Indiens Chemieindustrie schafft Anschluss an die Weltspitze

  • Dr. Henrik Meincke, Chefvolkswirt, VCIDr. Henrik Meincke, Chefvolkswirt, VCI
  • Dr. Henrik Meincke, Chefvolkswirt, VCI

Die Konjunktur hat sich nicht nur in den Industrieländern, sondern zunehmend auch in den Schwellenländern abgeschwächt. Auch in Indien hat das Wachstum deutlich an Schwung verloren: Für das Gesamtjahr 2011 weist die amtliche Statistik zwar noch ein reales Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von knapp 7 % aus. Im vierten Quartal schrumpfte das Plus aber auf 5 %. Nicht nur die Unsicherheiten über die Entwicklungen in wichtigen Absatzregionen trüben derzeit die indischen Aussichten. Die anhaltende Inflation, angetrieben durch hohe Lohnzuwächse sowie durch steigende Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise, machen dem Land zu schaffen Die Zentralbank hat bereits die geldpolitischen Zügel angezogen und die Refinanzierungsrate mehrfach erhöht.

Die Konjunkturabschwächung erfasste vor allem den industriellen Sektor. Die Industrieproduktion Indiens ist seit Juli 2011 rückläufig. Im vierten Quartal lag sie 2 % niedriger als ein Jahr zuvor. Die chemische Industrie bekam die Flaute frühzeitig zu spüren. Trotz des stabilen Pharmageschäftes verfehlte die indische Chemieproduktion in der zweiten Jahreshälfte 2011 ihr Vorjahresniveau deutlich. Die Aussichten für 2012 bleiben gedämpft. Auch wenn sich die Auftriebskräfte in den kommenden Monaten wieder durchsetzen dürften, wird Indiens Konjunktur in diesem Jahr deutliche Bremsspuren aufweisen. Das Bruttoinlandsprodukt wird voraussichtlich nur um 4 % zulegen. Auch für die Industrie bleiben die Wachstumsperspektiven mit rund 1 % verhalten. Das Chemiegeschäft wird kaum zulegen können (Grafik 1).

Wachstumspause im Jahr 2011
In den Boomjahren 2004 bis 2007 wuchs die indische Chemieproduktion mit durchschnittlich 10 % pro Jahr. Dieses hohe Wachstumstempo konnte danach nicht mehr gehalten werden. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hinterließ auch im indischen Chemiegeschäft ihre Spuren, und die Produktion wurde stark gedrosselt. Zwar setzte rasch eine Erholung ein. Das Wachstum blieb aber bescheiden. Seit 2009 wuchs die indische Chemie nur noch mit knapp 2 % pro Jahr. Zudem zeigte sich eine starke Volatilität im Chemiegeschäft.

Im Verlauf des Jahres 2011 drosselten wichtige Abnehmerbranchen, wie die Automobilindustrie, die Bauwirtschaft oder die Konsumgüterindustrie ihre Produktion.

Nach gutem Jahresbeginn schrumpfte die indische Chemieproduktion daher kräftig (Grafik 2). Auch auf den Auslandsmärkten sank die Nachfrage. Der Abwärtstrend stoppte erst im vierten Quartal. Unter dem Strich stagnierte 2011 das indische Chemiegeschäft. Vieles spricht jedoch dafür, dass der Tiefpunkt mittlerweile erreicht wurde.

Trotz der jüngsten Rückschläge zählt Indien mittlerweile zu den führenden Chemienationen der Welt. Im Länderranking liegt das Land mit einem Chemieumsatz von 76 Mrd. € noch vor Italien und Großbritannien auf Rang 8. Ein großer Binnenmarkt, die Nähe zu den asiatischen Tigerstaaten und eine wachsende heimische Industrie trugen zu einer prosperierenden indischen Chemieindustrie bei. Nach Japan, China und Südkorea ist Indien mittlerweile der viertgrößte Chemieproduzent in Asien. Die chemische Industrie ist gemessen am Umsatz nach der Metallerzeugung die zweitgrößte Branche des Landes. Ihr Anteil am verarbeitenden Gewerbe liegt bei über 16 %. Die Pharmaherstellung und die Fein- und Spezialitätenchemie sind die größten Sparten der indischen Chemieindustrie (Grafik 3).

