Chemieindustrie steht vor größter Herausforderung seit der Ölkrise

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Im ersten Quartal 2009 hat sich die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise weiter verstärkt. Immer mehr Branchen und Länder wurden von der Rezession erfasst. Die deutsche Chemieindustrie geriet bereits früh - im vierten Quartal 2008 - in den Sog des weltweiten Abschwungs. Die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen brach ein. Unternehmen drosselten ihre Produktion und legten Anlagen vorübergehend still. Diese Entwicklung setzte sich zu Jahresbeginn 2009 fort. Produktion, Branchenumsatz und Erzeugerpreise gingen noch einmal deutlich zurück (Grafik 1): Von Januar bis März 2009 produzierten die deutschen Chemieunternehmen 17,6% weniger als ein Jahr zuvor. Der Chemieumsatz sank im gleichen Zeitraum um 17%. Die Chemikalienpreise lagen nach dem Höhenflug des vergangenen Jahres nun wieder auf dem Niveau des ersten Quartals 2008. Die Unternehmen traten auf die Kostenbremse und führten verstärkt Kurzarbeit ein. Trotz dieser Maßnahmen schmolzen im ersten Quartal die Gewinne deutlich. Die Branche stehe vor ihrer größten Herausforderung seit der Ölkrise Anfang der 70er Jahre, teilte der Verband der Chemischen Industrie (VCI) in seinem jüngsten Quartalsbericht mit.


Produktion sinkt weiter


Die Wirtschaftskrise hat das deutsche Chemiegeschäft weiterhin fest im Griff. Binnen weniger Monate fiel die Chemieproduktion auf das Niveau von 2003 zurück. Von Januar bis März sank die Produktion saisonbereinigt um 8%. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresquartal entspricht dies einem Rückgang von 17,6% (Grafik 2). Aufgrund der anhaltend schwachen Auftragslage reduzierten die industriellen Kunden erneut ihre Chemikalienbestellungen und viele Chemieunternehmen mussten ihre Produktion weiter zurückfahren. Produktionsanlagen blieben abgeschaltet. Die Kapazitätsauslastung der Branche sank dadurch auf 72%.
Die Wirtschaftskrise erfasste alle Sparten. Besonders starke Rückgänge mussten die Grundstoffproduzenten sowie die Hersteller von Fein- und Spezialchemikalien hinnehmen. Die Produktion von organischen und anorganischen Grundstoffen, von Polymeren und chemischen Spezialitäten lag im ersten Quartal insgesamt rund 25% niedriger als ein Jahr zuvor. Nicht ganz so stark traf es die Hersteller von Wasch- und Körperpflegemitteln (-11,5%).

Selbst am wenig konjunktursensiblen Pharmageschäft ging die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorbei. Die Pharmaproduktion stagnierte.


Preisverfall schwächt sich ab


Die schwache Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen zwang die Hersteller die gesunkenen Rohstoffpreise zeitnah an die Kunden weiterzugeben. Seit dem dritten Quartal 2008 sanken daher die Erzeugerpreise. Dieser Rückgang setzte sich im ersten Quartal 2009 beschleunigt fort. Chemische Erzeugnisse waren von Januar bis März durchschnittlich 2,8% günstiger als noch im vierten Quartal 2008 und kosteten somit genauso viel wie ein Jahr zuvor (Grafik 3). Die Preise für organische Grundstoffe lagen sogar deutlich unter dem Vorjahresniveau. Der Preisverfall wird sich jedoch bald abschwächen. Seit März hat der Ölpreis an den internationalen Rohstoffbörsen wieder leicht zugelegt. Dadurch stiegen auch die Preise für Naphtha, dem wichtigsten Rohstoff der Petrochemie. Demzufolge stiegen auch die Kontraktpreise für die wichtigsten Primärchemikalien im April und Mai 2009 wieder an.


Umsatz rückläufig, Beschäftigung konstant


Der Umsatz der deutschen Chemieindustrie hat seine Talfahrt aufgrund der schwachen Nachfrage zu Jahresbeginn fortgesetzt. Im ersten Quartal sank der Branchenumsatz saisonbereinigt um 8% auf 34,5 Mrd. €. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresquartal gingen die Umsätze um 17% zurück. Sowohl der Inlands- als auch der Auslandsumsatz entwickelten sich dabei negativ (Grafik 4). Zu diesem Rückgang trugen sowohl die rückläufigen Verkaufspreise als auch die schwache Mengenentwicklung bei.
Trotz des massiven Wirtschaftseinbruchs konnte die Beschäftigung im ersten Quartal 2009 weitgehend stabil gehalten werden. Im ersten Quartal beschäftigten die deutschen Chemieunternehmen weiterhin rund 440.400 Mitarbeiter. Dies ist in erster Linie dem Einsatz flexibler Arbeitszeitinstrumente zuzuschreiben. Neben der Nutzung von Arbeitszeitkonten, dem Abbau von Überstunden und Leiharbeit weiteten die Unternehmen die Kurzarbeit deutlich aus.


Stabilisierung, aber kein Aufschwung


In den Chemieunternehmen herrscht nach wie vor eine rezessive Stimmung. Seit einiger Zeit ist die pessimistische Lagebeurteilung jedoch einer nicht mehr ganz so skeptischen Erwartungshaltung gewichen. Laut Ifo-Konjunkturtest hat die Anzahl derjenigen zugenommen, die glauben, dass die Talsohle inzwischen erreicht ist. Im April hat sich auch die Lagebeurteilung verbessert.


Der aufkeimende Optimismus wird dadurch gestützt, dass sich die deutsche Chemieproduktion im Verlauf des ersten Quartals auf niedrigem Niveau stabilisiert hat. Gegenüber dem Tiefpunkt vom Januar konnte die Produktion sogar leicht zulegen. Mittlerweile kommen auch aus anderen Industriezweigen positive Signale: Die Automobilproduktion stieg im März, weil nicht nur hierzulande, sondern auch im restlichen Europa die Neuzulassungen wieder anzogen. Ein Blick auf die Auftragseingangsstatistik zeigt, dass sich im gesamten verarbeitenden Gewerbe die Auftragslage zuletzt leicht verbessert hat. Die Lage könnte sich also in den kommenden Monaten stabilisieren.
Auf der anderen Seite drohen Rückschläge. Die Kurzarbeit, der Anstieg der Arbeitslosenzahlen und Lohnabschläge dürften schon bald den privaten Konsum dämpfen. Zudem werden die Ausrüstungs- und Bauinvestitionen angesichts knapper Kassen sinken. Eine konjunkturelle Erholung liegt noch in weiter Ferne.
Das Chemiegeschäft bleibt daher schwierig. Nach den schlechten Quartalszahlen revidierte der VCI im Mai seine Prognose: Inzwischen geht der Branchenverband von einem Produktionsrückgang von 10% für das Jahr 2009 aus. Rechnet man die Pharmasparte heraus, wird der Rückgang sogar 15% betragen.

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