Chemiekonjunktur Europa

Chemieindustrie in Europa überwindet Krise

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Die Schuldenkrise in Griechenland treibt vielen Ökonomen derzeit die Sorgenfalten auf die Stirn. Insgesamt fasst Europa nach der schweren Weltwirtschaftskrise nicht so schnell wie erhofft Tritt. Das liegt an den großen Unterschieden innerhalb der Europäischen Union. Während Deutschland und einige osteuropäische Länder dynamisch expandieren, lähmt die Schuldenkrise nicht nur Griechenland.

Auch Spanien, Portugal, Irland und Italien erholen sich nur langsam. Diese Länder haben zudem strukturelle Probleme. Die Industrieproduktion hinkt dort dem weltwirtschaftlichen Aufschwung hinterher. Unter dem Strich konnte die EU das Vorkrisenniveau bisher weder beim Bruttoinlandsprodukt noch bei der Industrieproduktion erreichen.

Dennoch: Die Richtung stimmt. Es geht aufwärts, besonders im Chemiegeschäft. Seit dem Tiefpunkt der Krise legte die Chemieproduktion in der Europäischen Union wieder kräftig zu. Rechnet man die Pharmaindustrie dazu, wurde das Vorkrisenniveau sogar wieder überschritten. Als frühzyklische Branche profitierte die Chemie frühzeitig von der Erholung, weil nach dem Ende des krisenbedingten Lagerabbaus die Kunden wieder verstärkt Chemikalien benötigten.

Zudem profitierte die stark globalisierte Branche von der hohen wirtschaftlichen Dynamik in den Schwellenländern Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas. Die Exporte der Branche liegen inzwischen höher als 2007. Nach der raschen Erholung wird sich die Dynamik in den kommenden Monaten abschwächen (Grafik 1). Es geht weiter aufwärts, aber langsamer.

Chemieproduktion steigt zu Jahresbeginn

Seit dem zweiten Quartal 2009 ging es mit der europäischen Chemieindustrie aufwärts. Im Jahresverlauf 2010 wurde das Vorkrisenniveau bereits wieder erreicht. Ab dem zweiten Quartal ließ die Dynamik jedoch spürbar nach. Erst zum Jahresende nahm das Chemiegeschäft wieder Fahrt auf. Im ersten Quartal 2011 konnte die europäische Chemieproduktion kräftig ausgeweitet werden (Grafik 2). Die Produktionskapazitäten sind mit rund 85 % inzwischen gut ausgelastet. Erste Zahlen für das zweite Quartal lassen jedoch vermuten, dass sich diese Dynamik in den kommenden Monaten nicht fortsetzen wird.

Zwar produziert die europäische Chemieindustrie insgesamt schon wieder über dem Vorkrisenniveau.

Das gilt aber längst nicht für alle Chemiesparten. Die Grundstoffchemie, zu der neben anorganischen Grundstoffen und Petrochemikalien auch Polymere zählen, konnte noch nicht wieder an die guten Zeiten anknüpfen (Grafik 3).

Insbesondere die Polymerproduktion und die Herstellung anorganischer Basischemikalien hinken der Entwicklung hinterher. Etwas besser sieht es bei den Spezialchemikalien aus, die ihr Vorkrisenniveau derzeit nur noch um 2 % verfehlen. Dieses haben die Hersteller von Konsumchemikalien bereits wieder übertroffen (+ 3,3 %). Im Durchschnitt der genannten Chemiesparten fehlen noch 3,5 % bis zum früheren Produktionsvolumen.

Ein kräftiges Wachstum gab es hingegen in der Pharmasparte. Die europäische Pharmaproduktion wuchs seit Anfang 2008 um mehr als 12 %.

