Strategie & Management

Existenzgründungen in der Chemie

Ausgezeichnete Innovationen: AOM-Systems und Glyconic beim Science4Life Venture Cup prämiert

09.12.2014 -

Über mangelnde Teilnehmerzahlen kann sich der Science4Life Venture-Cup, der bundesweit größte branchenspezifische Businessplan-Wettbewerb für die Bereiche Life Sciences und Chemie nicht beklagen, sie sind seit Jahren konstant hoch und damit ein Indikator dafür, dass Gründungen in den Naturwissenschaften nach wie vor beliebt sind. In diesem Jahr hat die Jury die Innovationen von zwei Teilnehmerteams aus dem Bereich Chemie prämiert.

Auch wenn Existenzgründungen in der Chemie in Deutschland eine vergleichsweise geringe Anzahl ausmachen, bieten sich für Chemiker viele Möglichkeiten, sich mit den entsprechenden Qualifikationen und eigenen Ideen in Start-ups, auch in der Biotechnologie oder pharmazeutischen Bereich, beruflich einzubringen. Die Initiative Science4Life hilft dabei, den Erfolg genau solcher Gründungen planbar zu machen.

AOM-Systems aus Darmstadt

Die Geschäftsidee des Teams aus Darmstadt, die im März 2013 zur Gründung von AOM-Systems führte, basiert auf einer Sensorentechnologie für die Echtzeit- und In-situ-Charakterisierung von Tropfen und Partikeln in Spray- und Sprühprozessen. Diese Technologie ist das Ergebnis einer Promotion am Fachbereich Maschinenbau der Technischen Universität in Darmstadt. Dr. Walter Schäfer hatte auf Basis der Time-Shift-Technologie seines Doktorvaters, Prof. Cameron Tropea, einen Sensor für das automatisierte Prozessmonitoring in der Beschichtungstechnik oder der Sprühtrocknung entwickelt. Schäfer suchte sich unmittelbar nach der Promotion einen Partner mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund für die Gründung eines eigenen Unternehmens und fand ihn in Dr. Meiko Hecker, der bereits zahlreiche Erfahrungen im Bereich Venture Capital und als Unternehmer gesammelt hat und jetzt selbst als kaufmännischer Geschäftsführer und Unternehmer bei AOM-Systems tätig ist.

Generell haben Sprühvorgänge die unterschiedlichsten Ziele, die wiederum ganz unterschiedliche Beschaffenheit von Tropfen fordern. Spray- und Sprühprozesse kommen in der Automobil- und der holzverarbeitenden Industrie zum Beispiel beim Lackieren zum Einsatz oder werden in der Lebensmittel-, Pharma- und Chemieindustrie etwa bei der Sprühtrocknung angewendet. Da die Technologie neben Tropfen auch noch Partikel charakterisieren kann, erweitert sich der Einsatzbereich auch noch um diese Anwendungen. Bei jedem Sprayprozess ist eine optimal eingestellte und konstante Tropfengrößen- und Tropfengeschwindigkeitsverteilung Voraussetzung für ein gutes Ergebnis. Sind Tropfen zu klein, werden diese leichter verweht. Es kommt zu einem erhöhten Entweichen des Tropfens oder Partikels in die Umwelt, dem sogenannten Overspray. Sind Tropfen zu groß, verlaufen diese ungleichmäßig, und die Beschichtung wird mangelhaft.

(Über-)regionale Sensor-Innovation

Der Sensor von AOM-Systems führt die Kontrolle der Tropfengröße nun in Echtzeit und In-situ durch. Mit Hilfe eines Laserstrahls werden Reflektionen an der Oberfläche und  Lichtbrechungen innerhalb der Tropfen erzeugt. Der optische Sensor fängt diese Lichtimpulse auf und misst sie. „Dazu kommt noch, dass unser Produkt auch in der Lage ist, die Größe und Geschwindigkeit von nicht-transparenten Tropfen und Partikeln zu messen, wie bspw. von Suspensionen, Emulsionen oder Lacken. Bisherige Messverfahren greifen hierfür nur bei transparenten Partikeln", erklärt Schäfer. Durch die Echtzeitmessung kann jetzt bei nicht optimaler Einstellung der Beschichtungsanlage sofort eingegriffen und nachreguliert werden. Dies senkt durch die Einsparung von Chemikalien und Lacken nicht nur Kosten, sondern schont auch die Umwelt. Neben der Steigerung der Produktionsgeschwindigkeit sinken auch die Wartungskosten, da sich die Stillstandzeit der Maschinen verkürzt.

Mit ihrem Produkt sind die Unternehmer Vorreiter am Markt. Seit Anfang 2014 bietet das Unternehmen die Sensoren sowie Auftragsmessungen an. Aktuell wird neben der Weiterentwicklung des SpraySpy, für die Beschichtungsindustrie die Markteinführung weiterer branchenspezifischer Produkte, z.B. speziell für die Sprühtrocknung oder für die Partikelcharakterisierung, vorbereitet.

