Märkte & Unternehmen

Chemieindustrie erwartet moderates Wachstum für 2014

22.01.2014 -

Der Verband der Chemieindustrie (VCI) zog Bilanz: Trotz eines schwachen Auslandsgeschäfts blickt die deutsche Chemiebranche auf ein erfolgreiches Jahr 2013 zurück. CHEManager befragte VCI-Chefvolkswirt Dr. Henrik Meincke zu den Konjunkturaussichten und steigenden Handelsüberschüssen der Chemiebranche. Die Fragen stellte Dr. Andrea Gruß.

CHEManager: Herr Dr. Meincke, welche Bilanz zieht die deutsche Chemieindustrie für das zurückliegende Jahr?

Dr. H. Meincke: Die deutsche Chemie hat 2013 zwar ein wechselhaftes Jahr erlebt. Betrachtet man aber alle Monate in einer Gesamtbilanz, so brachte das zurückliegende Jahr endlich die erhoffte Trendwende. Bei steigender Nachfrage nach Chemieerzeugnissen im Inland stieg das Produktionsniveau der Unternehmen um 1,5 %. Wegen der rückläufigen Erzeugerpreise wuchs der Branchenumsatz allerdings nur um 0,5 % auf insgesamt 187,7 Mrd. €. Angesichts des schwierigen weltwirtschaftlichen Umfeldes ist die Branche mit dem bescheidenen Wachstum zufrieden. Die Unternehmen bewerteten die Geschäftslage positiv. Das zeigte sich auch in weiteren Kennzahlen: Die Beschäftigung stieg um 0,5 % auf 436.500 Mitarbeiter. Die Investitionen legten um 2 % auf 6,4 Mrd. € zu und die Forschungsausgaben wuchsen sogar um 7,8 % auf 10,5 Mrd. €. Damit hat die Branche den Grundstein für zukünftiges Wachstum gelegt.

Also ein Grund zum Feiern?

Dr. H. Meincke: Die Stimmung in den Chemieunternehmen ist derzeit eher von Erleichterung als von Euphorie geprägt. Rückblickend hätte auch deutlich schlimmer kommen können: In Europa hatte sich die Rezession zu Jahresbeginn zunächst fortgesetzt. Die Zypernkrise führte uns dann 2013 vor Augen, wie fragil die Finanzmärkte nach wie vor sind. Die Europäische Zentralbank senkte im Jahresverlauf die Zinsen weiter ab und setzte den Ankauf von Staatsanleihen der Krisenländer fort. In den USA führte der Parteienstreit über die Anhebung der Schuldenobergrenze vorrübergehend zu einer Haushaltssperre. Den Vereinigten Staaten drohte sogar die Zahlungsunfähigkeit. Dies hätte eine erneute Weltwirtschaftskrise auslösen können. Die Schwellenländer waren ebenfalls keine stabile Stütze der Weltkonjunktur. In Indien, Brasilien und auch in China ließ die Wachstumsdynamik deutlich nach. Und hierzulande sorgten Wahlkampf und langwierige Koalitionsbildung für einen wirtschaftspolitischen Stillstand.

Warum konnte die Chemieproduktion dennoch ausgedehnt werden?

Dr. H. Meincke: Es gab 2013 auch positive Entwicklungen. Europa konnte im Jahresverlauf die Rezession überwinden. Auch in den Südländern stieg das Bruttoinlandsprodukt wieder. Die eingeleiteten Reformen zeigten allmählich Wirkung und das Prinzip „Fördern und Fordern" hat sich bewährt. Irland konnte Ende 2013 sogar den Euro-Rettungsschirm verlassen. Auch in anderen Schuldenländern griffen Reformen. Insbesondere Spanien und Portugal scheinen mittlerweile auf vernünftigem Kurs zu liegen.
Die europäische Industrie hat im Jahresverlauf 2013 ihre Talfahrt beendet. Die Industrieproduktion legte wieder zu - insbesondere in Deutschland. Hierzulande sorgte das starke Industrienetzwerk dafür, dass viele Wirtschaftszweige ihre Produktion ausweiten konnten. Die Chemienachfrage in Deutschland zog daher wieder an. Der Inlandsumsatz stieg um 1 % auf 74,7 Mrd. €.
Das Produktionsplus ist aber auch auf eine Änderung der Preispolitik in vielen Unternehmen zurückzuführen. In den vorangegangenen Jahren hatten die Unternehmen bei rückläufiger Nachfrage die Produktion gedrosselt, um so Preise und Margen stabil zu halten. Im Jahr 2013 begannen die Unternehmen die Erzeugerpreise zu senken, um ihre Produktionskapazitäten besser auszunutzen.

Und wie entwickelte sich das Auslandsgeschäft?

Dr. H. Meincke: Das Auslandsgeschäft der deutschen Chemieindustrie war enttäuschend. Mit Ausnahme der Weltwirtschaftskrise 2009 war der Auslandsumsatz in den vergangenen zehn Jahren immer deutlich gestiegen. Im Jahr 2013 hingegen hat nur die Belebung im Europageschäft einen Rückgang der Branchenverkäufe ins Ausland verhindert. Der Auslandsumsatz stagnierte bei 113 Mrd. €. Das Geschäft mit den europäischen Staaten konnte insgesamt leicht zulegen. Insbesondere der Umsatz mit den osteuropäischen Ländern entwickelte sich mit +2,5 % positiv. Der Auslandsumsatz mit den NAFTA-Staaten sank dagegen um 1 %, weil die Pharmaausfuhren nicht mehr ganz an das gute Vorjahresergebnis anschließen konnten. Ebenfalls im Minus war der Auslandsumsatz mit Lateinamerika und Asien; die Umsätze der Chemieindustrie mit diesen Regionen sanken um 3 % bzw. 1,5 %.