Führende Position in der Pharmaproduktion
Indiens Pharmaproduktion zählt heute zu den größten und effizientesten der Welt. Dies gilt vor allem für die Herstellung von Generika. Den großen indischen Herstellern wie Ranbaxy, Dr. Reddy's Laboratories, Nicholas Piramal, Cipla oder Wockhardt gelang es, den Generika-Markt zu erobern. Indiens Weltmarktanteil am Generikageschäft liegt bei rund 20 %. Auch bei den Fein- und Spezialchemikalien hat Indien in den letzten Jahren deutlich zulegen können. Nicht zuletzt wegen des Engagements ausländischer Chemiekonzerne stieg der Anteil der Spezialitäten am indischen Chemiegeschäft in den letzten Jahren auf 20 %.
Die Grundstoffchemie (Anorganika, Petrochemikalien und Polymere) kommt insgesamt auf einen Anteil von 45 %. Mit der „National Policy on Petrochemicals" fördert die indische Regierung gezielt Investitionen in Anlagen der Petrochemie u. a. auch, um die hohe Nachfrage nach Polymeren auf dem Subkontinent decken zu können. Bei den anorganischen Grundchemikalien dominieren die Düngemittel. Indien ist hier inzwischen nach den Vereinigten Staaten der größte Produzent - ein Ergebnis der Restrukturierung der meist staatlichen Düngemittelindustrie.

Langfristig gute Perspektiven für die Chemie
Langfristig ist Indien einer der großen Wachstumsmärkte im weltweiten Chemiegeschäft. Beispielsweise liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Polymeren nur bei etwa einem Fünftel des weltweiten Durchschnitts. Mit steigendem Wohlstand wird das Land hier aber zunehmend aufschließen. Die Polymernachfrage dürfte ebenso wie die Nachfrage nach Spezialchemikalien den kommenden Jahren kräftig zulegen.
Zu den großen Standortvorteilen Indiens - gerade auch im Vergleich mit dem Wachstumsmotor China - zählen die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte mit englischen Sprachkenntnissen, bessere Eigentumsrechte und hohe Qualitätsstandards. Viele Produktionsstandorte sind von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zertifiziert und von der strengen US-Zulassungsbehörde für Pharmaprodukte, der Food and Drug Administration (FDA), geprüft. Letzteres ist entscheidend, um Pharmazeutika auf dem größten Gesundheitsmarkt der Welt, den Vereinigten Staaten, anbieten zu können.
Indiens Chemieindustrie steht aber auch vor großen Herausforderungen, wenn es seine Marktposition weiter ausbauen will. Zu den drängendsten Problemen zählen die schlechte Infrastruktur, hohe Rohstoff- und Energiekosten und die geringe Produktivität. Die schlechte Infrastruktur führt zu hohen Transportkosten und Verzögerungen bei Exportlieferungen. Die Preise für Energie liegen um ein Vielfaches über den Preisen der direkten Konkurrenten im Nahen Osten. Außerdem ist die Branche stark fragmentiert.

Deutsche Chemie: Handelspartner und Investor
Trotz aller Erfolge kann die indische Produktion nicht mit dem raschen Wachstum der Chemienachfrage Schritt halten. Folglich muss Indien Chemikalien im großen Stil importieren. Die Handelsbilanz mit Chemikalien weist mittlerweile ein Defizit in Höhe von 7 Mrd. € aus (Grafik 4).
Das hohe Marktwachstum weckt das Interesse ausländischer Konzerne an Indien. Deutschland exportierte 2010 chemische Erzeugnisse im Wert von knapp 1,4 Mrd. € nach Indien - Tendenz stark steigend. Zunehmend ist das Land aber auch für Direktinvestitionen interessant. Zahlreiche deutsche Chemieunternehmen investierten vor Ort in Produktions- und Vertriebsstätten. Jährlich produzieren indische Tochterunternehmen deutscher Chemiekonzerne mit 20.000 Beschäftigten Chemikalien im Wert von 2 Mrd. €. Der Marktanteil der deutschen Chemieindustrie in Indien dürfte derzeit bei rund 5 % liegen. Die Chemieunternehmen haben bei ihrem Engagement in Indien aber nicht nur den Binnenmarkt im Blick. Zunehmend bauen sie die indischen Standorte zu einer Drehscheibe für die gesamte Region aus.  

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