Chemie & Life Sciences

Vollservice-CDMO für Biopharma

Wacker bietet biotechnologische Lösungen für dynamische Wachstumsfelder

13.04.2021 - Interview mit Guido Seidel, Geschäftsführer von Wacker Biotech und Vizepräsident Biopharma, zum aktuellen Marktumfeld und der Strategie, das Biopharma-Geschäft auszubauen.

Momentan entwickeln Pharmafirmen weltweit unter Hochdruck Impfstoffe gegen das SARS-CoV-2-Virus. Dabei arbeiten sie bei der Entwicklung und Herstellung der Impfstoffe mit Partnern zusammen: Contract Development and Manufacturing Organizations (CDMOs) wie Wacker Biotech. Das Unternehmen gehört zur BU Biopharma im Wacker-Geschäftsbereich Biosolutions, der auf der Basis biotechnologischer Prozesse Lösungen für Bereiche wie Lebensmittelzusatzstoffe, Pharmawirkstoffe und Agrochemikalien anbietet. Um dieses Geschäft zu stärken, hat Wacker kürzlich den kalifornischen Auftragshersteller Genopis übernommen und bereitet seinen Produktionsstandort Amsterdam derzeit für die Herstellung der mRNA-Wirkstoffsubstanz für CureVacs Covid-Impfstoff CVnCoV vor. Michael Reubold befragte Guido Seidel, den Geschäftsführer von Wacker Biotech und Vizepräsident Biopharma, zum aktuellen Markt­umfeld und der Strategie, das Biopharma-Geschäft auszubauen.

CHEManager: Herr Seidel, Wacker Biotech hat sich auf anspruchsvolle biotechnologische Produktionsprozesse fokussiert, unter anderem zur Herstellung von Impfstoffen. Welche Kompetenzen, Technologien und Dienstleistungen umfasst Ihr Portfolio derzeit?

Guido Seidel: Wir stellen im Auftrag von Pharma- und Biotechfirmen rekombinante therapeutische Proteine, lebende mikrobielle Produkte, Plasmid-DNA und Impfstoffe auf der Basis mikrobieller Systeme her. Als Auftragshersteller haben wir in diesem Bereich mehr als 20 Jahre Erfahrung und verfügen über eine Reihe von proprietären Technologien, die wir für die effiziente und kostengünstige Produktion einsetzen. Das Portfolio reicht von der Stamm- und Prozessentwicklung, der Erstellung von Zellbanken über die analytische Prüfung bis hin zur Produktion und Abfüllung für die klinische sowie die kommerzielle Versorgung nach den GMP-Richtlinien. Unsere Kunden profitieren von der hohen fachlichen Kompetenz unserer Mitarbeiter und davon, dass wir Service aus einer Hand bieten.

„Asien spielt schon heute eine wichtige Rolle
und wir sehen hier viel Wachstumspotenzial.“


Mit der Akquisition von Genopis haben Sie Ihre Toolbox um eine Plasmid-DNA-Technologie erweitert und eine Präsenz in Nordamerika erworben. Welche Bedeutung hat die Übernahme für Ihre Wachstumsstrategie?

G. Seidel: Die Übernahme von ­Genopis war eine strategische ­Akquisition, um im Bereich Biopharma weiter zu wachsen. Plasmid-DNA ist sehr gefragt im Bereich der Nukleinsäure-basierten Gentherapien oder als Ausgangsbasis für innovative Therapeutika und Vakzine, wie zum Beispiel Messenger-RNA, also mRNA, und virale Vektoren. Die Technologie von Genopis ergänzt unser Portfolio sehr gut. Mit dem Standort verfügen wir künftig außerdem über ein lokales Standbein im wichtigen US-amerikanischen Markt für Biopharmazeutika. Wir haben das Unternehmen übrigens mittlerweile umbenannt in Wacker Biotech US. 

Wacker Biotech positioniert sich als Vollservice-Auftragshersteller von biopharmazeutischen Produkten auf Basis mikrobieller Systeme. Verfügen Sie über alle wichtigen Kompetenzen in diesem Bereich oder planen Sie, Ihr Portfolio noch zu ergänzen?

