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"Fachkräftemangel ist schon jetzt eine Wachstumsbremse"

Stefan Berg von NNE Pharmaplan über Trends im Pharmamarkt, internationale Engineering-Projekte und Fachkräftemangel

20.05.2011 - NNE Pharmaplan zählt mit einem Umsatz von rund 200 Mio. € im Jahr 2010 zu den weltweit führenden Engineering- und Beratungsunternehmen für die Pharma- und Biotechindustrie.

Im vergangenen Jahr hat der Konzern mit Hauptsitz in Kopenhagen, Dänemark, seine Organisationsstruktur verändert, um Kunden in internationalen Märkten noch besser bedienen und Wachstumschancen konsequenter ausschöpfen zu können. In Deutschland, neben der Schweiz und Frankreich Teil der Region Central Europe, wird NNE Pharmaplan von einer Tochtergesellschaft mit Sitz in Bad Homburg vertreten. Dr. Michael Reubold und Corinna Matz-Grund sprachen mit Stefan Berg, Geschäftsführer der Region Central Europe, über die aktuellen Trends im Pharmamarkt und die Strategien, mit denen das Unternehmen diese Trends für seine Wachstumsziele nutzen will.

CHEManager: Herr Berg, NNE Pharmaplan hat sich in Europa neu aufgestellt. Was waren die Gründe für die organisatorische Änderung?

Stefan Berg: Die Organisation, die wir bislang hatten, war eine auf das Headquarter in Kopenhagen fixierte Struktur, die aus der Geschichte des Konzerns heraus darauf ausgerichtet war, unseren Besitzer und größten Kunden Novo Nordisk mit Schwerpunkt Skandinavien zu bedienen. Wir wollten unsere Geschäftsprozesse der Ist-Situation anpassen, denn wir sind heute viel breiter und internationaler aufgestellt als früher. Wir beschäftigen weltweit 1.600 Mitarbeiter in 25 Niederlassungen. Zudem soll die neue Struktur weiteres Wachstum unterstützen.

Können Sie das konkretisieren?

Stefan Berg: Der Konzern hat jetzt eine regionale Organisationsstruktur mit fünf Regionen. Dadurch können sich diese fünf Teilorganisationen nun besser an die jeweiligen regionalen Bedürfnisse ihrer Kunden anpassen. Wir gehören zur Region Central Europe. Die vier anderen Regionen sind Nordic, Nordamerika, China als eigenständige Region und Emerging Markets mit Indien und Russland.

Die Region Nordic umfasst Skandinavien und ist ein gutes Beispiel, um die Wachstumschancen zu erläutern: Der skandinavische Markt ist relativ klein und wir haben dort einen Marktanteil von 80%. Aus dieser Situation heraus können Sie gar nicht mehr wachsen. In unserer Region Zentraleuropa sieht es ganz anders aus. In diesem großen Markt haben wir nur einen geringen Marktanteil, obwohl wir uns zu den großen Engineering-Dienstleistern für die Pharma-, Biotech- und Impfstoffindustrie weltweit zählen.

Also haben wir hier zwei Effekte, die weiteres Wachstum ermöglichen: Wir können zum einen speziell unseren Marktanteil ausbauen und zum anderen auch am Marktwachstum allgemein partizipieren.

Haben Sie sich für dieses Wachstum Ziele gesetzt?

Stefan Berg: Wir haben da ein recht ambitioniertes Ziel: Bis 2014 wollen wir unseren Marktanteil in der Region Zentraleuropa verdoppeln.

Welche Bedeutung hat Central Europe innerhalb des Konzerns?

Stefan Berg: Zentraleuropa umfasst im Moment unsere Niederlassungen in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich mit rund 215 Mitarbeitern. Das sind Länder mit bedeutender Pharmazeutischer Industrie, unserer Kernzielgruppe. Aber unser Markt ist viel größer als diese drei Länder. Unsere Zuständigkeit umfasst alle europäischen Länder außer denjenigen in Skandinavien und der ehemaligen Sowjetunion zuzüglich der französischsprachigen Staaten Nordafrikas.

Können Sie dieses große Gebiet aus drei Niederlassungen heraus bedienen?