Welche Entwicklungen erwarten sie für das Jahr 2014?

Dr. H. Meincke: Die Stimmung der Branche ist derzeit von einem vorsichtigen Optimismus geprägt. Die Mehrheit der Chemieunternehmen rechnet für 2014 mit einer Belebung ihres Geschäftes. Die Konjunkturprognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute nähren diese Zuversicht. Ihren Prognosen zu Folge hat die Weltwirtschaft auf allen Kontinenten hat die Talsohle durchschritten.
Europa wird im kommenden Jahr wachsen - allerdings weiterhin bei niedriger wirtschaftlicher Dynamik. Optimistischer fallen die Prognosen für Deutschland aus, das auch 2014 wieder auf sein starkes Industrienetzwerk und seine Exporterfolge setzen kann. Darüber hinaus wird die Binnenkonjunktur mehr Fahrt aufnehmen. Auch das Wirtschaftswachstum in den USA sollte wieder beschleunigen. Die expansive Geldpolitik und ein vom billigen Schiefergas ausgelöster Investitionsboom werden dort das Wachstum beflügeln. Aus den Schwellenländern Asiens und Südamerikas kommen ebenfalls positive Signale. Insgesamt sind von dort aber geringere Wachstumsimpulse zu erwarten als in den vergangenen Jahren.
Für das deutsche Chemiegeschäft wird es vor diesem Hintergrund 2014 weiter langsam aufwärts gehen. Neben einem stabilen Inlandsgeschäft dürften auch die Verkäufe ins Ausland wieder zulegen. Der VCI erwartet daher für das Gesamtjahr 2014 einen Anstieg der Chemieproduktion von 2 %. Die Erzeugerpreise dürften leicht sinken. Der Branchenumsatz sollte um 1,5 % auf 190,5 Mrd. € steigen.

Ein Plus bei den Exporten. Was bedeutet dies für die Handelsbilanz?

Dr. H. Meincke: Die Exporte stiegen 2013 um 2 % auf 165 Mrd. €. Diese Zahl enthält neben dem Auslandsgeschäft der Branche auch Re-Exporte sowie Exporte von Chemikalien aus anderen Wirtschaftszweigen. Die Einfuhr chemischer Erzeugnisse stagnierte demgegenüber bei 111 Mrd. €. Die Bilanz des Außenhandels bei chemischen Erzeugnissen blieb mit 54 Mrd. € stark positiv.
Seit langem weist die deutsche Chemieindustrie Exportüberschüsse aus. Dies ruft die EU-Kommission auf den Plan. Sie wirft Deutschland vor, durch seinen hohen Leistungsüberschuss die finanzielle und wirtschaftliche Stabilität in Europa zu gefährden. Unsere Branche steht nicht explizit im Fokus. Aber sie ist Teil des deutschen Industrienetzwerkes, das mit gut 1,1 Bio. € für über 85 % aller deutschen Exporte verantwortlich ist. Dabei zielt die Kritik der Kommission weniger auf die Exportstärke, sondern vor allem auf eine mögliche Importschwäche ab.

Was ist dran an diesem Vorwurf?

Dr. H. Meincke: Richtig ist: Der Überschuss der Branche beim Außenhandel wird immer größer. Er hat sich seit 2000 bis heute mehr als verdoppelt, von 24 Mrd. € auf 54 Mrd. €. Die chemische Industrie in Deutschland produziert innovative und qualitativ hochwertige Produkte, die weltweit gefragt sind, insbesondere in Wachstumsregionen. Das ist der Hauptgrund für den wachsenden Außenhandelsüberschuss mit Chemikalien. Im Gegenzug stiegen auch die Chemieimporte nach Deutschland. Damit setzt die deutsche Chemie Wachstumsimpulse im europäischen Ausland und stützt dort die Konjunktur. Von einer Destabilisierung der Eurozone kann also keine Rede sein.
Allerdings zielt die Kritik der Kommission auch vor allem auf eine mögliche Schwäche der Binnenwirtschaft als Folge niedriger Löhne und geringer Investitionen ab. Der Vorwurf eines Lohndumpings lässt sich rasch entkräften: Beim Entgeltniveau belegt die deutsche Chemie im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz. So liegen wir rund 65 % über dem Niveau der Arbeitskosten in Spanien.
Beim Thema Investitionen liegt die EU-Kommission richtig. Deutschland leidet schon länger unter einer Investitionsschwäche. Das betrifft nicht nur die Infrastruktur. Die chemische Industrie hat 2013 zwar wieder mehr investiert. Dennoch übertreffen die Investitionen kaum die Abschreibungen. Dieser Zustand hängt mit den Investitionsbedingungen hierzulande zusammen. Geringe Planungssicherheit und lange Planungszeiten bei Großprojekten oder das große Gefälle bei den Energiekosten sind Faktoren, die Investitionen verstärkt nach Asien und in die USA lenken.

 

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