An eine Teilnahme und sogar eine Platzierung beim Businessplan-Wettbewerb Science4Life hatte bei AOM-Systems zu Anfang der Gründungsplanung noch keiner aus dem Unternehmerteam gedacht. Umso größer war die Freude, als das ehemalige Spin-off der TU Darmstadt beim Venture Cup 2014 mit dem zweiten Platz und einem Preisgeld von 10.000 Euro ausgezeichnet wurde. Neben dem finanziellen Gewinn zeigten sich gerade auch das Experten-Netzwerk von Science4Life und der dadurch entstandene Kontakt zum Land Hessen als Mitveranstalter als sehr hilfreich für die weitere Entwicklung des Unternehmens. „Besonders positiv ist für uns das Engagement und das Fachwissen der Experten auf dem Gründerworkshop gewesen. An diesem Wochenende konnten wir wichtige Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen, auf die wir bis heute gerne zurückgreifen ", bilanziert Hecker das Ergebnis der Teilnahme.

Glyconic aus Hamburg

Von den Kontakten aus dem Science4Life-Netzwerk während der Wettbewerbsteilnahme hat auch die Forschungsgruppe Glyconic des Biozentrums Klein-Flottbek an der Universität Hamburg profitiert. Das Team um den Mikrobiologen Dr. Ulrich Rabausch und den Bioverfahrenstechniker Dr.-Ing. Henning Rosenfeld, das im Bereich Polyphenole forscht, befindet sich noch im Vorgründungsstadium. Durch die Prämierung ihres Geschäftskonzeptes beim Venture Cup 2014 erhielten die Gründer neben Know-how ebenfalls eine wichtige Bestätigung ihrer Arbeit. „Der Austausch mit den Science4Life-Experten war eine exzellente Vorbereitung auf Gespräche mit Investoren, Kunden und Kooperationspartnern. Außerdem hat uns die Auszeichnung in einem solch etablierten Format bestärkt und gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind", erklärt Rabausch den Mehrwert der Wettbewerbsteilnahme.

Für Rabausch war es ein wesentlicher Antrieb, aus den eigenen Forschungsergebnissen zukunftsfähige Produkte zu entwickeln,- wie im Fall der Polyphenole. Diese haben eine gesundheitsfördernde Wirkung und sind in der Natur bspw. in Obst oder Gemüse enthalten. Je nach Substanz wirken sie antioxidativ, antibiotisch, antiviral, entzündungshemmend, hautschützend oder sogar krebsvorbeugend. Diese Eigenschaften machen sie zu beliebten Zusatzstoffen, vor allem für die Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie. In einer Hautcreme bspw. fungieren sie als UV-Filter und wirken hautglättend und regulierend. Auch in der Pharmaindustrie werden sie als Wirkstoffe erforscht. Allerdings haben Polyphenole einige Nachteile. Zum einen müssen sie bisher aufwendig aus Pflanzen gewonnen werden und sind dadurch zum Teil nur sehr begrenzt verfügbar. Zum anderen haben sie eine geringe Löslichkeit in Wasser, was den Einsatz häufig einschränkt. Auch die ungenügende Stabilität, z.B. gegen Oxidation und Licht, erschwert die Anwendung.

Enzym-Innovation mit Zukunft

Glyconic gelingt es, durch Glykosylierung diese limitierenden Eigenschaften aufzuheben. Die entstehenden Polyphenolglykoside behalten die gesundheitsfördernden Eigenschaften der Polyphenole, haben aber eine deutlich verbesserte Funktionalität. „Wir erhalten also die Vorteile und eliminieren die Nachteile", fasst Rosenfeld die Vorzüge der Technologie zusammen. Glyconic ist zudem in der Lage, ganz verschiedene Polyphenolglykoside herzustellen. Denn je nach Art des Zuckerrestes und seiner Positionierung am Polyphenol variieren die Eigenschaften und Funktionen der Endprodukte. „Mit unseren eigens entwickelten Enzymen können wir die Polyphenole wie in einem Baukastensystem ganz individuell mit verschiedenen Zuckerresten versehen und somit an die Kundenwünsche anpassen. Dabei bleiben alle gewonnen Polyphenolglykoside reine Naturstoffe", erklärt Rabausch die Vorteile der Innovation. Der Trend zu natürlichen Inhaltsstoffen ist besonders in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie von großer Bedeutung.

Der nächste unternehmerische Meilenstein des Teams ist die Ausgründung aus der Universität. Dazu sind der Abschluss der Prozessentwicklung und der Aufbau eines eigenen Produktportfolios geplant. Dies umfasst nachweislich aktive und zugelassene Rohstoffe für die Industrie. Der aktuelle Fokus liegt auf der Entwicklung neuer Kosmetikrohstoffe für den Anti-Aging-Bereich. Darüber hinaus sollen auch neue Nachweissubstanzen für Forschungs- und Analysezwecke angeboten werden.

Allgemein sieht Rabausch die Aussichten für Gründer im Hightech-Bereich sehr positiv: „Deutschland ist unserer Erfahrung nach für den Gründergeist in den Wissenschaften ein ideales Pflaster. Es gibt viele Förderungen und Programme für den Wissenstransfer und verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten. Ich möchte alle Ideenträger ermutigen, sich die Zeit zu nehmen, um die Möglichkeiten intensiv zu eruieren. In diesem Zusammenhang ist auch die Teilnahme am Businessplan-Wettbewerb von Science4Life eine nachhaltig bereichernde Erfahrung".

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Industriepark Höchst, Geb. H 831
65926 Frankfurt
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