Standorte & Services

Energiewende und digitale Transformation erzeugen einen hohen Bedarf an effizienten Technologien

Innovationstreiber für die Industrie

17.03.2021 - Der Vorstand des VAIS im Gespräch über die Innovationstreiber der Industrie.

Der Einsatz grüner Wasserstofftechnologien und die Digitalisierung von Anlagentechnik und Dienstleistungen gehören zu den großen gegenwärten Herausforderungen der Industrie. Der Düsseldorfer Verband  für Anlagentechnik und Industrieservice (VAIS) will einen Beitrag zur Sicherung der deutschen Industriestandorte leisten.

CHEManager: Digitalisierung, Energiewende und Transformation spielen wesentliche Rollen in der Entwicklung des Industrieservice. Was kann ein Verband wie der VAIS leisten, um die Ziele der Industrie zu erreichen?

Jörg Klasen: Der Anlagenbau und der Industrieservice stehen aktuell vor der Herausforderung, die Produkte und Dienstleistungen an die Anforderungen des Klimawandels und der digitalen Transformation anzupassen. Beispielhaft seien hier der Einsatz grüner Wasserstofftechnologien und die Digitalisierung von Anlagentechnik und Serviceleistungen genannt. Mit seinem starken technischen Know-how und seiner Marktkenntnis ist der VAIS gerüstet, die Mitgliedsunternehmen in diesem Prozess zu unterstützen und damit einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der deutschen Industriestandorte zu leisten. Hier begleiten wir die Unternehmen durch entsprechende Informationen, Weiterbildungsangebote und durch die Organisation des fachlichen Erfahrungsaustausches. Die Bündelung des Know-hows aus Bau, Instandhaltung und Betrieb sind einzigartig in der deutschen Verbandslandschaft und verschaffen den Mitgliedsunternehmen und deren Kunden den jederzeit modernsten Stand von Technologie, Sicherheit und Umweltverträglichkeit.

Unser Ziel ist es, damit auch die Expertise der im Verband engagierten Mitgliedsunternehmen in die Öffentlichkeit zu tragen. So vermitteln wir in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ein umfassendes, positives Bild von der Leistungsfähigkeit und der Vielseitigkeit der deutschen Industrie.

Lothar Meier: Wichtig ist dabei , dass wir nicht nur eine starke Präsenz innerhalb der Industrie haben, sondern, dass wir auch im politischen Berlin vertreten sind. Unser Hauptstadtbüro ermöglicht es uns  politische Prozesse vor Ort zu begleiten und in den beratenden Gremien unterstützend einzugreifen. Hierbei unterstützt uns vor allem das starke Netzwerk des BDI, dem wir als Verband angehören und in dem wir in wichtigen Gremien unsere Sicht einbringen.
Moderne Verbandsarbeit muss flexibel auf die Bedürfnisse seiner Mitglieder reagieren. Dabei ist Sichtbarkeit ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Gut im globalen Wettbewerb.

Hat es dafür einen neuen Verband gebraucht?

J. Klasen: In den Jahren seit dem Beginn der Energiewende sind die von unserem Verband vertretenen Branchen in der Öffentlichkeit immer mehr in den Hintergrund gerückt. Die Entstehung des neuen Verbands VAIS durch Fusion des früheren Fachverbands Anlagenbau (FDBR) und Wirtschaftsverband Industrieservice (WVIS) ist daher auch in weiten Teilen mit der Energiewende verbunden. Im VAIS engagieren sich unter anderem viele Unternehmen, die aus der kraftwerksorientierten Industrie kommend für sich neue Betätigungsfelder eröffnen müssen. Da war es naheliegend, dem anstehenden Technologiewandel durch die ganzheitliche Betrachtung von Bau, Service und Betrieb der Industrieanlagen zu begegnen.

L. Meier: Der Industrieservice ist jetzt seit mehr als zehn Jahren eine eigenständige Branche, und steht wie kaum eine andere für innovative und vor allem digitalisierte Leistungen und Lösungen, die sich entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette abbilden. Unsere Mitglieder sind das technische Rückgrad von Industriestandorten und unterstützen eine wettbewerbsfähige Wertschöpfung. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe das Potential unserer Branchen für die Industriepartner zu entfalten.Die Energie- und Prozessindustrie aber auch andere technisch ausgerichtete Branchen wie die Fertigungsindustrie sind ein großes Thema im Verband. Mit neuen Technologien, gerade für Umweltaspekte und vor allem der Digitalisierung helfen wir deren und unsere Zukunft zu gestalten.

Wie können die ehrgeizigen Ziele der Energiewende erzielt werden?

