Märkte & Unternehmen

CHEMonitor 1/2016 – Rohstoffbeschaffung in der Chemieindustrie

Deutsche Chemiemanager wollen Risiken bei der Rohstoffbeschaffung reduzieren

08.02.2016 -

Niedrige Zinsen, ein schwacher Euro und günstige Rohstoffpreise – die Rahmenbedingungen für die exportorientierte deutsche Chemieindustrie scheinen auf den ersten Blick günstig. Und doch bewerten weniger deutsche Chemiemanager als noch im vergangenen Oktober die Standortbedingungen in Deutschland als „gut“ oder „sehr gut“. In Bezug auf die Geschäfts- und Beschäftigungsentwicklung bleibt die Prognose der Branchenexperten jedoch stabil. Dies ergab die Befragung des CHEMonitor-Panels vom Januar 2016, die sich darüber hinaus im Detail mit der Rohstoffbeschaffung der chemischen Industrie befasste.

Für das Trendbarometer von CHEManager und der Strategie- und Organisationsberatung Camelot Management Consultants werden zweimal pro Jahr über 200 Top-Entscheider der deutschen Chemieindustrie befragt. Bei der aktuellen Befragung bewerteten 80 % der Top-Chemiemanager den Standort Deutschland mit „gut“ oder „sehr gut“. Damit wurde das Rekordniveau vom Oktober 2015 (88 %) zwar nicht erreicht, der Anteil der positiven Bewertungen bewegt sich aber auf dem Niveau der CHEMonitor-Befragung vom Januar vergangenen Jahres (Grafik 1).

Trotz des negativen Trends bei den Standortbedingungen bleibt die Geschäftsprognose der Branchenexperten im Vergleich zur vorangehenden Umfrage stabil: Mit 84 % bzw. 74 % der Befragten rechnen ebenso viele Chemiemanager wie im Oktober mit einem steigendem Umsatz bzw. Ergebnis für ihr Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten. Allerdings steigt auch der Anteil derer geringfügig an, die ein Minus erwarten.

„Der aktuell weiter sinkende Ölpreis verbessert die Wettbewerbssituation der deutschen Chemieindustrie auf ein Niveau vergleichbar dem vor Beginn der Fracking-Welle in den USA. Auch wenn dies kurzfristig erfreulich ist, sollten sich Chemiemanager nicht in Sicherheit wiegen, denn langfristige Wettbewerbsvorteile lassen sich nur durch strukturelle Veränderungen erreichen“, kommentiert Dr. Josef Packowski, Managing Partner bei Camelot Management Consultants, die Ergebnisse der 26. CHEMonitor-Befragung.

Stimmung im Chemiemittelstand kühlt sich ab

Eine Analyse der Umfrageergebnisse nach Unternehmensgröße zeigt, dass deutlich weniger Entscheider aus Unternehmen mit bis zu 500 Mitarbeitern die Bedingungen am Standort Deutschland positiv bewerten als noch im Oktober 2015. Während der Anteil der Nennungen von „gut“ oder „sehr gut“ in mittelständischen Unternehmen um zwölf Prozentpunkte auf 70 % sank, ging er in der Großchemie nur um zwei Prozentpunkte auf 91 % zurück. Aktuell bewerten Chemiemanager aus dem Mittelstand sieben der neun abgefragten Standortfaktoren schlechter als ihre Kollegen aus großen Unternehmen (vgl. Grafik 2).

Die signifikant positivere Bewertung von Managern aus den meist global agierenden Chemiekonzernen könnte ein Indiz auf die nach wie vor hohe Wettbewerbsfähigkeit des Chemiestandorts im internationalen Vergleich sein. Diese wird derzeit durch die schwächere wirtschaftliche Entwicklung in China und in anderen Schwellenländern sowie den niedrigen Ölpreis gestärkt. Allerdings zeigt der negative Stimmungstrend in mittelständischen Chemieunternehmen, von denen viele in Deutschland verwurzelt sind, dass sich die Rahmenbedingungen für die Chemie hierzulande verschlechtern. Dieser Trend geht auch mit einem höheren Kostenbewusstsein im Mittelstand einher: Der Anteil der Manager, für die Kostensenkung „hohe“ oder „höchste“ Priorität hat stieg seit der letzten Befragung im vergangenen Oktober um zehn Prozentpunkte auf 58 %, während er zeitgleich unter den Managern großer Chemieunternehmen von 96 % auf 87 % sank.

