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CHEMonitor 2/13 - Grüne Chemie als Standortvorteil

Der Energiewende folgt die Chemiewende / Branche hofft auf Wettbewerbsvorteile durch „Green Chemistry"

23.05.2013 -

Für 2013 sind wir vorsichtig optimistisch. Die deutsche Chemieindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht. Allerdings bleiben die konjunkturellen Rahmenbedingungen schwierig", äußerte sich VCI-Präsident Dr. Karl-Ludwig Kley Anfang Mai. Die Prognose des Branchenverbands deckt sich mit den Ergebnissen der aktuellen CHEMonitor-Befragung. Danach rechnen 58  % der befragten Manager mit einer mäßigen Umsatzsteigerung für das laufende Geschäftsjahr, 7  % erwarten eine deutliche Steigerung und nur 15  % rückläufige Umsätze. Für das Trendbarometer von CHEManager und der Strategie- und Organisationsberatung Camelot Management Consultants werden seit dem Jahr 2007 regelmäßig Top-Entscheider der deutschen Chemieindustrie befragt.

Die CHEMonitor-Befragung von April/Mai 2013 ergab einmal mehr: Das Vertrauen der Chemiemanager in den Standort Deutschland ist ungetrübt. 70 % bewerten die Standortbedingungen als „gut" oder gar „sehr gut"; nur 3 % beklagen schlechte Bedingungen (Grafik 1). Besonders positiv bewerten deutsche Chemiemanager die Qualität der Forschung und Entwicklung, die Qualifikation der Arbeitnehmer sowie die Infrastruktur und Logistik in Deutschland (Grafik 2).

Energiekosten in der Kritik
Trotz der insgesamt hohen Zufriedenheit mit dem Standort gibt es auch kritische Stimmen: „Die konjunkturelle Unsicherheit wirkt sich zunehmend auf die Standortzufriedenheit der deutschen Chemiemanager aus", beobachtet Dr. Josef Packowski, Managing Partner bei Camelot Management Consultants, „Besonders die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten bereiten den deutschen Chemiemanagern Sorge." Allein 68 % der Befragten bescheinigen dem Standort in Bezug auf die Energiekosten „schlechte" Bedingungen. Darüber hinaus überwiegen nur bei den Standortfaktoren Arbeitskosten und Unternehmensbesteuerung die negativen Bewertungen mit jeweils 23 % der Nennungen.
Ein indifferentes Bild ergibt sich bzgl. der Meinung der befragten Chemieexperten zur Rohstoffverfügbarkeit in Deutschland: 12 % bewerten sie als „sehr gut", 42 % als „gut" und 27 % beziehen eine neutrale Position. Zugleich ist der Anteil derjenigen, die die Rohstoffverfügbarkeit als „schlecht" beurteilen mit 20 % vergleichsweise hoch.

Erdöl bleibt Rohstoff der Wahl
Dennoch erwarten nur wenige Umfrageteilnehmer eine deutliche Veränderung der Rohstoffbasis in der Chemieindustrie. Auf die Frage: „Werden Öl und Gas als Basisrohstoffe der Chemieindustrie in den nächsten zehn Jahren signifikant an Bedeutung zugunsten alternativer Rohstoffe verlieren?" antworteten 80 % der Befragten mit „nein" und nur ein Fünftel mit „ja" (Grafik 3).
Insgesamt betrug der Einsatz an fossilen Rohstoffen in der deutschen Chemieindustrie im Jahr 2011
18,7 Mio. t/a. Dabei dient der Branche in Deutschland vor allem Rohbenzin bzw. Naphtha (15,2 Mio. t/a) als Ausgangsstoff. In anderen Regionen der Welt überwiegt die Nutzung von Ethan oder Propan. Naphta wird bundesweit in 14 Raffinerien und Cracker-Anlagen zu Mineralölprodukten verarbeitet. Insgesamt fließen in Deutschland 15  % des Erdöls als Rohstoff in die Chemieindustrie, weltweit liegt der Anteil der stofflichen Nutzung bei 10 % vergleichsweise gering zum Anteil, der für die Kraftstoffproduktion (59 %) oder die energetische Nutzung (26 %) eingesetzt wird.