J. Klasen: Wir sind uns unserer Verantwortung für eine saubere und nachhaltige Energieversorgung bewusst, aber Versorgungssicherheit muss auch unabhängig von Wind und Sonne garantiert sein. Deshalb sind unsere Mitgliedsunternehmen angetreten, mit neuen Technolo­gien den Weg in eine kohlenstofffreie Industrie aufzuzeigen und umzusetzen. Wir helfen unseren Unternehmen dabei, ihr Tagesgeschäft zukunftsorientiert zu gestalten und vorhandenes Wissen für die Zukunft und zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit zu bündeln.

Die deutsche Industrie stellt sich der Aufgabe, zum einen Vorreiter in der Anwendung neuer, umweltschonender Technologien zu sein und zum anderen vorhandenes Wissen im globalen Wettbewerb zu bewahren und für die Transformation in anderen Ländern zur Verfügung zu stellen. Die Digitalisierung ist dabei ein Mittel, diese Aufgaben effizient und nachhaltig zu bewältigen.
Die Industrie verursacht ca. 22 % aller CO2-Emissionen, davon entsteht ca. 1/3 direkt in der Produktion. Digitalisierung und Vernetzung von Herstellungsprozessen zusammen mit intelligenter Instandhaltung können die Effizienz beim Einsatz von Material, Energie und Ressourcen steigern und damit auch die Emissionen von CO2 reduzieren.

L. Meier: Insbesondere der Bereich Smarte Dienstleistungen wächst durch die intensive Nutzung von Industrie 4.0 in den Betrieben. Gerade die Hauptleistungsträger der deutschen Wirtschaft, die klein- und mittelständischen Betriebe, sind auf die digitale Kompetenz der Indus­trieservice-Dienstleister angewiesen, da sie selber die entsprechende Expertise zeitlich und wirtschaftlich nicht aufbauen können.

Die Industrie muss auf die sich wandelnden Arbeitswelten reagieren und Defizite wie Fachkräftemangel durch kreative digitale Lösungen kompensieren. Wir sind daher offen für neue Ideen, gerade auch aus der industrieorientierten Start-up-Szene.

Stichwort digitale Lösungen: Sind sie die Heilsbringer, wie sehen Sie die Trends in der Branche?

L. Meier: Der aktuell größte Treiber für die Industrie ist neben dem Klimawandel eindeutig die digitale Transformation. Diesem Thema haben wir im VAIS einen eigenen Fachbereich gewidmet. Wir fördern den Erfahrungsaustausch zu digitalen Prozessen in den Mitgliedsunternehmen und bei der Leistungserbringung in den Industriestandorten.
In erster Linie geht es darum, Potenziale zu erkennen und auf die Bedürfnisse der Industrie anzupassen. Da wir bei allen digitalen Prozessen maßgebliche Eingriffe in den gesamten Lebenszyklus einer Anlage, vom Bau über den Service und natürlich den Betrieb, voraussetzen müssen, sind hier harmonisierte Sicherheitskonzepte unabdingbar.

CHEManager:  Cyber Security ist dabei ebenso eine große Herausforderung.  

L. Meier:  Ja, und die Basis für Sicherheit ist Kommunikation. Diesen Dialog werden wir im Verband mit unseren Mitgliedern anregen und moderieren. Für den Erfahrungsaustausch zu digitalen Prozessen in den Mitgliedsunternehmen holen wir selbstverständlich auch die Betreiber mit an den Tisch, denn nur gemeinsam können wir die Vertrauensfrage stellen und Lösungen für eine gemeinsame Zukunft finden. Und das nicht nur national. Hier lohnt sich ein Blick auf das europäische Netzwerkprojekt GAIA-X.

J. Klasen: In der Tat erfordert die zügige Digitalisierung der deutschen Wirtschaft auch entsprechend leistungsfähige Netzinfrastrukturen. Ein leistungsfähiges digitales Hochgeschwindigkeitsnetz fehlt aber nach wie vor und trotz aller Beteuerungen der Politik. Hier muss die Bundesregierung schnell und stark handeln, um nicht das Potenzial der deutschen Industrie vollständig und langfristig auszubremsen. Unsere Hoffnung richtet sich auf die weitere Beschleunigung des Ausbaus von Hochleistungsnetzten. Wir müssen als Standort in dieser Frage endlich wettbewerbsfähig werden.

Die andauernde Corona-Pandemie ist in diesem Aspekt einmal als Warnung zu sehen, was passiert, wenn unsere bisherigen Systeme versagen und neue Technologien konventionelle Vorgehensweisen ablösen. Bereits im ersten Lockdown haben sich Videoconferencing, Homeschooling und digitale Wahlen als Motor des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens gezeigt. Sie waren elementar, um das gesellschaftliche Leben, Bildung und Wirtschaft aufrecht zu halten. Jene Länder, die bereits Erfahrungen mit diesen Technologien gemacht hatten respektive über eine belastbare Infrastruktur verfügten, erwiesen sich als besonders krisenfest. Hier muss Deutschland schnell wieder eine Spitzenposition erreichen.

