Märkte & Unternehmen

Chemiekonjunktur – Deutsche Chemieindustrie im Sog der Covid-19-Pandemie

Die Chemie- und Pharmaumsätze sanken im ersten Halbjahr um über 6 %

08.09.2020 - Die deutsche Chemie scheint im zweiten Quartal die Talsohle durchschritten zu haben; doch die Erholung steht auf wackeligen Füßen.

Deutsche Chemieindustrie im Sog der Covid-19-Pandemie

Das Chemie- und Pharmageschäft stand im ersten Halbjahr 2020 ganz im Zeichen der Covid-19-Pandemie, des globalen Shutdowns und der dadurch ausgelösten Weltwirtschaftskrise. Der globale Einbruch der Wirtschaftsleistung führte bei vielen Chemieunternehmen innerhalb kürzester Zeit zu einem starken Rückgang von Aufträgen. Das galt insbesondere bei Vorprodukten für die Automobil-, Metall- und Elektroindustrie. Die deutsche Industrie musste im zweiten Quartal ihre Produktion um mehr als 20% drosseln (Grafik 1). In Europa, den USA oder Asien sah es mit Ausnahme von China nicht besser aus. Mehrere Wochen stand die Produktion in der europäischen und US-amerikanischen Automobilindustrie und ihrer Zulieferer still.

Die Chemieunternehmen mussten daher im zweiten Quartal einen kräftigen Einbruch der Nachfrage verkraften. Zugleich profitierten aber auch einige Unternehmen von einer Corona-bedingten „Sonderkonjunktur“. Desinfektionsmittel, Medikamente, Seifen oder Reinigungsmittel waren zeitweise stark gefragt.

Der Auftragsmangel war aber nicht die einzige Herausforderung: Hinzu kamen Störungen in den Lieferketten und der Logistik, umfangreiche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs. Und dann auch noch die Schließungen von Schulen und Kitas und die abrupte Umstellung auf mobiles Arbeiten, Homeoffice und virtuelle Besprechungen. Diese Herausforderungen haben die Unternehmen und ihre Mitarbeiter gut gemeistert. Die Versorgung der Kunden war überwiegend sichergestellt.

Produktionsdrosselung in allen Sparten

Mangels Nachfrage im In- und Ausland musste die chemisch-pharmazeutische Industrie nach einem guten Jahresbeginn (+0,8%) die Produktion im zweiten Quartal um 5,8% drosseln. Unter dem Strich lag die Produktion in den ersten sechs Monaten insgesamt 2,5% niedriger als ein Jahr zuvor. Die Kapazitätsauslastung sank auf 77,5%. Rechnet man das Pharmageschäft heraus, sank die Chemieproduktion sogar um 3,6%. Insgesamt kam die Chemieindustrie damit aber deutlich besser durch die Krise als andere Branchen.

Von der schwächeren Nachfrage seitens der industriellen Kunden waren im ersten Halbjahr 2020 alle Sparten betroffen (Grafik 2). Die Basischemie lag insgesamt deutlich unter Vorjahr, wenngleich die Entwicklung innerhalb der einzelnen Sparten der Basischemie uneinheitlich war. Am wenigsten negativ lief es für die Hersteller von organischen Grundstoffen. Hier lag die Produktion lediglich 2,5% niedriger als ein Jahr zuvor. Demgegenüber sank die Produktion von anorganischen Grundstoffen um 6,1%. Am deutlichsten waren die Polymerhersteller von der Nachfrageflaute betroffen. Eine schwache Nachfrage der Kunststofferzeuger und der Automobilindustrie ließ die Produktion hierzulande um 8% sinken.

Die Coronakrise bremste auch das Geschäft mit Fein- und Spezialchemikalien. Die Produktion ging im ersten Halbjahr um 3,9% zurück. Am besten lief es für die Hersteller von Seifen, Wasch- und Reinigungsmitteln. Die konsumnahe Sparte profitierte vorübergehend von einer steigenden Nachfrage nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln. Angesichts einer sinkenden Nachfrage nach Kosmetika musste die Produktion insgesamt jedoch leicht zurückgefahren werden.

Die Pharmaproduktion stagnierte. Zwar stieg zu Beginn der Pandemie die Nachfrage nach Medikamenten durch Vorratskäufe. Anschließend dämpfte jedoch die Reservierung von Kapazitäten des Gesundheitssystems für die Corona-Patienten die Pharmanachfrage.