Dieser Trend wirkt sich nicht zuletzt auf die Beschaffungsstrategien der Unternehmen aus. In der aktuellen CHEMonitor-Befragung wurde daher erstmals ein Schwerpunkt auf die Analyse der Rohstoffbasis und -beschaffung gelegt.

Hoher Rohstoffkostenanteil in der Chemie

Zwar produziert die deutsche Chemieindustrie weitgehend erdölbasierte Erzeugnisse, Erdöl selbst wird jedoch vor allem für die Herstellung von Basischemikalien genutzt und ist aufgrund der Struktur der deutschen Chemieindustrie nur in einem Anteil von 10 % der befragten Unternehmen der überwiegend genutzte Rohstoff (Grafik 3). Wichtigste Ausgangsstoffe für die deutsche Chemieproduktion sind Spezialchemikalien, dicht gefolgt von anorganischen und organischen Basischemikalien.

Die Ergebnisse der aktuellen CHEMonitor-Befragung verdeutlichen, wie wichtig günstige Rohstoffe für die deutsche Chemiebranche sind: Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass 10-50 % der Produktionskosten in ihrem Unternehmen auf Rohstoffkosten fallen; in rund einem Viertel der Unternehmen machen die Rohstoffkosten gar über 50 % der Produktionskosten aus (Grafik 4).

Befragt nach Einflussgrößen bei der Rohstoffbeschaffung, die sich in den vergangenen Jahren auf den Unternehmenserfolg ausgewirkt haben, antwortete jeweils die Hälfte der Manager mit „rechtliche Auflagen und Vorschriften“ (53 %), „Ölpreis“ (52 %) oder „Rohstoffverfügbarkeit“ (50 %). In großen Unternehmen, die ihre Rohstoffe weltweit beschaffen, spielen darüber hinaus „geopolitische Entwicklungen“ eine Rolle.

Rohstofflieferanten: Zuverlässigkeit wichtiger als Preis

Unabhängig von der Unternehmensgröße spielt für die befragten Chemiemanager Zuverlässigkeit (98 % der Gesamtnennungen) eine größere Rolle bei der Auswahl des geeigneten Lieferanten als der Preis (83 %). Für die Entscheider in großen Unternehmen ist zudem die Compliance des Lieferanten ebenso wichtig wie der Rohstoffpreis (Grafik 5). Anders in kleineren Unternehmen: Hier ist das Compliance-Kriterium von deutlich geringerer Bedeutung (46 % versus 91 %). Dieses Umfrageergebnis des CHEMonitors decke sich mit anderen Studien zur Compliance, aus denen aber auch hervorgehe, dass die Bedeutung des Themas in mittelständischen Unternehmen zunehme, erklärt Dr. Tobias Brouwer, Compliance-Beauftragter im Verband der Chemischen Industrie (VCI). „Das Bewusstsein für Compliance-Themen, die auch die Lieferkette mit einschließen, ist ohne Frage im Mittelstand vorhanden“, sagt Brouwer weiter und verweist in diesem Zusammenhang auf die Veranstaltungsreihe „Compliance für den Mittelstand“ mit welcher der Verband seine Mitgliedsunternehmen seit diesem Jahr bei der Entwicklung einer eigenen Compliance-Kultur unterstützt.

Mehr Marktwissen zu Rohstoffen gefragt

Nicht allein die Compliance von Lieferanten, auch das Management anderer Risiken gewinnt bei der Rohstoffbeschaffung zunehmend an Bedeutung. „Die Identifizierung von Risiken in der Beschaffung ist ein Thema, das die Chemiemanager stärker denn je beschäftigt. Intelligente, digitale Lösungen zur Unterstützung von Marktanalysen und Risiko-Monitoring werden zukünftig zum Pflichtprogramm eines jeden Chemieunternehmens gehören“, sagt Dr. Sven Mandewirth, Partner bei Camelot. Dies bestätigt auch das Ergebnis der aktuellen CHEMonitor-Befragung: Danach wollen jeweils über 60 % der Manager noch in diesem Jahr Maßnahmen für mehr Marktwissen über Rohstoffe und deren Anbieter sowie zur Abwehr von Risiken bei der Rohstoffbeschaffung umsetzen.

Gelassen sind die Umfrageteilnehmer bzgl. des Preisrisikos bei der Rohstoffbeschaffung. Neun von zehn Befragten gehen von moderat steigenden oder stabilen Rohstoffpreisen in den kommenden zwölf Monaten aus. 7 % der Entscheider rechnen gar mit sinkenden Preisen für Spezialchemikalien, dem wichtigsten Rohstoffe der deutschen Chemie (Grafik 6).

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