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Chemiebranche zieht positive Halbjahresbilanz

Die deutsche chemische Industrie nimmt Fahrt auf, Umsatz steigt im 1. Halbjahr um 5%

19.07.2017 -

Der Umsatz der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland hat sich in den ersten sechs Monaten 2017 um rund 5 % auf 96,9 Mrd. EUR erhöht. In seiner Halbjahresbilanz führt der Verband der Chemischen Industrie (VCI) das Umsatzwachstum auf die infolge der hohen Kapazitätsauslastung von rund 87 % und gestiegener Ölpreise erhöhten Erzeugerpreise zurück. Diese sind im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 % gestiegen, während die Produktion um 1,5 % zulegte. Mit Ausnahme der petrochemischen Grundstoffe (- 3,5 %) verzeichneten alle Sparten einen Mengenzuwachs.

VCI-Präsident Dr. Kurt Bock sagte zur wirtschaftlichen Entwicklung der Branche: „Die aktuelle Lage ist positiv. Wir erwarten auch für die zweite Jahreshälfte anhaltend gute Geschäfte im In- und Ausland.“ In allen für die deutsche Chemie wichtigen Auslandsmärkten rechneten die Unternehmen bis ins kommende Jahr hinein mit einem stabilen Wirtschaftswachstum. „Das gilt nicht nur für Europa, sondern auch für unseren wichtigsten Handelspartner, die USA“, erklärte Bock.

Beschäftigung

Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Branche stieg im Vergleich zum Vorjahr um 0,5 % auf 449.300 Beschäftigte und liegt damit über dem Niveau von 2004. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband mit einem gleichbleibenden Anstieg auf rund 450.000 Beschäftigte zum Jahresende.

Kapazitätsauslastung

Die Auslastung der Produktionsanlagen der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland liegt mit 87 % deutlich über dem Niveau der letzten fünf Jahre von 84 % und sogar noch über dem hohen Niveau des Nachkrisenjahres 2010.

Prognose

Vor dem Hintergrund des Aufwärtstrends in der Branche erhöht der VCI seine Prognose für das Gesamtjahr 2017: Der Chemieverband geht nun von einem Produktionswachstum von 1,5 % (bisher 1 %) aus. Der Umsatz wird sich voraussichtlich um 5 % auf 194 Mrd. EUR erhöhen.

Sachinvestitionen

Die Zuversicht der Branche spiegelt sich in den Plänen für Sachinvestitionen in Deutschland wider: Die Unternehmen wollen in diesem Jahr mit rund 7,5 Mrd. EUR mehr als jemals zuvor in Produktionsanlagen und Maschinen investieren. Dieser Rekordwert entspricht einem Anstieg von 6,7 % oder rund 470 Mio. EUR gegenüber 2016. Aber auch die Auslandsinvestitionen sollen sich auf 8,4 Mrd. EUR (+ 5,8 %) erhöhen.

Politische Stellschrauben für mehr Innovationen und Investitionen

Der VCI-Präsident appellierte mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl an alle Parteien, den Standort Deutschland durch gute Industriepolitik zu stärken. In dieser Legislaturperiode seien zwar mit den Branchendialogen des Bundeswirtschaftsministeriums und dem „Bündnis Zukunft der Industrie“ ermutigende Ansätze entstanden. Davon abgesehen seien aber in den letzten vier Jahren kaum konkrete Fortschritte für mehr Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit des Standorts erzielt worden. Lobreden auf die Bedeutung der Industrie und Versprechungen in Wahlprogrammen müssten jetzt auch Taten folgen. Bock: „Wir brauchen mehr Substanz in der Industriepolitik mit dem Ziel, den Standort Deutschland tatsächlich zu stärken.“

Um dies zu erreichen, sieht der VCI mehrere vordringliche politische Handlungsfelder für die nächste Bundesregierung: So sei eine Bremse bei den Energiekosten durch mehr Markt in der Energiewende erforderlich. Der VCI plädiert für eine alternative Finanzierung der weiteren Förderung des Ausbaus regenerativer Stromerzeugung, um die EEG-Umlage für die Verbraucher zu stabilisieren und schneller auf null zurückzuführen. „Die Planungssicherheit für die Industrie muss erhöht werden, damit energieintensive Unternehmen wieder mehr investieren“, betonte Bock.

Zudem müsse mehr in Forschung und Entwicklung investiert werden. Ziel sollte es sein, so Bock, mittelfristig den Anteil der F&E-Ausgaben Deutschlands von heute 3 auf 3,5 % des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Dafür müsse die seit Jahren stagnierende Projektförderung des Staates ausgebaut werden. Eine steuerliche Forschungsförderung werde mehr Innovationsanreize in den Unternehmen setzen, darüber bestehe inzwischen ein breiter politischer Konsens der Parteien, betonte der VCI-Präsident. Eine maximale Wirkung entfalte dieses Instrument jedoch erst dann, wenn es alle Unternehmen – große und kleine – einbeziehe.

Bock richtete den dringenden Appell an die Politik, mehr in Bildung zu investieren. Schulen und Universitäten müssten finanziell und personell besser ausgestattet werden, um die Qualität von Unterricht und Lehre zu verbessern. Die Bildungsausgaben in Deutschland liegen gemessen am Bruttoinlandsprodukt und je Bürger deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. „Ein Bildungsschlusslicht kann auf Dauer kein Innovationsweltmeister werden – das müssen wir aber, wenn wir die Stärke des Standorts Deutschland halten wollen“, gab der VCI-Präsident zu bedenken.

Ein weiteres Defizit sieht der VCI in der Infrastruktur: Die Substanz der Verkehrswege in Deutschland drohe zu erodieren, was für die transportintensive Chemie ein großes Problem darstellt. Logistikexperten der Branche haben rund 60 Engpässe und Problemfälle im direkten Umfeld von Chemiestandorten identifiziert, die vorrangig beseitigt werden müssten. Für die Digitalisierung und für neue Geschäftsmodelle brauche die Industrie schnelle Datenverbindungen ins Internet. Der Breitbandausbau als technische Basis für diese Transformation müsse deutlich Fahrt aufnehmen – auch in der Fläche. Bock verwies darauf, dass viele der „Hidden-Champions“ aus dem Chemie-Mittelstand, der rund 1.900 Unternehmen umfasst, nicht in den Ballungszentren angesiedelt sind. „Unsere  mittelständischen Firmen, aber auch ihre Kunden und Lieferanten – brauchen leistungsfähige Anschlüsse zum Internet, wenn sie mit Wettbewerbern in Indien und China künftig auf Augenhöhe bleiben wollen.“

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