Cups 2016 in Frankfurt am Main gekürt. Die nächste Runde des Businessplan-Wettbewerbs – der eine Ideenphase, Konzepthase und Businessplanphase – umfasst, startet am 1. September 2016. Ein Einstieg ist in allen Phasen möglich. Alle Teilnehmer erhalten ein ausführliches Feedback auf ihre Wettbewerbsbeiträge. Darüber hinaus werden Preisegelder für die besten Ideen, Konzepte und Businesspläne vergeben. Weitere Informationen und Anmeldung unter: www.science4life.de

 

 

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