Starker Umsatzrückgang im In- und Ausland

Die Erzeugerpreise für chemische und pharmazeutische Produkte sanken im Vergleich zum Vorjahr insgesamt um 1,5% (Grafik 3). Hauptursache des Preisrückgangs war neben der Nachfrageschwäche der starke Rückgang der Ölpreise im ersten Halbjahr: Rohöl kostete im ersten Halbjahr durchschnittlich 41 USD pro Barrel und damit gut ein Drittel weniger als ein Jahr zuvor. Die rohölnahen Sparten folgten dieser Entwicklung. Hier waren deutliche Preisrückgänge zu beobachten. Auftragsmangel und rückläufige Preise führten im ersten Halbjahr zu einem Umsatzrückgang um 6,1%. Die Erlöse der Branche lagen insgesamt bei 96 Mrd. EUR. Der Inlandsumsatz sank im ersten Halbjahr um 5,4% auf 35,6 Mrd. EUR. Der Auslandsumsatz lag mit 60,4 Mrd. EUR sogar um 6,5% niedriger als ein Jahr zuvor. Denn nahezu alle Exportmärkte waren stark von Corona-bedingten Einschränkungen betroffen.

Beschäftigung stabil

Trotz der schwierigen Geschäftslage gelang es den Chemie- und Pharmaunternehmen, das hohe Beschäftigungsniveau zu halten. Aktuell arbeiten unverändert rund 464.000 Frauen und Männer in der Chemie- und Pharmaindustrie. Allerdings werden freiwerdende Stellen aktuell häufig nicht neu besetzt. In Folge der Coronakrise sind seit Frühjahr rund 15% der Beschäftigten – als also rund 70.000 Mitarbeiter – der Chemiebranche in Kurzarbeit. Schwerpunkt der Kurzarbeit waren bisher vor allem die Zulieferbetriebe der Automobilindustrie.n

Ausblick: Talsohle durchschritten

Die Stimmung in den Unternehmen der Branche hat sich zuletzt aufgehellt. Laut IFO-Konjunkturtest hat sich die aktuelle Lage leicht verbessert. Sie wird aber weiterhin als schwierig eingeschätzt. Demgegenüber fallen die Geschäftserwartungen mittlerweile positiv aus. Viele Unternehmen hoffen auf eine Erholung des Chemiegeschäfts im zweiten Halbjahr. Laut einer aktuellen Mitgliederumfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) haben die Störungen des Betriebsablaufs nachgelassen und die Nachfrage hat sich im In- und Ausland leicht belebt (Grafik 4).

Hoffnung macht auch der Blick auf die Entwicklung der Kunden: Die deutsche Industrieproduktion stieg seit April um 22%. Besonders stark legte in diesem Zeitraum die Produktion von Möbeln, Maschinen, Fahrzeugen und Kunststoffwaren zu. Dies dürfte die Nachfrage nach Chemikalien in den kommenden Monaten weiter stabilisieren. Im restlichen Europa, den USA, Indien und Brasilien sieht es ähnlich aus. Auch dort wurde nach der Lockerung des Shutdowns die Industrieproduktion seit den dramatischen Einbrüchen im April wieder hochgefahren.

Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die deutsche Chemie im zweiten Quartal die Talsohle durchschritten hat. Aber die Überwindung der Krise braucht Zeit. Denn die Erholung steht weltweit auf wackeligen Füßen. In manchen Regionen gewinnt die Pandemie immer noch oder wieder an Dynamik. Teilweise werden Lockerungen der Schutzmaßnahmen daher wieder zurückgenommen.

Wenn aber ein erneuter Shutdown verhindert werden kann, dürfte sich die Nachfrage nach Chemikalien und Pharmazeutika im zweiten Halbjahr aber stabilisieren. Das ändert aber noch nichts an den negativen Vorzeichen für die Kernindikatoren des Gesamtjahres. Für das Gesamtjahr erwartet der VCI ein Produktionsminus von 3% und einen Umsatzrückgang von rund 6% (Grafik 5). Rechnet man das Pharmageschäft heraus, geht die Produktion um 4% und der Umsatz um 8,5% zurück.

Autor: Henrik Meincke, Chefvolkswirt, Verband der Chemischen Industrie e.V., Frankfurt am Mai

Zur Person
Henrik Meincke ist Chefvolkswirt beim Verband der Chemischen Industrie. Er ist seit dem Jahr 2000 für den Branchenverband tätig. Meincke begann seine berufliche Laufbahn am Freiburger Materialforschungszentrum. Der promovierte Chemiker und Diplom-Volkswirt studierte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

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