Politische Risiken für den Großanlagenbau nehmen zu

VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau muss sich in einem herausfordernden Wettbewerbsumfeld behaupten

  • Wasserstoff und Synthesegas-Anlage in Al Jubail, Saudi-Arabien, © LindeWasserstoff und Synthesegas-Anlage in Al Jubail, Saudi-Arabien, © Linde
  • Wasserstoff und Synthesegas-Anlage in Al Jubail, Saudi-Arabien, © Linde
  • Jürgen Nowicki, Sprecher der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB)
  • © ThyssenKrupp
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Die Welt ist im Wandel und für den Großanlagenbau ist das aktuelle wirtschaftliche und politische Umfeld nur schwer kalkulierbar. Die Auftragseingänge der in der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) organisierten Unternehmen lagen 2016 mit 18,9 Mrd. EUR um 3 % unter dem Wert des Vorjahres und damit auf dem niedrigsten Stand seit 2004. Dies wirkte sich auch auf die Beschäftigtenzahl aus, die an den Inlandsstandorten um 2 % auf 57.600 Mitarbeiter zurückging.

Im Chemieanlagenbau gingen die Bestellungen sogar um 13 % auf 1,7 Mrd. EUR zurück – das sind die niedrigsten Buchungen in diesem Segment seit 1999. Überkapazitäten, schwankende Rohstoffpreise und anhaltende politische Unsicherheiten kennzeichnen das Branchenumfeld. Zudem belasten hohe Schulden die Unternehmen der Öl- und Gasbranche und dämpfen die Investitionsneigung auf Kundenseite. Die Anlagenbauer teilen somit ein immer kleiner werdendes Marktvolumen unter sich auf. Infolge des Anstiegs der Wettbewerbsintensität und des Preisdrucks ist es bereits zu einer Konsolidierung der Wettbewerberlandschaft gekommen, die sich voraussichtlich fortsetzen wird.

„Angesichts des herausfordernden Umfelds werten wir es als Zeichen hoher Wettbewerbsfähigkeit, dass der Großanlagenbau sich insgesamt nahezu stabil in seinen Märkten behaupten konnte“, sagte Jürgen Nowicki, Sprecher der Geschäftsleitung von Linde Engineering und Sprecher der AGAB, anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Lageberichts in Frankfurt am Main.

Im laufenden Jahr sei mit keiner Trendwende im Großanlagenbau zu rechnen. Laut einer aktuellen Mitgliederumfrage erwarte die überwiegende Mehrheit der Unternehmen bestenfalls stagnierende Umsätze sowie rückläufige Beschäftigtenzahlen im Inland. Einen Lichtblick sieht Nowicki aber: „Immerhin erhofft sich rund die Hälfte der Befragten leicht steigende Auftragseingänge.“

Auslandsauftragseingang rückläufig

Im Ausland sanken die Bestellungen 2016 um 10 % auf 15,2 Mrd. EUR. Betroffen waren davon nahezu alle Regionen. Besonders deutlich war der Einbruch im Nahen Osten, wo die Kunden des Anlagenbaus angesichts des niedrigen Ölpreises Investitionen zurückstellten.

Doch auch in Schwellenländern wie etwa Brasilien, Indien und Mexiko war die Entwicklung enttäuschend. Immerhin stabilisierte sich die generelle Nachfrage in den Industrieländern und im asiatisch-pazifischen Raum mit China als wichtigstem Markt, wobei der Chemieanlagenbau in China seit 2014 unter einem regelrechten Einbruch des Marktes leidet. Die wenigen relevanten Chemieanlagenbauprojekte in China werden überwiegend von lokalen Anbietern abgewickelt.

Megaprojekte in Ägypten und Russland

Eine Reihe von Megaprojekten in Ägypten (vor allem Gas- und Dampfturbinenkraftwerke) und Russland (metallurgische Anlagen und Anlagen zur Luft- und Gasverflüssigung) sorgte dafür, dass das Auslandsgeschäft nicht noch weiter schrumpfte. „Gleichzeitig verharrte die Zahl der für den Großanlagenbau typischen und für die Auslastung der Unternehmen wichtigen Projekte in der Größenordnung von 125 bis 500 Mio. EUR auf niedrigem Niveau“, erläuterte Nowicki.

Inlandsauftragseingang steigt von niedrigem Niveau

Im Inlandsgeschäft gab es vereinzelte Lichtblicke. Dennoch blieb das Niveau mit Bestellungen von 3,7 Mrd. EUR niedrig und lag um rund 1 Mrd. EUR unter dem langjährigen Durchschnitt. Nach wie vor fehlen Großaufträge für thermische Kraftwerke. „Letztlich hat die Energiewende in Deutschland zu einem Strukturbruch bei der klassischen Stromerzeugung geführt, der den nahezu kompletten Wegfall des Kernmarktes nach sich zog“, kommentierte Nowicki die aktuelle Entwicklung.

