Deutsche Chemieindustrie: Abschwung in allen Bundesländern

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Die Finanzmarktkrise ist im deutschen Chemiegeschäft angekommen. Im vierten Quartal des Vorjahres brach die Nachfrage nach Chemikalien ein, weil sich die Kunden mit ihren Bestellungen angesichts der unsicheren Lage deutlich zurückhielten. Die Lager füllten sich zunehmend und die Chemieunternehmen waren gezwungen, ihre Produktion zu drosseln. Teilweise wurden Anlagen sogar vorübergehend abgeschaltet. Diese schwierige Lage setzt sich auch zu Jahresbeginn 2009 fort. Die gute Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemieunternehmen kommt angesichts der globalen Rezession nicht zum Tragen. Die Lage bleibt schwierig. Trotz massiver Konjunkturprogramme ist ein Aufschwung nicht in Sicht. Nach Einschätzung des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) wird die Produktion im Gesamtjahr 2009 rückläufig sein.
Chemikalien werden in Deutschland vor allem in Nordrhein-Westfalen (NRW), Hessen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Baden-Württemberg hergestellt. Nimmt man die neuen Bundesländer hinzu, so entfallen auf diese sechs Regionen fast 90% der deutschen Chemieproduktion (Grafik 1). Die Struktur der Branche unterscheidet sich in den einzelnen Bundesländern allerdings stark. Beispielweise zeichnet sich NRW durch einen hohen Basischemieanteil aus, während sich Hessen vor allem auf die Pharmaproduktion konzentriert. Dementsprechend weicht die Chemiekonjunktur auf Länderebene oftmals vom Bundestrend ab.


NRW: überwiegend Grundstoffproduktion


Nordrhein-Westfalen ist der größte Chemieproduzent in Deutschland. Hier werden jedes Jahr Chemikalien im Wert von rund 55 Mrd. € produziert. Das ist mehr als die gesamte Chemieproduktion Spaniens oder Belgiens. Traditionell stark ist in NRW die Grundstoffchemie mit einem Produktionsanteil von rund 65%. Demgegenüber ist die Pharmaindustrie mit einem Anteil von 10% nur etwa halb so groß wie im Bundesdurchschnitt. Dadurch ist das Chemiegeschäft in NRW deutlich volatiler als in anderen Bundesländern. Zudem sind weite Teile der Grundstoffchemie seit Jahren einem erheblichen Wandel unterzogen. Der internationale Wettbewerb ist hier besonders stark. Rohstoffe und Energie sind in Deutschland vergleichsweise teuer. Die Unternehmen passen ihre Strukturen an.

Wegen des großen Grundstoffchemieanteils hinterlässt dieser Wandel gerade in NRW deutliche Spuren. Im Zuge des globalen Booms der zurückliegenden Jahre schien der mit dem Strukturwandel einhergehende Rückgang der Chemieproduktion in NRW beendet. Die Zeichen standen auf Wachstum. Im Verlauf des Jahres 2008 hat jedoch der Abschwung erneut eingesetzt und sich zum Jahresende beschleunigt (Grafik 2).


Hessische Chemieindustrie stagniert


Im Gegensatz zu NRW ist Hessen vor allem ein Pharmastandort. Der Anteil der hessischen Pharmaproduktion an der gesamten Chemieproduktion liegt bei fast 40%. Das ist knapp doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt. Die Fein- und Spezialitätenchemie ist ebenfalls gut vertreten. Der Abschwung erfasste die hessische Chemieindustrie frühzeitig: Es gelang ihr im Jahresverlauf 2008 nicht, an das sehr gute Vorjahr anzuknüpfen. Trotz gestiegener Preise lag der Umsatz von Januar bis Oktober mit 17,8 Mrd. € nur 0,5% höher als im Vorjahreszeitraum. Insgesamt entwickelte sich Hessen schlechter als der Bundesdurchschnitt, weil nur die Pharmabranche zum Umsatzwachstum beitrug. Die Umsätze mit Pharmazeutika stiegen um 4,5%, während die übrigen Chemiesparten wegen der schwachen Industriekonjunktur Umsatzrückgänge verbuchen mussten. Der Inlandsumsatz der Branche legte um 0,8% zu. Bedeutender für die hessischen Chemieunternehmen ist jedoch das Exportgeschäft. Rund zwei Drittel der Produktion wird ins Ausland verkauft. Der Auslandsumsatz stieg bis einschließlich Oktober allerdings nur um 0,4%. (Grafik 3).


