Coronavirus: Jetzt Supply Chains hinterfragen

Kommentar von Elmar Ockenfels, Repräsentant des Hafens Antwerpen für Deutschland und die Schweiz

  • Elmar Ockenfels, Repräsentant des Hafens Antwerpen für Deutschland und die Schweiz, Mainz / © privatElmar Ockenfels, Repräsentant des Hafens Antwerpen für Deutschland und die Schweiz, Mainz / © privat

In jeder Krise steckt eine Chance, denn wo Altes endet, beginnt immer auch etwas Neues. Noch sind die langfristigen wirtschaftlichen Folgen der derzeitigen Lage nicht absehbar. Doch schon jetzt verdeutlichen die rasanten Entwicklungen rund um das Coronavirus, wie fragil und störungsanfällig Produktionskonzepte und Lieferketten sind. Allen voran muss in dieser Situation das vielbeschworene Patentrezept „Just-in-time“ in Frage gestellt werden. Meiner Ansicht nach läuft es Gefahr, von COVID-19 geradezu ad absurdum geführt zu werden.
Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts unter rund 3.400 Herstellern, Händlern und Dienstleistern spüren jedenfalls über die Hälfte der Unternehmen negative Auswirkungen. Speziell die Lieferung von Vorprodukten sowie Rohstoffen bereitet dem verarbeitenden Gewerbe Probleme. Dabei ist die chemische Industrie laut der Umfrage eine der am stärksten betroffenen Branchen.
Viele Jahre hat sich die Branche von der Doktrin der Working Capital Costs leiten lassen. Nun zeigt sich, dass eine Rückbesinnung auf Rohstoffpuffer- und Zwischenlager-Lösungen durchaus sinnvoll sein kann, um für derartige Notzeiten und Lieferengpässe vorbereitet zu sein. Es ist natürlich eine strategische Entscheidung, welche Investitionen, etwa in die eigene Lagerhaltung, sinnvoll sind. Ein intelligentes Lagerbestandsmanagement an strategisch günstigen Punkten kann jedenfalls Produktionsausfällen durch eine unterbrochene Rohstoffversorgung vorbeugen. Veränderte Prozesse könnten auch wieder verstärkt auf Hublösungen setzen. Der Hafen Antwerpen beispielsweise ist ein geeigneter Standort, um eine derartige Hub- und Pufferfunktion zu übernehmen. Die Hafengemeinschaft ist bereits geprägt von hochspezialisierten Logistikdienstleistern und -anlagen für die chemische Industrie.
Die aktuelle Krise ist vermutlich von China ausgegangen. Das chinesische Schriftzeichen für Krise setzt sich aus den Bestandteilen Gefahr und Gelegenheit zusammen. Die chemische Industrie hat die Risiken bereits erkannt. Vielleicht ist jetzt auch die Gelegenheit gekommen, die Supply Chain zu überdenken.

Elmar Ockenfels, Repräsentant des Hafens Antwerpen für Deutschland und die Schweiz, Mainz

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