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Pandemie als Fortschrittsbeschleuniger

Die Covid-19-Pandemie hat ihre Spuren in vielen Branchen hinterlassen – auch in der chemisch-pharmazeutischen Industrie.

15.09.2021 - Interview mit Hans Joachim Machetanz, CEO des TÜV Süd Chemie Service, über die Auswirkungen auf die Prüfung der Anlagen, die Pandemie als Fortschrittsbeschleuniger und neue Herausforderungen im Zuge der Digitalisierung.

CHEManager: Herr Machetanz, wie hat sich die Coronapandemie auf geplante Prüfungen und Anlagenrevisionen ausgewirkt?

Hans Joachim Machetanz: Vor allem im letzten Jahr hat sich die Pandemie stark auf unser Prüfgeschäft ausgewirkt, wobei unsere Kunden durchaus unterschiedlich mit der Krise umgegangen sind. Manche Chemieunternehmen haben die Prüfungen nahezu unverändert weitergeführt, andere – darunter vor allem Pharmabetriebe – haben den Zutritt zu ihren Betrieben stark eingeschränkt. Die Behörden haben auf die schwierigen Bedingungen reagiert und Freiräume geschaffen, um Prüfungen für eine bestimmte Zeit verschieben zu können. Das haben einige Unternehmen auch genutzt.

Unter welchen Voraussetzungen ist eine Verschiebung möglich?

H. Machetanz: Eine wiederkehrende Prüfung kann nur in Abstimmung mit der zuständigen Aufsichtsbehörde und nach der Beurteilung durch einen unabhängigen Sachverständigen verschoben werden. Wir kennen die Anlagen unserer Kunden sehr gut und können damit belastbare Aussagen über ihren technischen Zustand machen. Auch während der Pandemie waren wir in den Chemieparks immer präsent, um für kurzfristige Prüfanfragen verfügbar zu sein. Denn der sichere Betrieb der Anlagen darf auch in einer solchen Ausnahmesituation auf keinen Fall gefährdet werden.

Wirkt die Krise als Treiber für den Fortschritt?

H. Machetanz: Ja, definitiv! Die Pandemie hat die Digitalisierung in vielen Bereichen beschleunigt und auch die Akzeptanz für digitale Tools und digitale Lösungen verbessert. Wir haben beispielsweise unser SAP- und webbasiertes Datenmanagementsystem Damas optimiert. Bereits vor der Pandemie konnten unsere Kunden ihre Anlagenstrukturen komplett in diesem System abbilden. Es ermöglicht beispielsweise die Organisation von Prüfzyklen, Prüfergebnissen und die komplette Dokumentation. Wir haben das System zum Smart Damas weiterentwickelt, mit dem aktuellen Release wird auch die Benutzeroberfläche moderner und einfacher.

Nutzen Sie neben diesem Datenmanagementsystem auch digitale beziehungsweise mobile Tools für Ihre Prüfungen?

H. Machetanz: Ein gutes Beispiel dafür ist die Schallemissionsprüfung (SEP). Das Verfahren ist zwar nicht neu, aber durch die Weiterentwicklung der Sensoren und der Auswertungssoftware können wir die SEP nun flächendeckend einsetzen. Mit der SEP lassen sich Veränderungen in der strukturellen Integrität eines Apparates detektieren und lokalisieren. Das ermöglicht eine belastbare Aussage darüber, ob ein Apparat beim nächsten Anlagenstillstand ausgetauscht werden muss oder weiter betrieben werden kann. Durch die Weiterentwicklung der Software und bessere Rechnerleistungen lassen sich Störsignale wesentlich besser herausfiltern. Das erhöht die Qualität und die Aussagekraft der Prüfung – ein echter Mehrwert für den Betreiber!

Wird sich diese Entwicklung nach der Pandemie fortsetzen?

H. Machetanz: Davon bin ich fest überzeugt. Auch wir werden in Zukunft bei unseren Prüfungen noch stärker auf digitale Tools und Lösungen setzen. Die Akzeptanz dafür hat während der Pandemie deutlich zugenommen. Ein besonders spannendes Thema ist die kontinuierliche Überwachung, die durch die Weiterentwicklung und Verbindung von Sensorik und Software einen deutlichen Sprung gemacht hat. Bei TÜV Süd haben wir ein vielversprechendes Pilotprojekt zum Asset Integrity Monitoring gestartet, bei dem wir für die kontinuierliche Überwachung der Anlagenintegrität ein neuartiges Sensornetzwerk mit künstlicher Intelligenz kombinieren. Zudem werden wir in Zukunft auch verstärkt Drohnen einsetzen, beispielsweise für die äußere Prüfung von Rohrleitungssystemen oder die innere Prüfung von großen Behältern und Tanks.

Wird die Arbeit der Sachverständigen durch solche Entwicklungen nicht überflüssig?

H. Machetanz: Nein, auf keinen Fall. Trotz der steigenden Effizienz durch digitale Tools bleibt die Nähe zu unseren Kunden und zu ihren Anlagen immens wichtig. Dadurch kennen unsere Sachverständigen die Situation vor Ort und können kurzfristig reagieren. Die Entscheidung, ob eine Anlage weitergefahren werden kann, wird immer auf Basis der konkreten Situation in der Anlage entschieden. Das Wissen unserer Sachverständigen um eine Anlage und ihre Besonderheiten ist fester Bestandteil der Anlagensicherheit. Allerdings wird sich durch die Digitalisierung die Arbeit unserer Sachverständigen verändern – und damit auch die Anforderungen, die an sie gestellt werden.

Was meinen Sie hier genau?

H. Machetanz: Eine unserer Stärken besteht darin, dass wir aus der Eigenüberwachung der Chemieindustrie kommen und dass die meisten unsere Sachverständigen in der Branche verwurzelt sind. Zusätzlich brauchen wir aber in Zukunft immer mehr Know-how zur Anwendung von digitalen Prüfmethoden, zur Datenanalyse, zum Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie zur digitalen Kommunikation und Dokumentation. Zudem werden verfahrenstechnische Anlagen durch die Digitalisierung auch anfälliger für Cyber-Angriffe. Aus diesem Grund befassen wir uns bereits intensiv mit der Frage, wie die Cyber Security der Anlagen und das Zusammenspiel von Safety und Security – von funktionaler Sicherheit und Cyber Security – gewährleistet werden kann.

 

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