Ostdeutschland : starker Rückgang in der Grundstoffchemie


Nach einem noch sehr starken Oktober brach der Umsatz im November um fast 9% ein. In Sachsen-Anhalt und Brandenburg, wo die chemischen Grundstoffe die dominante Sparte darstellen, war der Umsatzrückgang mit über 15 bzw. 13% am stärksten. In den Monaten Januar bis November 2008 wuchs der Gesamtumsatz wegen des bis Oktober erfreulichen Jahresverlaufs - und vor dem Hintergrund der bis dahin stark steigenden Erzeugerpreise - kumuliert um 6,8% auf 17,8 Mrd. €. Der Inlandsumsatz legte um 8%, der Auslandsumsatz um knapp 6% zu. In dem politisch geförderten Aufholprozess des Ostens gegenüber den alten Bundesländern übertrifft die Wachstumsrate der Ostchemie seit vielen Jahren deutlich die Werte für Gesamtdeutschland.
Die Abhängigkeit von den Auslandsmärkten ist im Osten mit einem Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz von rund 50% geringer ausgeprägt als im Durchschnitt der Branche. Spitzenreiter unter den Ausfuhrprodukten sind mit 40% Anteil die Pharmazeutika. Dieser Umstand macht die Ostchemie zunächst etwas weniger anfällig gegenüber den massiven konjunkturellen Einflüssen.


Rheinland-Pfalz: nachlassende Dynamik


Das Wachstum der chemischen Industrie in Rheinland-Pfalz hat sich, nach deutlichem Umsatzplus in der ersten Jahreshälfte 2008, spürbar abgeflacht. Die Auswirkungen der Finanzmarktkrise machten den Unternehmen zunehmend zu schaffen. Bis Oktober lag der Branchenumsatz im Vorjahresvergleich aber immer noch im Plus. In den ersten zehn Monaten setzte die chemische Industrie in Rheinland-Pfalz Chemikalien im Wert von 21,4 Mrd. € um. Dies entspricht einem Zuwachs gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres von 6,3%. Der Inlandsumsatz stieg um 8%. Das Exportgeschäft legte um gut 5% zu. Die beginnende Kaufzurückhaltung und der Abbau von Lagerbeständen bei den Abnehmern waren jedoch in den letzten Monaten die ersten Anzeichen einer bevorstehenden rezessiven Entwicklung. Bei den Auftragseingängen zeigt der Trend bereits seit Mitte des Jahres 2008 abwärts.


Bayern: Spezialitätenchemie läuft noch rund


In Bayern läuft die Chemiekonjunktur auch im Abschwung besser als im Bundesdurchschnitt. Der Branchenumsatz stieg in den ersten 10 Monaten des Jahres 2008 um 6,5% auf 14,0 Mrd. €. Zu diesem erfreulichen Ergebnis haben höhere Preise beigetragen. Aber auch die Produktion konnte im Vorjahresvergleich ausgedehnt werden. Sie legte bis einschließlich Oktober um 4,6% zu. Die wesentlichen Impulse kamen aus dem Ausland. Das Exportgeschäft verzeichnete einen Zuwachs von 8%. Angesichts der sich ausweitenden Rezession muss allerdings auch in Bayern zum Jahresende mit deutlichen Umsatzrückgängen gerechnet werden.


Baden-Württembergs Chemie spürt schwache Automobilkonjunktur


Charakteristisch für die Chemieindustrie des Landes ist ein vergleichsweise hoher Produktionsanteil von Pharma (40%). Noch einmal rund 10% entfallen auf die konsumnahen Wasch- und Reinigungsmittel sowie Kosmetika. Die übrigen Chemiesparten (50%) stellen im Wesentlichen Lacke, Gummi und Kunststoffe für die Automobilindustrie her. Nach dem Produktionsplus von 2,7% im Jahr 2007 konnte die Chemieindustrie im „Ländle" nicht mehr zulegen. In Folge der Ausweitung und Vertiefung der Finanzmarktkrise sank die Produktion im November 2008 sogar deutlich - um rund 10%. Für das Gesamtjahr 2008 dürfte die baden-württembergische Chemieindustrie damit einen leichten Produktionsrückgang von rund 1% verbuchen. Bei steigenden Erzeugerpreisen konnte der Umsatz aber weiter zulegen: Die Inlands-Verkäufe der Branche stiegen bis einschließlich November um 5%. Der Auslandsumsatz stieg im gleichen Zeitraum um knapp 4%. Allerdings verheißen auch hier die jüngsten Zahlen nichts Gutes. Im November lag der Umsatz vor allem wegen der schwachen Automobilkonjunktur rund 13% niedriger als ein Jahr zuvor.

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