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Die aktuellen Themen aus Sicht des VCI - Dr. Utz Tillmann

Sechs Fragen - Viele Antworten

29.07.2015 -

Viele der Unternehmen, die auf der Achema 2015 ausstellten, sind in Verbänden organisiert, die zu einzelnen Fachgebieten z. B. Normierungsarbeit leisten oder sich für die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Teilbranchen auf nationaler und internationaler Ebene einsetzen. Eine ebenso wichtige verbindende Rolle spielen die Fachgesellschaften und Berufs- und Standesvereinigungen für ihre persönlichen Mitglieder. Viele dieser Verbände und Vereine gestalteten einen eigenen Auftritt auf der Achema und diskutierten aktuelle Themen und Trends. Zu einigen davon haben wir ihren Standpunkt erfragt. Unsere Fragen beantwortete Dr. Utz Tillmann, VCI-Hauptgeschäftsführer.

Wie ist die wirtschaftliche Ausgangslage für Ihre Branche in diesem Jahr und wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?
Dr. Utz Tillmann: Die Chemiebranche hat in doppelter Hinsicht Herausforderungen zu meistern. Einerseits schreitet die wirtschaftliche Erholung in Europa nur in kleinen Schritten voran. Andererseits gefährden die hohen Energiekosten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Branche. Vor diesem Hintergrund erwartet der VCI für 2015 ein moderat wachsendes Chemiegeschäft. Die Chemieproduktion wird dieses Jahr voraussichtlich zwischen 1,5 und 2,0 Prozent steigen. Die Preise für chemische Erzeugnisse werden dabei aber allerdings  deutlich sinken, sodass der Branchenumsatz stagniert oder allenfalls leicht zulegt. Diese Prognose gilt unter der Annahme, dass es wegen Griechenland nicht zu größeren wirtschaftlichen Verwerfungen im Euroraum kommt.

Gilt diese Konjunkturprognose auch für die Gesamtwirtschaft?
Dr. Utz Tillmann: Die deutsche Wirtschaft insgesamt wird dieses Jahr wachsen. Der niedrige Ölpreis, der schwache Euro und günstige Zinsen fördern als Sonderfaktoren diese Entwicklung. Sie sind aber nur vorübergehende Phänomene. Der wirtschaftliche Aufwärtstrend wird nur von längerer Dauer sein, wenn die Bundesregierung jetzt wachstumsfördernde Reformen verabschiedet. Handlungsbedarf sehen wir dabei vor allem auf zwei Feldern. Erstens: Die Innovationsfähigkeit der Unternehmen stärken. Und zweitens: Für bezahlbare Energie sorgen.

Welchen Standpunkt vertreten Sie zum Freihandelsabkommen mit den USA, TTIP? Chance oder Risiko?
Dr. Utz Tillmann: TTIP bietet große Chancen für die Belebung der transatlantischen Beziehungen. Wirtschaftliche Impulse erwarten wir für die Chemie vor allem in drei Bereichen: Zoll­abbau, Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse und gesamtwirtschaftliche Belebung. Dafür brauchen wir ein ehrgeiziges Abkommen. Die Zölle im Handel mit den USA sind bereits gering. Wegen des enormen Handelsvolumens führen aber auch geringe Zölle zu hohen Kosten. Allein für Exporte in die Vereinigten Staaten zahlten deutsche Chemieunternehmen 2010 rund 140 Millionen Euro in die US-Staatskasse.
TTIP hat aber vor allem als strategisches Zukunftsprojekt große Bedeutung. Für die deutsche Chemie wäre dabei die regulatorische Kooperation der entscheidende Vorteil. Sie würde dauerhafte Impulse für die chemische Industrie generieren. Kurzfristig könnten zum Beispiel unnötige Doppelarbeiten und Bürokratiekosten wegfallen. TTIP wird dabei aber auf keinen Fall zu einer Absenkung von Standards bei der Chemikaliensicherheit führen. Die Chemikalienregulierungen REACH, in der EU, und TSCA, in den USA, können nicht auf einen Nenner gebracht werden, weil die Systeme zu unterschiedlich sind. Langfristig könnten gemeinsame, ehrgeizige Schutzstandards mit globalem Modellcharakter etabliert werden. Bei neuer Gesetzgebung würden sich die Partner zur Kooperation verpflichten, aber nicht zu gemeinsamen Ergebnissen.

