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Chemiekonjunktur – Russlands Chemie im Abwärtstrend

23.09.2014 -

Im Vergleich zu anderen Schwellenländern zeigte die russische Wirtschaft bereits vor dem Ukrainekonflikt nur ein verhaltenes Wachstum: Das Bruttoinlandsprodukt stieg 2013 um 1,3 %. Im ersten Quartal 2014 war die Wirtschaftsleistung sogar leicht rückläufig. Auch im zweiten Quartal kamen kaum Wachstumsimpulse. Damit befindet sich die russische Wirtschaft am Rande einer Rezession. Die aktuellen Sanktionen verschärfen die Situation zusätzlich. Vor allem der beschränkte Zugang der staatlichen Großbanken zum westlichen Kapitalmarkt belastet die russische Wirtschaft. Dringend benötigte Modernisierungsinvestitionen der Industrie bleiben aus. Hinzu kommt die hohe Inflation, die den privaten Konsum lähmt. Die Aussichten für die zweite Jahreshälfte sind kaum besser. Die russische Wirtschaft dürfte im Gesamtjahr 2014 stagnieren.

Kaum besser sieht es in der Industrie aus. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe lag zwar im ersten Halbjahr 2,5 % höher als ein Jahr zuvor. Das Wachstum muss aber angesichts des schwachen Vorjahres relativiert werden. Im Gesamtjahr 2014 wird die russische Industrieproduktion vermutlich nur um 1,5 % zulegen. Entsprechend gering ist die Nachfrage der Industrie nach Chemikalien. Die russische Chemieindustrie musste daher im zweiten Quartal 2014 ihre Produktion erneut drosseln. Die Aussichten für den weiteren Jahresverlauf bleiben in der Chemiebranche trüb. Selbst bei einer Stabilisierung der Chemieproduktion in der zweiten Jahreshälfte ist mit einem Rückgang der Produktion um 1,5 % zu rechnen (Grafik 1).

Russische Chemieproduktion seit 2014 rückläufig

Die Wirtschaftskrise im Jahr 2008/09 hat die russische Chemieindustrie zwar hart getroffen, sie erholte sich aber in den Folgejahren gut. Bereits im Jahresverlauf 2010 wurde das Vorkrisenniveau wieder übertroffen. Anschließend wuchs Russlands Chemie dynamisch. Von Januar 2011 bis Dezember 2013 betrug das Produktionsplus durchschnittlich 6,5 % pro Jahr. Es lag damit deutlich höher als in den Industrieländern. Die Trendwende setzte zu Jahresbeginn 2014 ein. Seitdem sinkt die russische Chemieproduktion. Der Abwärtstrend hat sich im zweiten Quartal beschleunigt. Im Vergleich zu den vorangegangenen drei Monaten wurde die Produktion um saisonbereinigt 5,5 % gedrosselt. Sie lag damit fast 1,5 % niedriger als ein Jahr zuvor (Grafik 2). Obwohl der Abwärtstrend zeitgleich mit dem Beginn des Ukrainekonflikts erfolgte, kann diese nicht allein als Begründung herangezogen werden. Die russische Wirtschaft im Allgemeinen und die Chemieindustrie im Besonderen stehen vor größeren strukturellen Problemen. In der Chemie ist dies u.a. die hohe Abhängigkeit von der Düngemittelproduktion.

Anorganika dominieren die russische Chemieproduktion

Die Besonderheit der russischen Chemieindustrie ist die weltweit einmalige Konzentration auf nur eine Chemiesparte. Rund 50 % des russischen Chemieumsatzes wird mit anorganischen Grundstoffen erzielt, vor allem mit Düngemitteln. Russland verfügt über große Gasvorkommen. Dieser Ressourcenreichtum begünstigt die Produktion von anorganischen Grundstoffen durch niedrige Rohstoff- und Energiekosten. Dieser Kostenvorteil wirkt sich auch auf andere Grundstoffsparten positiv aus. Auf die übrigen Chemiesparten entfallen nur gut 25 % des russischen Chemieumsatzes. Besonders der Anteil der Konsumchemikalien hat sich in den letzten Jahren stetig verkleinert und lag 2013 bei nur 7 % (Grafik 3). Die hohe Abhängigkeit vom Düngemittelgeschäft macht die russische Chemieindustrie anfällig für Nachfrageschwankungen aus der Landwirtschaft und für Konkurrenz aus anderen Ländern mit niedrigen Gaspreisen wie z.B. dem Nahen Osten oder seit kurzem den USA.

Strukturprobleme der russischen Industrie

Die russische Wirtschaft ist insgesamt stark von der Rohstoffproduktion abhängig. Sie besteht zum großen Teil aus den rohstoffnahen und energieintensiven Vorleistungsgüterindustrien und ist damit wenig diversifiziert. Hinzu kommen weitere Strukturprobleme. Viele Industrieunternehmen sind nicht wettbewerbsfähig und leiden unter veralteten Produktionskapazitäten. Die Infrastruktur hinkt der wirtschaftlichen Entwicklung weit hinterher. Insbesondere der Osten des Landes ist nur unzureichend erschlossen. Die Investitionstätigkeit war in den vergangenen Jahren gering. Ausländische Kapitalgeber halten sich mit Investitionen zurück und warten die weitere politische Entwicklung ab. Probleme bereitet auch die weit verbreitete Korruption. Mit der politischen Krise in der Ukraine und den Sanktionen haben sich die Investitionsbedingungen weiter verschlechtert.

Exportchancen für die deutsche Chemie

Russland ist mit 68 Mrd. € (2013) weltweit der zwölftgrößte Markt für Chemikalien und Pharmazeutika. Hiervon können ausländische Produzenten profitieren, denn die starke Konzentration auf Düngemittel bietet gerade in den anderen Chemiesparten große Exportchancen. Russland hat insgesamt ein hohes Defizit im Chemikalienhandel von 6,3 Mrd. € (2013), obwohl das Land bei den anorganischen Grundstoffen einen Handelsüberschuss von 12,1 Mrd. € erzielt. Gerade bei pharmazeutischen Produkten und Spezialchemikalien kann Russland seinen Bedarf nicht aus eigener Produktion decken (Grafik 4).

Die deutsche Chemie konnte von der russischen Nachfrage profitieren. Sie exportierte 2013 Waren im Wert von 5,2 Mrd. € nach Russland. Dies sind 3,3 % der deutschen Chemieexporte. Mehr als ein Drittel der deutschen Ausfuhren nach Russland waren Pharmazeutika. Umgekehrt kamen weniger als 1 % der deutschen Chemieeinfuhren aus Russland. Die deutsche Chemiehandelsbilanz mit Russland war somit deutlich positiv.

Seit Beginn dieses Jahres verschlechterten sich in der Chemie die deutsch-russischen Handelsbeziehungen. Die Exporte der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie in die Russische Föderation sanken im ersten Halbjahr saisonbereinigt um 13 % gegenüber dem zweiten Halbjahr 2013. Nicht nur die allgemeine Verunsicherung der Kunden und die Sanktionen behindern den Export. Der Rubel war im August 2014 auf ein Allzeittief gefallen, nachdem Investoren massenhaft Geld aus dem Schwellenland abgezogen hatten. Das macht deutsche Chemiewaren in Russland teuer.

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