Stefan Berg: Nein, wir überlegen derzeit, wie wir diesen Markt künftig entwickeln wollen und dazu wird es zusätzliche Niederlassungen in weiteren Pharmazentren geben. Wir denken z.B. gerade konkret darüber nach, eine Niederlassung in Belgien aufzubauen. Die 215 Mitarbeiter, die momentan in der Region Zentraleuropa tätig sind, sind die Basis, auf der wir aufbauen, um diesen großen Markt künftig bestmöglich bearbeiten zu können. Nach Belgien können wir uns einen weiteren Standort in Frankreich vorstellen.

Das beherrschende Thema in der Pharmaindustrie sind bevorstehende Patentabläufe von Blockbustern, denen vielerorts nicht adäquat gefüllte Entwicklungspipelines für neue Medikamente gegenüberstehen. Dazu kommen teure und zeitaufwändige Zulassungsprozeduren. Die Pharmaindustrie sucht daher ihr Heil in Allianzen mit kleinen Biotechfirmen, um ihre Forschung erfolgreicher und effizienter zu machen. Wie wirken sich diese Faktoren auf Ihr Geschäft aus?

Stefan Berg: In der Regel bringt uns jede Form von Veränderung am Ende Arbeit, nicht nur neue Produkte, sondern z.B. auch Fusionen von Pharmaunternehmen. Die Umstrukturierungen von Standorten oder Verlagerungen von Produktionen, die Fusionen automatisch folgen, generieren Aufträge für die Engineering-Branche.

Welchen Anteil an Ihrem Geschäft machen denn Neubauprojekte auf der einen und Produktionsverlagerungen oder -modernisierungen auf der anderen Seite aus?

Stefan Berg: Ich würde sagen, das hält sich die Waage. Das Verhältnis hängt auch davon ab, auf welchem Markt man sich bewegt. Wir arbeiten auch für Kunden von Deutschland aus in Russland, wo es riesige Neubauprojekte gibt. Hingegen haben wir hier in Zentraleuropa viele alte Standorte, an denen eher Umnutzungs- und Umbauprojekte bearbeitet werden. Was aber nicht heißen soll, dass es nicht auch den einen oder anderen Neubau in Zentraleuropa gibt.

Welche Trends sehen Sie denn in der Pharmaindustrie?

Stefan Berg: Zum einen lastet durch die Gesundheitsreformen in vielen EU-Staaten ein gewaltiger Preisdruck auf der Pharmaindustrie. Dieser führt in den Pharmaunternehmen zu Kostensenkungs- und Effizienzsteigerungsmaßnahmen. Ein weiterer Trend ist, dass manche Pharmaunternehmen ihre eigenen ungenutzten Anlagen zur Lohnfertigung für andere Unternehmen nutzen, und dass andere nicht mehr selbst in eine Fertigung investieren, sondern ihre Produktionsanlage bei einem Lohnhersteller - auf Englisch: Custom Manufacturing Organization, CMO - aufstellen. Auch diese Trends sind Wachstumstreiber. Also profitieren wir auch vom Wachstum der CMOs, denn letztendlich ist es für unser Geschäft unerheblich, ob die Investition vom Pharmaunternehmen oder vom CMO getätigt wird.

Durch den Preisdruck bedingt werden weitere Tätigkeiten, die nicht zum Kerngeschäft gehören, an effizientere, externe Partner ausgelagert. Dieses Outsourcing betrifft z.B. spezielle Services im Bereich der Produktionsanlagen wie Engineering, Revalidierung, Wartung und Instandhaltung. Wir bieten als kompetenter Dienstleister an, solche ausgelagerten Aktivitäten für unsere Kunden zu übernehmen. Ich glaube, dass hier für die Pharmakonzerne noch ein riesiges Rationalisierungspotential liegt.

Ihre Kunden agieren weltweit. Wie arbeiten die verschiedenen Regionalorganisationen innerhalb NNE Pharmaplan bei internationalen Projekten zusammen?

