28.10.2015
ThemenStrategie

Start-ups in Deutschland: Mehr Raum für junge Ideen

Gründerin Sonja Jost sagt: Es mangelt an Prozessen für die Zusammenarbeit von Start-ups und Konzernen

  • Sonja Jost, Mitgründerin und Geschäftsführerin, DexLeChemSonja Jost, Mitgründerin und Geschäftsführerin, DexLeChem

Die Ingenieurin Sonja Jost gründete im Jahr 2013 das Berliner Unternehmen DexLeChem. Das Start-up optimiert Produktionsprozesse nach den Prinzipien von Green Chemistry, sodass der Einsatz teurer Ressourcen wie z. B. chiraler Katalysatoren reduziert wird oder diese wiederverwendet werden können. DexLeChem hat seinen Firmensitz im Gründerzentrum CoLaborator von Bayer HealthCare. Zu seinen Kunden zählen Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie. Dr. Andrea Gruß sprach mit Geschäftsführerin Jost über Hürden bei der Unternehmensgründung und der Zusammenarbeit mit Industriekunden.

CHEManager: Frau Jost, Sie haben sich von der Universität aus selbstständig gemacht. Was hat Sie zu diesem Schritt motiviert?

S. Jost: Ich hatte mich bei meinen Forschungen im Exzellenzcluster UniCat auf enantioselektive Hydrierungen spezialisiert und damals erstaunt gelesen, dass bis zum Jahr 2007 bereits über 3.000 chirale Liganden in Forschungsinstituten entwickelt worden waren, davon aber nur etwa 30 Verbindungen industriell genutzt wurden. Da die Performance nicht ausschlaggebend war, wollte ich die wahren Gründe herausfinden, die eine industrielle Implementierung bestimmter Liganden verhinderte. Denn für meine eigene Forschung war mir klar: Ich wollte nicht einfach nur einen Prozess „für die Schublade“ entwickeln, sondern einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Chemieproduktion leisten und mit meinen Ergebnissen einen Mehrwert für die Chemie schaffen. Ein Start-up zu gründen erschien mir dann die einzige Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen.

Welche Chancen konnten Sie bei der Gründung Ihres Unternehmens nutzen?

S. Jost: Wir hatten gleich dreifach Glück: Zwei Professoren hatten das Potenzial unserer Forschungsarbeiten erkannt und uns Platz in ihren Laboren – auf Kosten anderer Projekte – freigeräumt. Zudem waren wir erfolgreich mit unserer Bewerbung beim EXIST-Forschungstransferprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums, von dem nur wenige Projekte pro Jahr gefördert werden.

Und da ich meine Forschungstätigkeit über Stipendien finanziert hatte, konnte ich eine freie Erfindung zum Patent einreichen, sodass uns langjährige Verhandlungen mit der Universität erspart blieben.

Wie bewerten Sie die Rahmenbedingungen für Chemiegründungen in Deutschland?

S. Jost: Die Bedingungen für Gründer in der Chemie sind deutlich schlechter als in anderen Branchen. Das fängt an der Universität an: In den Gründungsabteilungen, in denen Teams ihre Projekte bis zur technischen Machbarkeit weiter entwickeln, gibt es in der Regel keine Laborinfrastruktur. In den naturwissenschaftlichen Fakultäten gibt es zwar Labore, diese platzen aber oftmals schon durch den normalen Lehr- und Forschungsbetrieb aus allen Nähten. Auch dort finden Chemiegründungsprojekte keinen Raum. Wo aber dann? Die Ansiedlung in Technologieparks oder Gründerzentren ist im Vorgründungszeitraum noch nicht möglich.

Abgesehen vom Laborraum fehlt es auch an Finanzierungsinstrumenten für die Vorgründungsphase – vergleichbar dem oben erwähnten EXIST-Programm. Und in vielen Fällen gestaltet sich auch die Übernahme des IP, dem Intellectual Property, von universitären Forschungsprojekten in die Start-ups als sehr schwierig. Auch wenn einige Universitäten, beispielsweise die TU Berlin und die TU München, diese Probleme bereits angehen, so besteht in der Breite noch ein sehr hoher Handlungsbedarf.

