Anlagenbau & Prozesstechnik

Der deutsche Chemieanlagenbau: Entwicklungen, Trends und Perspektiven

VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau sieht herausforderndes Wettbewerbsumfeld

13.03.2017 -

Die in der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) organisierten Chemieanlagenbauer gehören seit Jahrzehnten zur Weltspitze. Kunden schätzen vor allem die hohe technische Kompetenz und Innovationskraft der Unternehmen, ihre Internationalität sowie ihre Fähigkeit zur Entwicklung und Realisierung kundenspezifischer Gesamtlösungen. An dieser Wahrnehmung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig geändert. Verändert haben sich jedoch die Absatzmärkte, die Wettbewerbsstruktur und die Kundenerwartungen.

Die 1990er-Jahre: Umbrüche in Osteuropa und Asienkrise

Die 1990er-Jahre begannen mit umfassenden politischen Umwälzungen in Europa, die auch auf den Markt für Chemieanlagen ausstrahlten. Während die inländischen Bestellungen im Zuge des Wiedervereinigungsprozesses und den damit verbundenen Modernisierungsinvestitionen in den neuen Bundesländern bis 1994 zulegten, brachen wichtige Kundenbeziehungen nach Osteuropa schlagartig weg. Eine nachhaltige Erholung setzte erst ein, als Russland und andere Ex-Sowjet-Republiken die Weiterverarbeitung von Rohstoffen im eigenen Land forcierten und dabei auf deutsches Know-how zurückgriffen.

Als aufstrebender Standort der chemischen Industrie war Südostasien in den 1990er-Jahren die zentrale Wachstumsregion der Branche. Vor allem Kunden aus Indonesien, Thailand und Malaysia vergaben zahlreiche Aufträge für Raffinerien und petrochemische Großanlagen. Der Aufschwung der Jahre 1996 bis 1998, im Zuge dessen der Auftragseingang für Chemieanlagen erstmals die Schwelle von 3 Mrd. € überschritt, ist wesentlich auf Bestellungen aus dieser Region zurückzuführen.

Die folgenden Wirtschaftskrisen in Asien, Russland und Südamerika hinterließen aber schon bald deutliche Spuren in den Auftragsbüchern. Vor allem das zuvor boomende Südostasien-Geschäft brach ein. Den Tiefpunkt erreichte die Konjunktur im Jahr 1999, als die Bestellungen für Chemieanlagen auf einen Wert von 1,4 Mrd. € sanken. Verschärft wurde der Abwärtstrend durch den Fall des Ölpreises auf ein 20-Jahres-Tief.

Die 2000er-Jahre: Goldene Zeiten für den Chemieanlagenbau

Zu Beginn des neuen Jahrtausends stabilisierte sich der Markt. Im Zuge einer sich beschleunigenden Globalisierung gewann vor allem das Auslandsgeschäft weiter an Bedeutung: Die Exportquote des Chemieanlagenbaus stieg von 72 % (1990 bis 1999) auf 89 % (2000 bis 2009). Entsprechend schwach entwickelte sich die inländische Nachfrage nach Chemieanlagen, so dass Deutschland seine Rolle als Kernmarkt für den Chemieanlagenbau verlor.

Die Situation im Asiengeschäft war zu Anfang des Jahrzehnts durch eine anhaltend schwache Auftragslage in Südostasien bei gleichzeitiger Belebung der Nachfrage aus China und Indien gekennzeichnet. Immer stärker rückten in dieser Zeit auch der Mittlere Osten sowie Nordafrika in den Blickpunkt. War die Nachfrage aus diesen Regionen in den Jahren zuvor verhalten gewesen, verbesserte sich das Umfeld im Zuge anziehender Öl- und Gaspreise zusehends. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der Aufbau lokaler petrochemischer Industrien, etwa in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Begleitet wurde diese Entwicklung vom Trend zu immer größeren Projektvolumina. So betrugen die Mitte der 2000er-Jahre als „world scale“ bezeichneten Anlagenkapazitäten für viele Produkte der Chemie das Doppelte oder gar Dreifache dessen, was ein Jahrzehnt zuvor noch als Megaleistung galt. Die AGAB-Chemieanlagenbauer meisterten diesen Kapazitätssprung, der mit großen technischen und logistischen Herausforderungen verbunden war, und stellten 2005 mit Bestellungen von 1,8 Mrd. € einen Auftragsrekord im Mittleren Osten auf.

Generell brachen Mitte des Jahrzehnts goldene Zeiten für den Chemieanlagenbau an. Angesichts steigender Rohstoffpreise und umfangreicher Industrialisierungsprojekte in Schwellenländern setzte ein Boom ein, der 2007/2008 in Rekordaufträgen von jeweils über 5 Mrd. € gipfelte und überwiegend von Kunden aus Nordafrika, dem Mittleren Osten und Osteuropa getragen wurde. Gleichzeitig nutzten neue, überwiegend ostasiatische, Wettbewerber das anbieterfreundliche Umfeld („Verkäufermarkt“), um sich mit Referenzprojekten international zu etablieren.