Mittlere Projektgrößen rücken in den Fokus

Im Großanlagenbau rücken mittlere Projektgrößen unter 100 Mio. EUR zunehmend in den Fokus. Getrieben wird diese Entwicklung auch von veränderten Kundenbedürfnissen. Die Käufer wünschen sich die Lieferung modularer Anlagen, die mit digitalen Schnittstellen ausgestattet sind und auf denen sich kleine Losgrößen flexibel herstellen lassen. Zu beobachten ist dieser Trend insbesondere in der Stahl- und in der Papierherstellung sowie in der Holzindustrie und der Energieerzeugung. Der Großanlagenbau reagiert auf die neuen Markterfordernisse, indem er die auf das Großprojektgeschäft ausgelegten Managementprozesse an die neuen Rahmenbedingungen anpasst. Nowicki: „Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit sind in diesem Umfeld die neuen Trümpfe.“

Branche setzt auf Stärkung der EPC-Fähigkeit

Auch wenn die Nachfrage nach Megaanlagen tendenziell sinkt, bleibt die Übernahme der Gesamtverantwortung für Projekte – kurz EPC-Fähigkeit genannt – ganz oben auf der Agenda des Großanlagenbaus. Denn immer mehr Kunden fordern Komplettpakete und damit auch die Übernahme der Verantwortung für die Gesamtabwicklung. Die AGAB-Mitglieder reagieren auf diesen Trend, indem sie ihre Kompetenzen im Risiko- und Projektmanagement, aber auch im Contract- und Claims- Management weiter ausbauen.

Die Unternehmen stärken überdies ihr Wissen im Bau- und Montagemanagement. In diesem Zusammenhang nimmt vor allem die Verantwortlichkeit des Anlagenbaus für Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter sowie für den Umweltschutz an Bedeutung zu. Um den steigenden gesetzlichen Vorgaben und den umfangreichen Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden, hat der VDMA-Großanlagenbau auch in diesem Bereich Personal und Wissen ausgebaut. „Schließlich umfasst der Verantwortungsbereich des Anlagenbaus speziell auf Baustellen neben dem eigenen Personal auch die Sicherheit der Mitarbeiter von Unterlieferanten sowie von freien Mitarbeitern. Diese Aufgabe nehmen wir sehr ernst“, erläuterte Nowicki.

Problemfelder Hermesdeckung und Doppelbesteuerungen

Im Großanlagenbau spielt die Absicherung der Exportgeschäfte durch Hermes-Deckungen eine wichtige Rolle. Der Bund hat jüngst Bestimmungen zur Deckungsfähigkeit ausländischer Lieferungen und Leistungen vereinfacht und den Genehmigungsprozess transparenter gestaltet, wenn die ausländischen Anteile 49 % des abzusichernden Exportauftrags übersteigen. Dies war nach Ansicht der AGAB ein wichtiger Schritt. Allerdings, Märkte und Wertschöpfungsketten verändern sich und immer mehr, Ausschreibungen in Entwicklungs- und Schwellenländern sehen stärkere lokale Lieferanteile vor. Schon allein dadurch sind die an das OECD-Regelwerk gebundenen deutschen Anbieter gegenüber der asiatischen Konkurrenz im Nachteil. Der Großanlagenbau fordert den Bund daher auf, sich weiter für ein Level Playing Field einzusetzen.

Ausgehend von einer hohen Exportquote von mehr als 80 % ist das Projektgeschäft des deutschen Anlagenbaus von langen Montagetätigkeiten im Ausland geprägt. Aufgrund dessen müssen die Unternehmen zunehmend eine doppelte Besteuerung des anteiligen Betriebsstättengewinns verkraften. Gründe liegen häufig in fehlenden Doppelbesteuerungsabkommen mit den betroffenen Staaten. Die AGAB plädiert deshalb für mehr solcher Abkommen sowie für praxisnahe Lösungen bei Doppelbesteuerungen.

Optimismus dank Innovations- und Technologiestärke

Angesichts fehlender Wachstumsimpulse in vielen Industrie- und Schwellenländern bemüht sich die Branche derzeit um die Erschließung neuer Märkte in Afrika sowie in Süd- und Zentralasien. Darüber hinaus eröffnen sich dem Anlagenbau in den USA und im Iran gute Absatzchancen.

„Der VDMA-Großanlagenbau ist nach wie vor Innovations- und Technologieführer im globalen Markt. Eine hohe Service- und Ausbildungskompetenz sowie die Fähigkeit, Anlagen zu betreiben und sie mit digitaler Intelligenz auf- und nachzurüsten sind weitere spezifische Stärken der Branche. Insofern schauen die Unternehmen mit Optimismus in die Zukunft“, lautete das Fazit von AGAB-Sprecher Nowicki. (mr)

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