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Chemiekonjunktur – Europas Chemie im Aufwind

Chemiebranche erwartet Wachstum von 3,5% für das Jahr 2015

14.07.2015 -

In Europa schreitet die konjunkturelle Erholung voran. Insbesondere in Spanien, den Niederlanden, Polen, Schweden und Großbritannien konnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu Jahresbeginn kräftig zulegen. Die Prognosen für das Gesamtjahr 2015 sind optimistisch. Die Mehrheit der Wirtschaftsforscher erwartet für die Europäische Union 2015 einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von bis zu 2%. Beflügelt wird das gegenwärtige Wachstum auch durch den schwachen Euro, der die Exporte aus dem Euroraum wettbewerbsfähiger macht. In den letzten Tagen hat sich allerdings die Lage in der sog. Eurokrise dramatisch verschärft. Während die Reformprogramme in anderen Krisenländern erfolgreich umgesetzt wurden, gab es in Griechenland einen Reformstau, der dazu geführt hat, dass mittlerweile die Geberländer nicht mehr bereit sind, frisches Geld ohne Gegenleistung nach Athen zu überweisen. Griechenland kann daher seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen. Das Land steuert auf eine tiefe Rezession zu. Die internationalen Finanzmärkte reagieren gelassen. Eine Finanzkrise scheint nahezu ausgeschlossen und auch die Ansteckungsgefahr für andere Krisenländer ist gering. Die griechische Rezession dürfte daher das Wachstum in Europa zwar dämpfen, der Aufwärtstrend ist aber wegen der geringen Bedeutung der griechischen Wirtschaft nicht in Gefahr.

Die europäische Industrieproduktion stieg spürbar und die Chemieunternehmen profitierten von der Zunahme der Wirtschaftsleistung in Europa. So konnten die europäischen Chemiehersteller zu Jahresbeginn ihre Produktion noch einmal deutlich ausweiten. Für das Gesamtjahr erscheint ein Wachstum der gesamten chemisch-pharmazeutischen Branche von rund 3,5% realistisch (Grafik 1).

Chemieproduktion profitiert von robuster Nachfrage

Nach der Krise zur Jahreswende 2008/2009 erholte sich die Chemieindustrie rasant. Allerdings stoppte die Phase der Rekonvaleszenz bereits im ersten Quartal 2010, ausgelöst durch die europäische Schuldenkrise. Die Produktion sank von Quartal zu Quartal. Zu Beginn des Jahres 2012 endete die Talfahrt. In der Folgezeit stagnierte die Produktion in der chemisch-pharmazeutischen Industrie. Erst das Jahr 2013 brachte die erhoffte Trendwende. Die Produktion konnte ab der Jahresmitte 2014 noch mal Fahrt aufnehmen. Folglich startete die europäische Chemie mit Rückenwind ins Jahr 2015. Von Januar bis März lag die Produktion 2,1% über dem ebenfalls guten Vorquartal. Im Vorjahresvergleich stieg die Produktion um 3,9% (Grafik 2). Insgesamt waren die Produktionskapazitäten mit 81,6% gut ausgelastet.

Das Bild für die einzelnen Chemiesparten ist uneinheitlich. Ein Großteil des Aufwärtstrends der Chemie ist der sehr guten Entwicklung im europäischen Pharmageschäft geschuldet (+7,7% gg. Vj.). Von den Produktionsausweitungen der europäischen Industrie profitierten vor allem die Produzenten von Spezialchemikalien und anorganischen Grundstoffen. Das weniger konjunkturreagible Geschäft mit Konsumchemikalien konnte ebenfalls leicht zulegen. Trotz der anziehenden Konjunktur waren die Produktion von Petrochemikalien und Polymeren noch im Minus (Grafik 3). Aber auch in den Grundstoffsparten setzten sich dank des niedrigen Ölpreises und des schwachen Euros die Auftriebskräfte durch.