Stefan Berg: Es kommt sehr oft vor, dass Pharmaunternehmen in Zentraleuropa ein Investitionsprojekt starten, das in anderen Regionen wie China, Russland oder anderen Emerging Markets realisiert werden soll. Typischerweise wird dann die Vorplanung oder auch das Basic Design in Europa gemacht. Das begründet für uns die Notwendigkeit einer starken Organisation in Zentraleuropa, in der die Investition angestoßen wird, aber gleichzeitig auch einer möglichst starken Niederlassung in der Region, in der investiert wird.

Denn das Pharmaunternehmen stellt die Anforderung an uns, dass wir diesen Übergang des Projekts von Europa nach Asien oder Russland kompetent, reibungslos und zuverlässig managen. Dazu werden schon in der frühen Planungsphase, wenn sie hier in Europa läuft, ausländische Kollegen eingebunden. In den späteren Phasen wechselt dann der Anteil. Diese internationale Zusammenarbeit ist auch gleichzeitig die schwierigste Form der Projektabwicklung. Sie müssen dazu international aufgestellt sein.

Gehen wir von den Wachstumstreibern zu den Technologietreibern. Welche Trends sehen Sie hier?

Stefan Berg: Die Technologietreiber sind die Neuentwicklungen der Kunden. Viele neue Medikamente bzw. Wirkstoffe werden auf biotechnologischem Weg hergestellt. Dabei geht der Trend hin zu kleinvolumigen, hochflexiblen Biotechfabriken. Nach der Produktion müssen sie den Wirkstoff in der Regel steril abfüllen, dafür gibt es weltweit gesehen immer noch Unterkapazitäten.

Bei den verschiedenen Darreichungsformen behaupten sich trotz des Wachstums flüssiger Formen auch weiterhin feste Formen wie Tabletten oder Kapseln, insbesondere bei hochaktiven Substanzen. Und ein ganz wichtiger Trend betrifft die Applizierungshilfen, d.h. Medical Devices, mit denen die Medikamente verabreicht werden. Bekannteste Beispiele sind sicher der Insulinpen und der Inhalator. Viele Unternehmen investieren im Moment in die Entwicklung neuartiger Applikationshilfen, mit denen sich Patienten künftig Arzneimittel leichter selbst verabreichen können.

Sowohl für den Ausbau Ihres Geschäfts als auch für die Implementierung neuer Technologien brauchen Sie qualifiziertes Personal. Haben Sie Probleme, geeignete Fachkräfte zu finden?

Stefan Berg: In vielen Bereichen ist Fachkräftemangel schon jetzt das zentrale Thema und eine Wachstumsbremse. Wir sehen in bestimmten Bereichen extreme Engpässe, z.B. bei Versorgungstechniken, wo wir dringend Mitarbeiter suchen.

Was unternehmen Sie, um solche Mitarbeiter zu finden?

Stefan Berg: Man muss als Arbeitgeber attraktiv für die Mitarbeiter sein. Durch unsere neue regionale Struktur und die Grenzen überschreitende interkulturelle Zusammenarbeit sind wir für Bewerber noch interessanter geworden. Auch das Thema Know-how ist wichtig. Wir definieren uns über Fachwissen. Wir wollen für Pharmaunternehmen durch unsere ausgewiesenen Experten mit Fokus auf Pharma und Biotech interessant sein. Diesen Anspruch haben wir. Für unsere Kunden können wir weltweit auf erprobtes und angesammeltes Fachwissen zurückgreifen. Das macht uns für den ambitionierten Ingenieur oder Wissenschaftler interessant.

Können Sie konzernweit auf Expertenwissen zugreifen?

Stefan Berg: Ja! Um dieses Fachwissen im Konzern zu teilen und auch zu vermehren, haben wir Knowledge Sharing-Systeme - unser eigenes NNE Pharmaplan Wikipedia - aufgebaut. Zudem unterhalten wir weltweit sogenannte Communities Of Interest. Das sind interne Fach- oder Expertengruppen, die auf bestimmten Themengebieten arbeiten und ihr Wissen durch Austausch und Diskussionen weiterentwickeln. So kann jeder Mitarbeiter von den Ergebnissen anderer profitieren. Und durch unsere engen Kooperationen mit Behörden wie der FDA sind wir auch bei der Weiterentwicklung von Wissen im Pharmabereich generell sehr aktiv. 

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