Die Ende 2008 einsetzende Weltwirtschaftskrise beendete den Aufschwung jedoch abrupt. Der Markt kollabierte als Folge einer Kombination aus Nachfrageschwäche, Finanzierungsengpässen und allgemeinem Pessimismus. Die Auftragseingänge sanken 2009 um 41 % auf nur noch 2,7 Mrd. €. Einen vergleichbaren Einbruch hatte es zuvor noch nicht gegeben. Parallel hierzu forcierten südkoreanische Anlagenbauer ihren Expansionskurs im Großprojektgeschäft und zielten dabei vor allem auf die Märkte im Mittleren Osten.

Die 2010er-Jahre: Aufbruch in neue Märkte

Ab Mitte 2010 stabilisierte sich die Lage wieder, die Entwicklung blieb insgesamt jedoch volatil und die Zahl der Projekte verharrte auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Insbesondere im Mittleren Osten konnten deutsche Chemieanlagenbauer nicht mehr an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen. Ferner führten die politischen Umwälzungen des Arabischen Frühlings (2010/2011) zu Projektunterbrechungen in Nordafrika.

Für eine spürbare Marktbelebung sorgte ab 2012 der Schiefergas-Boom in den USA. Die Vereinigten Staaten stiegen im Zuge der vermehrten Förderung unkonventioneller Öl- und Gasvorkommen zum weltweit wichtigsten Markt des AGAB-Chemieanlagenbaus auf. Deutsche Auftragnehmer erhielten zahlreiche Aufträge im Downstream-Bereich, etwa für Düngemittelfabriken, Gasaufbereitungsanlagen sowie LNG-Export-Terminals. Um die komplette EPC-Kette mit lokalen Ressourcen abbilden zu können, bauten die Unternehmen ihre Präsenz im US-Markt deutlich aus. Mit dem Einbruch der Rohstoffpreise im Sommer 2014 gingen die Auftragseingänge jedoch wieder zurück und sanken vom Spitzenwert des Jahres 2013 (1,0 Mrd. €) auf rund 200 Mio. € im Jahr 2016.

Trotz wirtschaftlicher und politischer Turbulenzen verzeichnete der Chemieanlagenbau in jüngster Zeit einen eindrucksvollen Aufschwung im Geschäft mit Russland (3,3 Mrd. € Auftragseingang 2014 bis 2016). Die Branche profitierte dabei von ihrer starken lokalen Präsenz und ihren langfristigen Kundenbeziehungen. Neben mehreren von AGAB-Mitgliedern bereits gewonnenen Großaufträgen, etwa für Ammoniak-, Wasserstoff- und Ethylenanlagen, sind vor dem Hintergrund des russischen Importsubstitutionsprogramms auch zukünftig einzelne Markterfolge möglich. Die schwierigen Rahmenbedingungen dämpfen jedoch die Hoffnung auf eine umfassende Hochkonjunktur, von der die gesamte Branche profitiert.

Ausblick: Digitalisierung und Servicegeschäft bieten Chancen

Die Fähigkeit zu Innovation und kontinuierlicher Weiterentwicklung bestehender Technologien ist ein starkes Differenzierungsmerkmal des europäischen Anlagenbaus gegenüber den abwicklungsorientierten Wettbewerbern aus Nordamerika und Fernost. Gleichzeitig bedeutet Technologieführerschaft aber immer seltener auch Marktführerschaft. Vielmehr stehen auf das gesamte Spektrum der Kundenanforderungen zugeschnittene Anlagen im Fokus des Marktes. Argumente wie die im Vergleich zu Mitbewerbern niedrigeren Betriebskosten, die hohen Verfügbarkeitszeiten und der geringe Wartungs- und Reparaturbedarf deutscher Anlagen spielen eine wesentliche Rolle bei der Auftragsvergabe. Auch die Bedeutung von Service- und Betreiberleistungen wächst im Anlagenbau stark. Die in der AGAB organisierten Unternehmen sind auf diese Anforderungen gut vorbereitet: Sie sind in der Lage, die von ihnen gelieferten Anlagen zu warten und bei Bedarf auch zu betreiben.

Zweifellos beeinträchtigen die derzeit schwierigen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, insbesondere die niedrigen Öl- und Gaspreise, die Nachfrage nach Chemieanlagen nachhaltig. Gleichzeitig gibt es aber auch vielfältige Chancen: Etwa in den USA, wo die neue Regierung bestehende Industriezentren modernisieren will und verstärkt auf fossile Energien setzt. Oder im sich wieder öffnenden iranischen Markt, wo bereits erste Erfolge bei Instandsetzungs- und Ertüchtigungsprojekten zu verzeichnen sind. Überdies widmet sich die Branche intensiv der Anlagenautomatisierung sowie den Herausforderungen, die sich aus Themen wie Digitalisierung und Industrie 4.0 für den Anlagenbau ergeben.

Insgesamt sind die Aussichten für den AGAB-Chemieanlagenbau somit langfristig positiv einzuschätzen. Doch auch kurzfristig sind die Perspektiven ermutigend: In einer aktuellen Branchenumfrage zu den Geschäftserwartungen für 2017 äußern sich die Mitglieder der AGAB mehrheitlich zuversichtlich und rechnen für das laufende Jahr überwiegend mit Zuwächsen in Bezug auf Projekttätigkeit, Auftragseingang und Umsatz.

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