Niedriges Preisniveau aufgrund des Ölpreises

Im zweiten Halbjahr 2014 sanken die Ölpreise deutlich. Ein Fass Rohöl der Nordseesorte Brent kostete im ersten Quartal des Jahres 2015 durchschnittlich 53,93 USD und damit nahezu 50% weniger als im Vorjahr. Dies verbesserte vorübergehend die Gewinnmargen der europäischen Chemieindustrie. Die Kunden erwarteten jedoch, dass der sinkende Ölpreis weitergegeben wird. Die Chemikalienpreise sanken seit Beginn des vierten Quartals 2014 kräftig. Doch dieser Preisverfall scheint nun beendet zu sein. Die Ölpreise steigen seit Februar, abgesehen von einem kleinen Dämpfer im März, wieder.

Die Erzeugerpreise in der Chemie folgten mit leichter Verzögerung dem Trendwechsel. Im ersten Quartal lagen die Preise noch um 5% unter dem Vorjahresniveau. Seit März werden die Produkte der chemischen Industrie aber wieder teurer. In allen Sparten der traditionellen Chemie ist der Preisrückgang beendet. Die Preise liegen aber immer noch unter Vorjahresniveau. Einzige Ausnahme ist die Konsumchemie, hier liegen die Preise bereits über Vorjahresniveau.  Der Preisunterschied zum Vorjahr ist in den Grundstoffsparten Petrochemie und Polymeren, die weit vorne in der Wertschöpfungskette stehen und damit stärker von der Ölpreisentwicklung abhängen, naturgemäß am größten. Die Erzeugerpreise der Pharmaindustrie hingegen entwickelten sich im Vergleich mit der Chemie deutlich weniger volatil (Grafik 4).

Umsatz: Pharmaplus kompensiert Rückgang in der Chemie

Trotz der positiven Wachstumssignale wichtiger europäischer Abnehmerindustrien, wie dem Automobilbau, den Kunststoffverarbeitern oder der Elektroindustrie, sank der Umsatz der europäischen Chemiebranche. Die heimische Nachfrage nach Chemikalien stieg zwar. Die positive Mengenentwicklung konnte den Preisrückgang aber nicht ausgleichen. In der weniger vom Ölpreis abhängigen Pharmaindustrie stieg der Umsatz in den ersten drei Monaten dagegen mit 12% gegenüber dem vergangenen Jahr deutlich.

Von der wachsenden Chemienachfrage der Weltmärkte konnte Europas Chemie zu Jahresbeginn profitieren. Die Abwertung des Euros belebt das Auslandsgeschäft zusätzlich. So übertrafen die Ausfuhren in die Welt im ersten Quartal das Vorjahresniveau um 12,6%. Besonders positiv entwickelte sich der Export in die NAFTA-Region und hier vor allem in die USA. Durch die Abwertung des Euro steigen die Exportpreise kräftig. Dies hat in Verbindung mit der positiven Mengenentwicklung zu den hohen Wachstumsraten geführt.

Ausblick: Belebung erwartet

Die politische Unsicherheit in Europa, ausgelöst durch den schwelenden Konflikt zwischen Russland und Ukraine vor Europas Haustür oder die ungelöste griechische Schuldenkrise, wächst. Das Vertrauen der Märkte, vor allem ausländischer Unternehmen und Investoren, in Europa scheint wenig ausgeprägt. Die politischen Unwägbarkeiten dominieren deren Risikoeinschätzung. Davon unbeeindruckt hat sich die europäische Wirtschaft längst stabilisiert und befindet sich jetzt auf einem gesunden Wachstumspfad. Behalten die Wirtschaftsforschungsinstitute mit ihren Prognosen recht, wird sich dieser Aufwärtstrend in den nächsten Monaten auch noch weiter fortsetzten.

Die europäische Chemieindustrie konnte in der zweiten Jahreshälfte 2014 noch einmal deutlich Fahrt aufnehmen. Kunden im In- und Ausland füllten die Auftragsbücher der Chemieunternehmen. Die industriellen Kunden der Chemie werden ihre Produktion in Jahresverlauf weiter ausweiten. Auch die Entwicklung auf den Weltmärkten gibt Anlass zum Optimismus. Die Chemikalienpreise haben die Talsohle durchschritten und steigen mittlerweile wieder. Zusammen mit der positiven Nachfrageentwicklung wird auch der Umsatz wieder zulegen können. Für das Gesamtjahr 2015 ist ein Wachstum von 3,5% realistisch. Rechnet man das Pharmageschäft heraus, so steigt die Chemieproduktion allerdings nur um 1,5%.

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