Beschleunigter Preisanstieg im ersten Quartal

Im Zuge der Erholung kletterten weltweit die Rohstoffpreise. Das galt besonders für Naphtha, den wichtigsten Rohstoff der europäischen Chemieindustrie. Viele Unternehmen konnten diese Kosten dank des konjunkturellen Aufschwungs an ihre Kunden weitergeben. Niedrige Lagerbestände bei Fertigwaren bei gleichzeitig stark steigender Nachfrage nach Chemikalien haben den Preisauftrieb verstärkt. Seit Sommer 2009 kletterten daher die Chemikalienpreise. Zu Beginn des Jahres 2011 hat sich der Preisauftrieb sogar noch einmal verstärkt (Grafik 4). Chemikalien waren im ersten Quartal durchschnittlich 7 % teurer als ein Jahr zuvor. Die größten Preiszuwächse gab es dabei in den rohstoffnahen Sparten.

Europäisches Binnengeschäft nimmt Fahrt auf

Angesichts einer guten Mengen- und Preisentwicklung konnten die europäischen Chemieunternehmen ihren Umsatz im ersten Quartal kräftig steigern (Grafik 5). Das kam etwas überraschend. Im Jahresverlauf 2010 hatte es zunächst ausgesehen als ginge dem Aufschwung die Luft aus. Die Umsätze lagen niedriger als vor der Krise, und die Zuwächse von Quartal zu Quartal waren damals nur marginal. In den ersten Monaten des laufenden Jahres stieg der Umsatz jedoch um mehr als 12 %. Das Vorkrisenniveau wurde damit übertroffen.

Vor allem das Binnengeschäft führte zu dieser positiven Entwicklung. Zwar konnten die Verkäufe der Branche in der EU nicht ganz so hohe Wachstumsraten aufweisen wie das Exportgeschäft, aber auch im Binnengeschäft verzeichnete die Branche zuletzt zweistellige Wachstumsraten.

Weil insgesamt mehr als 80 % der europäischen Produktion in Europa verkauft werden, kommen die größten Wachstumsbeiträge derzeit aus Europa. Die guten Verkäufe nach Übersee, insbesondere in die Schwellenländer Asiens und Lateinamerikas, gaben dem europäischen Chemiegeschäft zusätzlichen Auftrieb. Die Exporte in diese Länder hatten zu Jahresbeginn um mehr als 20 % zugelegt.

Konjunkturelle Risiken nehmen zu

Die Stimmung in der europäischen Chemieindustrie ist überwiegend gut. Bezüglich der Geschäftsentwicklung in den kommenden Monaten sind die Unternehmen optimistisch. Sie rechnen überwiegend mit einer Fortsetzung des Aufwärtstrends. Allerdings haben die konjunkturellen Risiken und damit die Unsicherheit zuletzt deutlich zugenommen. Die Schuldenkrise ist nur ein Problem von vielen, welche den Managern derzeit Sorge bereiten. Die USA haben die Krise noch längst nicht überwunden, und in China wächst die Angst vor einer Immobilienblase. Zudem treiben politische Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten den Ölpreis in die Höhe.

Anzeichen für ein baldiges Ende der Erholung gibt es dennoch nicht. Im Gegenteil: In den USA, Europa und Brasilien hat sich das Wachstum zu Jahresbeginn wieder beschleunigt. Die Auftragseingänge im Maschinenbau klettern von Monat zu Monat. Und auch die Automobilproduktion konnte kräftig zulegen. Die europäische Chemieindustrie darf sich im In- und Ausland Hoffnungen auf eine Fortsetzung des Aufwärtstrends machen. Allerdings wird sich das Tempo angesichts der hohen Kapazitätsauslastung verlangsamen.

VCI erwartet Produktionsplus von 4 % für 2011

Wegen des guten Jahresbeginns hat der Verband der Chemischen Industrie seine Prognosen für das europäische Chemiegeschäft deutlich angehoben. Inzwischen rechnet der deutsche Branchenverband mit einem Produktionsplus von 4 %. Inklusive der Pharmasparte wird die EU-Chemiebranche sogar um 4,5 % zulegen. Inzwischen hat sich der europäische Chemieverband den VCI-Prognosen angeschlossen. Auch in Brüssel geht man nun von einem Wachstum von mehr als 4 % aus.

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