Die Kunden von DexLeChem sind Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie. Welche Erfahrungen haben Sie bei der Zusammenarbeit gemacht?

S. Jost: Es ist grundsätzlich schwierig, Entscheidungsträger in der Chemie- und Pharmaindustrie davon zu überzeugen, Innovationen in die Produktion zu überführen, die bisher noch nicht industriell genutzt wurden. Dabei spielt es keinerlei Rolle, wie hoch der Mehrwert ist, den zum Beispiel ein Katalysator Re-using schaffen kann oder wie gering die Investition, die für das Pilotprojekt mit einem Start-up notwendig ist. Als Gründer läuft man bei der Akquise schnell vor eine unsichtbare, gläserne Wand, die erst dann durchdrungen wird, wenn man den ersten Referenzkunden gewinnt. Nur will eben keiner dieser erste Kunde sein. Im Fall von DexLeChem hieß das konkret: eineinhalb Jahre Klinken putzen, bis uns jemand eine Chance gegeben hat: Das Schweizer Unternehmen Lonza. Die guten Ergebnisse dieses ersten Auftrags sprachen für sich.

Wo liegen die Hürden bei der Zusammenarbeit von Chemiekonzernen und Start-ups als Kunde und Dienstleister?

S. Jost: Aus meiner Erfahrung ist das Interesse der Konzerne an den Innovationen der jungen Unternehmen groß, aber es mangelt an internen Prozessen für die Zusammenarbeit mit Start-ups.

Aus Kundensicht sind Entwicklungsprojekte mit Start-ups aufgrund der fehlenden Industriereferenzen erst einmal mit einem doppelt hohen Risiko verbunden: Zum einen handelt es sich um keine Standardtechnologien und -produkte und zum anderen besteht auch keine Erfahrung in der Zusammenarbeit mit dem Start-up. Solche risikoreichen Projekte erfüllen damit in der Regel nicht die Anforderungen, um aus „normalen“ Entwicklungsbudgets bezahlt werden zu können.

Hinzu kommen aufwendige Prozesse für die Zulassungen eines Lieferanten in einem etablierten Industrieunternehmen. Oft lassen sich diese auch nicht auf die Situation von Start-ups anwenden: Umfangreiche Liquiditätsprüfungen beispielsweise wird kaum ein Start-up bestehen, ebenso sind sehr lange Zahlungsziele unrealistisch.

Aus diesen Gründen verlaufen sehr viele Projektanbahnungen, die viel versprechend begannen, im Sand.

Was muss sich ändern, damit mehr Innovationen von Start-ups ihren Weg in die Chemieindustrie finden?

S. Jost: Technische Entwicklungsabteilungen benötigen Budgets für Pilotprojekte mit Start-ups; Lieferantenzulassungsprozesse müssen der besonderen Situation der jungen Unternehmen angepasst werden. Darüber hinaus wären Start-up-Beauftragte wünschenswert, die Piloten begleiten und im Zweifel auch einmal die unterschiedlichen Sprachen beider Partner übersetzen und vermitteln können. Denn nicht nur die Kulturen, sondern auch die Sprache von Konzernen und Start-ups unterscheiden sich signifikant.

Durch Investitionen in verbesserte Rahmenbedingungen bei der Zusammenarbeit mit Gründern kann die Chemieindustrie ein hohes Innovationspotenzial erschließen. Pilotprojekte mit Start-ups sind meist mit sehr geringen Budgets umzusetzen, obwohl den Innovationen valide Ergebnisse aus langjähriger Forschung zugrunde liegen. Fast alle Chemie-Start-ups in Deutschland sind Ausgründungen aus renommierten Forschungsinstituten, die sich schon lange vor der Gründung über viele Jahre hinweg hoch spezialisiert haben. Mitarbeiter von Start-ups sind aber nicht nur Spezialisten und technische Experten, sondern auch extrem schnell, flexibel und kreativ. Dabei sind sie extrem hungrig danach sich beweisen zu können. Kombiniert man dies mit den Möglichkeiten eines Konzerns, schafft dies beste Voraussetzungen, um neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in kurzer Zeit bis zur Marktreife zu entwickeln. Am Ende sichert genau dies die Wettbewerbsfähigkeit des Chemiestandorts Europa.

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