CHEManager: Wo sehen Sie die größten Baustellen, wo sind die stärksten Kraftanstrenungen der Industrie nötig?

J. Klasen: Die Reduzierung der CO2-Emissionen ist nicht nur weltweit, sondern für die Sicherung des Industriestandortes Deutschland die größte Herausforderung für die Gesellschaft und die Industrie. Die Dekarbonisierung betrifft umfänglich alle produzierenden Industrien, sei es in der Energieerzeugung oder in den Prozessindustrien. Nur wenn Anlagenbau, Industrieservice und Betreiber gemeinsam an technologischen Lösungen und der erforderlichen Unterstützung durch Politik und Gesellschaft arbeiten, kann diese Transformation gelingen.

Zur Erreichung dieses Ziels gibt es zur Erzeugung und Weiterverwendung von grünem oder zumindest CO2-neutralem Wasserstoff keine Alternative. Manifestiert wird dies durch die kürzlich verabschiedeten Wasserstoffstrategien auf nationaler und internationaler Ebene. Ohne verlässliche und dauerhafte politische Rahmenbedingungen wird uns dieser Wandel nicht gelingen.

L. Meier: Das Jahr 2021 steht auch beim VAIS ganz im Zeichen der digitalen Transformation und der Wasserstofftechnologien. Wasserstoff wird bereits in vielen Segmenten der energieintensiven Industrien sowie im Mobilitätssektor genutzt, allerdings bisher fast nicht aus erneuerbarer Energie.

Der VAIS begleitet die Erzeugung, Transport und Anwendung von Wasserstoff mit einer Reihe von Informationsveranstaltungen, um seinen Mitgliedern den Einstieg in die zukunftsrelevante Thematik zu erleichtern. Nebenbei wird hier das erste Netzwerk gebildet, in dem sich Anwender, Betreiber und Servicedienstleister zusammenschließen, um gemeinsam die Grundlage für das zukünftige Produkt- und Dienstleistungsangebot zu entwickeln.

Wie schätzen Sie die künftige Marktsituation für Serviceunternehmen ein?

L. Meier: Die Auswirkungen der Coronakrise treffen auch den Indus­trieservice stark. Die in den ersten Monaten der Pandemie durchgeführte Umfrage für den Branchenmonitor 2020 zeigte deutliche Anzeichen für Veränderungen zu den in 2019 noch ausschließlich positiven Erwartungen. Neben die klassischen Dienstleistungen tritt 2020 verstärkt ein Bedarf an Softwarelösungen, die in den kommenden Jahren nach Ansicht der Unternehmen das größte Wachstum verzeichnen werden. Die Unternehmen erwarten, dass die Pandemie hier als Katalysator der Digitalisierung wirkt. Trotz des Coronaschocks blickt der Indus­trieservice jedoch immer noch auf neue Wachstumspotenziale in den Kundenbranchen und hofft auf eine Erholung des Marktes bis 2023.

Fachkräftemangel und Produktionsverlagerungen von Industrien ins Ausland bleiben darüber hinaus hierzulande bestehende Unsicherheitsfaktoren für das Wachstum des Industrieservice. Dies darf die Politik auch in der Pandemie nicht aus dem Auge verlieren.

J. Klasen: Auch das Jahr 2021 stellt mit der Corona-Pandemie große Herausforderungen an die gesamte Branche. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und die noch unsicheren Folgen der Krise belasten den Industrieservice und auch den Anlagenbau stark.

Die im VAIS vertretenen Branchen sind und bleiben jedoch Motor und Innovationstreiber für die Industrie in Deutschland. Neue Techniken und Dienstleistungen helfen der Industrie dabei, Prozesse zu verschlanken und Sicherheit sowie Anlagenzuverlässigkeit zu erhöhen.

Darüber hinaus erzeugen die Energiewende und die Weiterentwicklung von Industrie 4.0 weiterhin einen hohen Bedarf an modernen und effizienten Energie- und Umwelttechnologien unter Einbindung digitaler Lösungen. Wir erwarten, dass nicht zuletzt die Pandemie der Digitalisierung weiter Auftrieb verleihen und in Zukunft die Nachfrage nach entsprechenden Lösungen des Anlagebaus und des Industrieservice zusätzlich steigern wird. Die Produkte und Leistungen unserer Unternehmen tragen so zur Klimafreundlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland bei.
Ganz wichtig ist, dass wir dabei das Vertrauen in die Menschen nicht verlieren, die unsere Industrie am Laufen halten und allen Pandemien und Hindernissen zum Trotz die Innovationen und den Wandel mittragen, getreu unserem Motto: Menschen bewegen Industrie.

„Die Bündelung des Know-hows aus Bau, Instandhaltung und Betrieb sind einzigartig in der deutschen Verbandslandschaft.“

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