Der Energiewende folgt die Chemiewende
Und doch: „Die Bedeutung der Erdölchemie wird schneller abnehmen, als sich viele vorstellen können", warnt Dr. Jörg Rothermel, Leiter des Bereichs Energie, Klima und Rohstoffe beim Verband der Chemischen Industrie (VCI). Um die Rohstoffbasis zu verbreitern, bieten sich neben Erdgas vor allem nachwachsende Rohstoffe an. Beide alternativen Kohlenstoffquellen werden heute schon dort eingesetzt, wo dies technische und wirtschaftliche Vorteile bringt. Der Anteil an nachwachsenden Rohstoffen in der deutschen Chemieindustrie lag im Jahr 2011 bei 13 % bzw. 2,8 Mio. t/a und er wird weiter steigen: Auf die Frage zur Veränderung der Rohstoffbasis im eigenen Unternehmen antworteten über die Hälfte der befragten Chemiemanager, dass sie mit einem Anstieg der Nutzung nachwachsender Rohstoffe in den kommenden fünf Jahren rechnen (Grafik 4).
Der Umstieg auf Biomasse wird aber kein radikaler Wechsel, sondern ein langwährender Prozess sein, der noch viele Jahrzehnte dauern wird. „Bis 2040 sind 50 % des Wechsels von fossilen zu biogenen Rohstoffen notwendig", sagt Dr. Herrmann Fischer, Unternehmer und Gründer der Auro-Pflanzenchemie; das CO2-neutrale Unternehmen produziert seit über 30 Jahren Anstrichfarben und Reinigungsmittel auf Basis pflanzlicher und mineralischer Rohstoffe für den weltweiten Markt. Fischer sieht deutliche Analogien in der Energie- und Chemiewirtschaft: Beide haben bislang eine überwiegend fossile Basis und sind dabei diese unwiderruflich aufzugeben. Sowohl die Energie- als auch die Chemiewende werden zu neuen, dezentralen Strukturen führen. In der Chemiewende sieht der Unternehmer insbesondere Chancen für den Mittelstand und für mutige Gründer: „Die Chemie hat ihre besten Zeiten noch vor sich", sagt Fischer.
Doch noch stehen zu geringe Qualität und Menge der Rohstoffe, nicht wettbewerbsfähige Preise sowie fehlende Verarbeitungstechnologien einem breiteren Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Weg. Nur Forschung und Entwicklung können diese Hindernisse überwinden. „Deshalb muss der Staat Forschung und Entwicklung stärken, indem er die Grundlagenforschung an den Hochschulen und Instituten sowie die Forschung der Unternehmen z.B. durch eine steuerliche Forschungsförderung unterstützt", fordert der Branchenverband VCI.

Nachhaltige Chemie sichert Wettbewerbsvorsprung
Ziel der „Grünen Chemie" ist es, Umweltverschmutzung einzudämmen, Energie zu sparen und so möglichst umweltverträglich zu produzieren. Gleichzeitig sollen Gefahren der Produktion und des Produkts vermieden werden. Um dies zu erreichen, bedarf es neuer Rohstoffe und der Entwicklung neuartiger Technologien in der Chemieindustrie.
Zwar erwarten über die Hälfte der CHEMonitor-Teilnehmer in den kommenden fünf Jahren höhere Energie- und Rohstoffkosten aufgrund der Umsetzung der Prinzipien von „Green Chemistry" (Grafik 5), „allerdings sieht ein Drittel der deutschen Chemieunternehmen auch bereits die Chancen, die eine nachhaltige Chemie bietet: z.B. die Möglichkeit, durch innovative umweltverträgliche sowie ressourcenschonende Produkte und Prozesse einen Wettbewerbsvorteil und damit auch höhere Margen zu erlangen", sagt Dr. Sven Mandewirth, Partner bei Camelot Management Consultants.
Zudem ist mit über 70 % das Gros der befragten Panelmitglieder der Meinung, dass die deutsche Chemieindustrie ihre führende Position am Markt für Green Chemicals behalten und damit wesentlich zur Sicherung des deutschen Wirtschaftsstandortes beitragen wird. Wettbewerb aus China und den Schwellenländern fürchten hier nur eine Minderheit, etwa ein Viertel der Branchenexperten.
Größere Gefahren sieht die Branche dagegen in der deutschen Politik: „Die Unternehmen haben selbst das größte Interesse an Ressourceneffizienz, sie verarbeiten Rohstoffe hocheffizient. Staatliche Vorgaben und Instrumente sind wenig geeignet, die Ressourceneffizienz zu verbessern. Sie können jedoch der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen schaden", warnt der VCI.

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