Wo sind die Herausforderungen, Hürden und Hindernisse, um bei den Themen Digitalisierung, Internet of Things und Industrie 4.0 ­entscheidende Fortschritte zu machen?
Dr. Utz Tillmann: An der digitalen Automatisierung und Vernetzung von Produktionsprozessen wird in vielen Unternehmen der chemischen Industrie gearbeitet. Großen wie mittelständischen Unternehmen bietet Industrie 4.0 Chancen:  Neue digitale Geschäftsmodelle oder weitere Potenziale für Effizienzsteigerungen in der Logistik, der Lieferkette und in den Produktionsbetrieben. Die Perspektive Indus­trie 4.0. birgt vor allem die Möglichkeit, die Chemie noch intensiver mit den verschiedenen Wertschöpfungsstufen zu vernetzen.  Es gibt aber auch offene Fragestellungen, die geklärt werden müssen. Dazu gehören zum Beispiel die Wahrung geistiger Eigentumsrechte, der Schutz von Anlagen und Daten, die Berücksichtigung der neuen technologischen Trends in der Fachkräfteausbildung oder eine flächendeckend leistungsfähige IT-Infrastruktur.

Das Thema Energiewende ist derzeit in aller Munde. Welchen Beitrag kann bzw. sollte Ihre Klientel dazu leisten. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Dr. Utz Tillmann: Die Energiewende ist ein weltweit einzigartiges Projekt, bei dem wir Gefahr laufen, in eine Sackgasse zu steuern. Wir geben 22 Milliarden Euro jährlich für die EEG-Umlage aus. Das belastet Bürger und die Industrie, vor allem den Mittelstand. Daneben existieren viele weitere Probleme: Der Netzausbau hinkt durch die föderalen Unstimmigkeiten der Planung hinterher. Gleichzeitig ist der Beitrag zum Klimaschutz überschaubar. Am meisten macht mir aber Sorgen, dass die energieintensiven Industrien hierzulande trotz bestehender Entlastungen einen deutlichen Nachteil im internationalen Wettbewerb haben. Diese Tatsache schafft Handlungsbedarf.  Für die  Energiewende geben innovative Technologien und Werkstoffe aus der Chemie für Windräder, Solardächer und Stromspeicher den Ausschlag. Nur so treiben wir den Umbau zu einer regenerativen Energieversorgung aktiv mit voran.

Welche konkreten Änderungen fordern Sie in der Energiepolitik?
Dr. Utz Tillmann: Die Politik muss sich dringend an die Korrektur der Systemfehler im EEG machen. Wir fordern zum Beispiel seit Jahren, dass die Erneuerbaren Energien stärker an den Markt geführt werden. Passiert ist wenig. Auch die Einspeisevergütung und der Einspeisevorrang für Erneuerbare sollten neu geregelt werden. Und wir brauchen ein anderes Finanzierungssystems für die Energiewende: An einer Alternative für die bisherige EEG-Umlage geht kein Weg vorbei. Auf der anderen Seite gibt es Elemente, bei denen die Rahmenbedingungen unverändert bestehen bleiben müssen. Planungssicherheit ist hier die Devise. Die Chemie bekäme gewaltige Kostenprobleme, wenn an der EEG-Entlastung gerüttelt würde. Das gleiche gilt für die Versorgung mit Eigenstrom: Hier brauchen wir über 2017 hinaus einen Bestandsschutz für Altanlagen. Diese Entlastung wird auf europäischer Ebene in Frage gestellt, obwohl dies industriepolitisch kontraproduktiv ist. Nur wenn solche Anlagen für die Eigenstromerzeugung auch in Zukunft wirtschaftlich bleiben, erhalten wir diese besonders effiziente Form der Energieversorgung.

Der Chemiestandort Deutschland verliert zunehmend seine Wettbewerbsfähigkeit. Teilen Sie diese Einschätzung?
Dr. Utz Tillmann: In der Tat: Der Chemiestandort Deutschland verliert im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit – und das schon seit längerer Zeit. Eine Studie von Oxford Economics, die der VCI in Auftrag gegeben hat, macht das offensichtlich. Deutschland ist zwar noch immer ein attraktiver und wettbewerbsfähiger Chemiestandort, doch unser Anteil auf dem globalen Exportmarkt – eine unserer Stärken – schwindet.  Gleichzeitig haben sich die  Chemie-Investitionen in den USA und China von 2008 bis 2013 nahezu verdoppelt.  Durch diese gegenläufigen Effekte, kommt es zu einem Wettbewerbsnachteil für unsere Produktion. Aber wenn es die industriepolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland erlauben, wird deutsche Chemie in den nächsten 20 Jahren von der steigenden weltweiten Nachfrage nach Chemikalien – besonders aus Südost­asien und Lateinamerika – profitieren.

Was kann oder muss die Branche unternehmen?
Dr. Utz Tillmann: Auf den steigenden Wettbewerbsdruck reagiert die Branche mit einer mehrschichtigen Anpassungsstrategie. Dazu gehört unter anderem die Fokussierung auf Spezialchemikalien. Forschungsintensive und höherwertige Spezialchemikalien für Farben, Pflanzenschutzmittel, Spezialkunststoffe und Konsumprodukte werden in Zukunft weitere Produktionsanteile hinzugewinnen. Dieser Wissensvorsprung wird künftig noch stärker als bislang den Unterschied im Wettbewerb gegenüber anderen

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