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Diskussion im Industriepark Höchst: Zukunft Chemie – Perspektiven auf die Welt von morgen

05.12.2016 - Die Weltbevölkerung wächst und mit ihr die gesellschaftlichen Herausforderungen. Welchen Beitrag kann die Chemie leisten, um sie zu bewältigen?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der von der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und Infraserv Höchst organisierten Veranstaltung „Zukunft Chemie – Perspektiven auf die Welt von morgen“ am 30. September im Industriepark Höchst. In jeweils 90 Minuten diskutierten interdisziplinäre Expertenpanels drei aktuelle und zentrale Themenkomplexe: „Diagnostik, Medikamente und Therapien“, „Nachhaltigkeit und Produktentwicklung“ und „Energieerzeugung, -umwandlung und –speicherung“.

Vertrauen aufbauen


Keine andere Branche könne so viel dazu beitragen, die gesellschaftlichen Herausforderungen zu lösen, wie die Chemie, betonte Margret Suckale, Mitglied des Vorstands der BASF und Präsidentin des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie. Die Chemie biete Lösungen u.a. für mehr Effizienz und die Schonung von Ressourcen, sei allerdings auf das Vertrauen der Bevölkerung angewiesen. Daher sei es wichtig, ergänzte Prof. Thisbe Lindhorst, Präsidentin der GDCh, dass die Chemie in einen Dialog mit der Gesellschaft trete, zuhöre und offen diskutiere, statt nur zu belehren. Dieses auch sehr persönliche Anliegen stellte die Professorin der Chemie daher unter dem Begriff „Wertedenken in der Chemie“ in das Zentrum Ihrer Präsidentschaft.

Pharmaforschung und Gesundheitsversorgung der Zukunft

Der medizinische Fortschritt eröffnet neue Möglichkeiten für die Prävention, Diagnose und Behandlung von Krankheiten. Doch ist ein Großteil der Medikamente auf dem Markt lediglich in der Lage, Erkrankungen zu behandeln, nicht zu heilen. Ist die medizinische Forschung bis zum Jahr 2030 einen Schritt weiter? Im ersten Panel „Diagnostik, Medikamente und Therapien“ diskutierten Prof. Christiane Woopen, Geschäftsführende Direktorin von CERES und Leiterin der Forschungsstelle Ethik an der Universität zu Köln, Prof. Theodor Dingermann, Seniorprofessor am Institut für pharmazeutische Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt, und Prof. Jochen Maas, Geschäftsführer Forschung und Entwicklung bei Sanofi-Aventis. Bis zum Jahr 2030 werde es deutlich mehr Biopharmazeutika auf dem Markt geben, sagte Maas. Mit ihnen werde man insbesondere auch Krebs besser behandeln können. Doch seien sie nicht für alle Krankheiten geeignet, da sie bestimmte Barrieren im Körper wie die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden könnten.

Ethische Herausforderungen der Pharmaforschung

Was ist in der Pharmaforschung und Gesundheitsversorgung aus ethischen Aspekten erlaubt? Könnte sich das in Zukunft verändern? Auch mit diesen Fragen beschäftigten sich die Experten. Internationale Standards für die Pharmaforschung, aber auch für den Zugang zu Gesundheitsversorgung seien zwingend notwendig, betonte Woopen. Sie glaubt, dass bis zum Jahr 2030 man hier einen Schritt weiter sein werde, jedoch werde es noch keine global einheitlichen, durchsetzbaren Standards geben.

Nachhaltige Produktentwicklung

Die Ressourcen der Erde werden zunehmend knapper – ein Problem, das sich mit Recycling alleine nicht lösen lässt. Wie kann man Nachhaltigkeit sowohl bei der Entwicklung als auch beim Konsum von Produkten sicherstellen? Muss die Entwicklung gestoppt werden, wenn sich herausstellt, dass das Ergebnis nicht nachhaltig sein wird? Um diese Fragen ging es im zweiten Panel zum Thema „Nachhaltigkeit und Produktentwicklung“ mit Dr. Steffi Ober, Referentin für Nachhaltige Forschungspolitik beim NABU Berlin, Prof.  Klaus Kümmerer, Professor für Nachhaltige Chemie und Stoffliche Ressourcen an der Leuphana Universität Lüneburg, Prof. Armin Reller, Inhaber des Lehrstuhls für Ressourcenstrategie der Universität Augsburg, und Dr. Martin Vollmer, Chief Technology Officer von Clariant. Wir können nicht so weitermachen, wie bisher – davon ist Kümmerer überzeugt. Aus diesem Grund sei es wichtig, eine nachhaltige Chemie zu betreiben, die die Funktionalität von Produkten in den Fokus nehme und deren „Lebensende“ nach der Nutzung gleichermaßen bereits bei der Produktentwicklung im Blick habe. Vollmer betonte, dass auch die Weiterentwicklung von Produktions- und Herstellungsprozessen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine große Rolle spiele. Die Digitalisierung könne helfen, nachhaltige Produktionsprozesse zu entwickeln.

Herausforderung Energiewende

In Zukunft sollen erneuerbare Energien die fossilen Energieträger in Deutschland ersetzen – so sieht es die Energiewende vor. Wie und vor allem wie schnell lässt sich dieses Ziel erreichen? Diese Frage diskutierte das dritte Panel „Energieerzeugung, -umwandlung und –speicherung“ mit Dr. Barbara Praetorius, stellvertretende Direktorin der Initiative Agora Energiewende, Prof. Ferdi Schüth, Direktor am Max-Planck-Insitut für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr, und Dr. Frank-Detlev Drake, Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung bei RWE. Die Weichen für das Jahr 2030 würden bereits in der nächsten Legislaturperiode gestellt, erklärte Praetorius. Sie erwartet, dass bis zu diesem Jahr 50 bis 60% des Strombedarfs mit Erneuerbaren Energien gedeckt würden und erst ab dem Jahr 2050 komplett auf fossile Brennstoffe verzichtet werden könnte. Ein Umstieg auf Erneuerbare Energien werde nur mit einer Dezentralisierung der Stromversorgung zu bewerkstelligen sein – da waren sich die drei Referenten einig. Das Energiesystem werde außerdem bunter werden, fügte Schüth hinzu. Es werde einen Mix aus verschiedenen Technologien geben müssen.

„Die künftigen Herausforderungen der Menschheit – sei es das Thema der Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung oder sei es der Klimawandel - werden ohne die Chemie nicht zu bewältigen sein“, fasste Jürgen Vormann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Infraserv Höchst, die zukünftige Rolle der Chemie zusammen. „Es ist wichtig, dass wir unser Handeln immer wieder hinterfragen und bereit sind, es zu verändern, wenn wir feststellen, dass wir auf dem falschen Weg sind“, fügte Geschäftsführer Dr. Joachim Kreysing hinzu. Dass sowohl die Chemische Industrie als auch die Wissenschaft dazu bereit sind, das zeigte sich in allen Panels der Veranstaltung. (op)

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