G. Seidel: Wir haben unser Portfolio in den vergangenen Jahren kontinuierlich erweitert. Mit der Übernahme des Standorts in Amsterdam 2018 kam die Auftragsherstellung von lebenden mikrobiellen Produkten und konventionellen Impfstoffen hinzu. In den vergangenen Monaten haben wir in Amsterdam die Möglichkeiten geschaffen, um künftig auch neue, mRNA-basierte Impfstoffe herstellen zu können. Mit unserem Standort in San Diego steigen wir in die Auftragsherstellung von Plasmid-DNA ein. Die Entwicklung verlief in den vergangenen Jahren sehr dynamisch. Für die Zukunft gilt: Wir sehen uns auch weiterhin nach Technologien um, die zu unserem Portfolio passen könnten. 

Sie sind auch Vizepräsident der Business Unit Biopharma, die wiederum zum Geschäftsbereich Biosolutions zählt. Welche Wachstumsaussichten hat der momentan noch kleinste Geschäftsbereich von Wacker und wie wollen Sie das Wachstum insbesondere im Biopharma-Geschäft beschleunigen?

G. Seidel: Der Geschäftsbereich Bio­solutions ist im Vergleich zu den übrigen Bereichen bei Wacker zwar noch klein, doch er ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Die Zukunftsaussichten sind gut, da Biopharmazeutika immer mehr an Bedeutung gewinnen. Der weltweite Markt wächst jedes Jahr um rund 9 % und liegt damit über dem Wachstum des globalen Pharmamarkts. Auch die Arzneimittel-Neuzulassungen im Bereich der Biopharmazeutika, die auch Biologika genannt werden, wächst ständig. Wir sind mit unserem Portfolio bei Wacker Biotech bereits heute sehr gut aufgestellt, um die steigende Nachfrage in diesem Bereich zu bedienen. Zusätzlich zu unseren bekannten Technologien Esetec, Foldtec und Libatec haben wir in den vergangenen Monaten Expertise im Bereich neuartiger Therapieformen, zu denen Plasmid-DNA- und ­mRNA-Technologien zählen, aufgebaut. Hier haben wir investiert, weil wir für uns als Auftragshersteller großes Wachstumspotenzial sehen. Nur ein Beispiel: Es wird erwartet, dass der Markt für mRNA-basierte Impfstoffe in den kommenden Jahren um über 50 % pro Jahr wachsen wird. Weiterhin investiert Wacker kontinuierlich in eigene Forschung und Innovation, was uns auch in Zukunft helfen wird, biotechnologische Prozesse mit Hilfe digitaler Anwendungen effizienter zu machen.

Wacker Biotech betreibt vier GMP-Anlagen mit mehreren Produktionslinien in Jena und Halle sowie Amsterdam und nun auch San Diego. Planen Sie angesichts des weltweit dynamischen Wachstums des Biopharmamarkts weitere Standorte, zum Beispiel auch eine Präsenz in Asien?

G. Seidel: Wir bedienen von unseren Standorten aus den globalen Markt und beliefern auch jetzt schon Kunden in Asien. Asien spielt schon heute eine wichtige Rolle und wir sehen hier viel Wachstumspotenzial. Eine Präsenz in Asien ist aktuell nicht zwingend notwendig, aber vor diesem Hintergrund für die Zukunft auch nicht ausgeschlossen. 

Am Standort in Amsterdam, wo bald pro Jahr mehr als 100 Millionen Dosen des Impfstoffs von CureVac hergestellt werden sollen, verfügen Sie nach eigenen Angaben über Erweiterungsoptionen. Betreffen diese nur die Partnerschaft mit CureVac oder wollen Sie auch mit anderen Impfstoffherstellern kooperieren?

G. Seidel: An unserem Standort in Amsterdam werden seit mehr als 20 Jahren Impfstoffe für unterschiedliche Kunden produziert. Das Portfolio ist im Bereich der klassischen Impfstoffe breit. Neu hinzu kommen nun mRNA-basierte Impfstoffe. Wir haben am Standort Amsterdam noch Erweiterungspotenzial – sowohl, was die Produktion von mRNA-basierten Impfstoffen angeht, als auch was die Produktion von klassischen Impfstoffen angeht. Als CDMO arbeiten wir immer mit unterschiedlichsten Kunden zusammen. Für die ­mRNA-Impfstoffe gegen das SARS-CoV-2-Virus sind wir aber aktuell am Standort auf CureVac fokussiert. Die Inbetriebnahme der neuen Produktionslinien in Amsterdam sowie die benötigte Hochdurchsatzproduktion haben unsere volle Aufmerksamkeit.

„Es wird erwartet, dass der Markt für mRNA-basierte Impfstoffe in den kommenden Jahren um über 50% pro Jahr wachsen wird.“


Gibt es auch an den anderen Standorten Erweiterungsmöglichkeiten, und für welche Technologien/Produkte würden Sie diese am ehesten nutzen?

G. Seidel: Wir bewegen uns mit unseren Produkten und Dienstleistungen in einem Wachstumsfeld. Mit Blick auf unser Portfolio bedeutet das: Wir rechnen mit steigender Nachfrage auf breiter Front. Wie bereits publiziert wurde, investieren wir daher schon jetzt im zweistelligen Millionenbereich in unseren Produktionsstandort in Amsterdam. Das betrifft klassische Fermentationsanlagen, die im nächsten Jahr fertiggestellt werden, sowie moderne Reinräume zur Herstellung vom mRNA. Aber auch an den deutschen Standorten in Jena und Halle wird in die Optimierung der Anlagen investiert, so haben wir zum Beispiel in Jena die 350-Liter-Fermentationslinie für die kommerzielle Produktion komplett erneuert sowie ein hochmodernes Labor zur Prozesscharakterisierung geschaffen. In Halle wurde neben dem Lagergebäude auch der komplette Labor- und Entwicklungsbereich erneuert. Ich denke, die Übernahme des Standorts in San Diego zeigt: Wir glauben an das Potenzial innovativer Impfstofftechnologien und Therapeutika.

Welche Synergien können Sie im Geschäftsbereich Biosolutions hinsichtlich F&E oder auch im Bereich Produktion zwischen den verschiedenen Geschäftsfeldern und Standorten nutzen?

G. Seidel: Wir haben bei Wacker eine eigene Forschungseinheit: das Consortium für elektrochemische Industrie in München. Hier wird seit den 1990er Jahren an biotechnologischen Technologien geforscht. Das Consortium war die Keimzelle des Geschäftsbereichs Biosolutions; bis heute findet hier viel biotechnologische Forschung und Entwicklung statt, von der wir auch im Bereich Biopharma profitieren – etwa wenn es um die Weiterentwicklung unserer Technologien geht. Für Wacker Biotech gilt: Die vier Standorte sind eng mitein­ander verzahnt. Sie werden von einem globalen Management-Team gemeinsam geführt. Wir können Produktionsprozesse in der klinischen Entwicklung in enger Absprache mit unseren Kunden von einem Standort auf den anderen übertragen. Gleichzeitig schafft das Netzwerk Flexibilität, wenn es zu Engpässen an einem Standort kommt. Unsere Kunden schätzen diese Flexibilität sehr.
 

Guido Seidel trat nach seinem Chemiestudium und der Promotion auf dem Gebiet der Fermentationstechnologie 1999 bei Hoechst Marion Roussel ein und wurde 2001 nach der Fusion von Aventis mit Sanofi Leiter der Fermentations- und Zellkulturtechnologie. 2007 wechselte er von Sanofi-Aventis zu Wacker Biotech und war dort seit 2013 als Geschäftsführer Operations für alle betriebsrelevanten Abteilungen verantwortlich. Im Frühjahr 2020 wurde er erster Geschäftsführer von Wacker Biotech und übernahm zudem die Leitung des Geschäftsbereichs Biopharma für den Wacker-Konzern.

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