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In Schleswig-Holstein entsteht ein „Reallabor“ der Energiewende

ChemCoastPark Brunsbüttel treibt Dekarbonisierung voran

09.12.2020 - Nachhaltigkeit im Sinne von Dekarbonisierung ist im ChemCoastPark Brunsbüttel das Thema der Stunde.

Wenn die Klimaschutzziele, welche 2015 in Paris international vereinbart worden sind, auch eingehalten werden sollen, müssen massive Anstrengungen unternommen werden, den CO2-Ausstoß deutlicher zu reduzieren. Im aktuellen Klimaschutzplan der Bundesregierung ist festgelegt, dass die Treibhausgasemissionen der in Deutschland ansässigen Industriebetriebe bereits bis zum Jahr 2030 um 49 – 51 % gesenkt werden sollen. Dies ist nur durch eine Energiewende möglich, die auch eine technologische Wende sein und nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt vollzogen werden muss. Die chemische Industrie als drittgrößter Industriezweig in Deutschland und mit Emissionen von rund 42 Mio. t/a C02 (Stand: 2018) muss daran aktiv mitwirken.

Die zahlreichen On- und Offshore-­Windparks an der schleswig-holsteinischen Westküste bieten ideale Voraussetzungen, sowohl für die ansässigen Chemieunternehmen als auch für weitere industrielle Betriebe mit hohem Energiebedarf, ihre Produktion nachhaltiger zu gestalten. Die Nähe des Industriegebiets zur Windkraft als einer bewährten und kosteneffizienten Quelle erneuerbarer Energie ist ein entscheidender Standortvorteil.

Erhebliche Stromkapazitäten gehen allerdings verloren, da nachts der Wind in der Höhe stärker weht als tagsüber, wenn die Warmluft aufsteigt und die horizontalen Luftströmungen stört. Wenn dann noch ein Sturmtief nachts über die norddeutsche Westküste zieht, entsteht ein beträchtlicher Überschuss an nachhaltig erzeugter Energie, der effizienter nutzbar gemacht werden muss, wenn man es mit der Energiewende ernst meint. Die Kapazitäten bisheriger elektrochemischer Speicher reichen bei Weitem nicht aus. Ein Schlüssel für die Dekarbonisierung liegt im „grün“ produzierten Wasserstoff, der mittels Elektrolyse erzeugt und durch geeignete Pipelines als Energieträger und/oder Rohstoff für die Produktion zugeführt wird.

Eine treibhausgasneutrale Welt wird nur mit einer dekarbonisierten Produktion möglich sein. Es darf aber auch nicht bei der bloßen Erkenntnis und einem „Ankündigungswettbewerb“ von Politik, Unternehmen und Verbänden bleiben. Im Westen Schleswig-Holsteins ist man mittlerweile einen Schritt weiter. Der Landkreis Dithmarschen gehört zur Projektregion „Westküste 100“ – einem sog. Reallabor der Energiewende, in dem eine regionale Wasserstoffwirtschaft mit finanzieller Unterstützung des Bundes aufgebaut und später im industriellen Maßstab skaliert wird.

Mit Einsatz von Offshore-Wind­energie soll grüner Wasserstoff produziert und zudem die entstehende Abwärme genutzt werden. Der erzeugte Wasserstoff kann vorübergehend in Kavernen gespeichert und u.a. zur Produktion eines klima­freundlichen „Kerosyn“-Treibstoffs für Flugzeuge eingesetzt werden, für den am Flughafen Hamburg eine potenzielle Nachfrage besteht. Ein erster Meilenstein auf dem Weg zum Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in der Region stellt die Inbetriebnahme einen 30-MW-Elektrolyseurs im Jahr 2023 dar, der in der Nähe der Stadt Heide auf dem Gelände einer großen Raffinerie geplant ist und bis 2027 durch eine größere Anlage mit 700-MW-Leistung ersetzt werden soll.
Bei der Produktion des Treibstoffs wird dann nicht vermeidbares CO2 aus der Zementproduktion eingesetzt, wodurch die C02-Bilanz zusätzlich verbessert werden kann. Was bedeutet „nicht vermeidbar“ in diesem Kontext? Rund zwei Drittel der bei der Zementherstellung freigesetzten CO2-Menge entsteht nicht durch den Energieverbrauch, sondern bei der Umwandlung des eingesetzten Rohstoffs Calciumcarbonat in Calciumoxid (sog. Branntkalk). Wenn man bedenkt, dass die Zementindustrie allein für etwa 8 % des weltweiten C02-Ausstoßes verantwortlich ist, wird es umso deutlicher, dass dieser industrielle Sektor bei der Dekarbonisierungsstrategie maßgeblich mit einbezogen werden muss. Zum Vergleich: Alle übrigen Industriebranchen verursachen zusammen rund 20 % der weltweiten C02-Emissionen.

Es kann als gesichert gelten, dass Windenergie von der deutschen Nordseeküste allein nicht ausreichen wird, um den Bedarf der Industrie an grün produziertem Wasserstoff zu decken. Man wird diesen für die Energiewende auch importieren müssen – etwa aus Nordafrika als geeignete Region für den Bau neuer Solar- und Windparks größeren Maßstabs. Dass sich der Aufbau einer weltweiten Wasserstoffindus­trie nicht von heute auf morgen realisieren lässt, ist selbstverständlich. Daher darf man „Brückenträger“ nicht aus dem Blick verlieren bis Aufbau und Skalierung der Wasserstoffindustrie hierzulande fortgeschritten sind.

Ein solcher „Brückenträger“ ist Liquid Natural Gas (LNG), das nicht nur als Energieträger in chemischen Produktionsprozessen eingesetzt und schrittweise durch Wasserstoff ersetzt werden kann. Zudem kann LNG als Schiffstreibstoff dienen, der im Vergleich zur heute noch gängigen Mischung als Diesel- und Schweröl wesentlich klimafreundlicher ist. Aktuell ist am Elbehafen in Brunsbüttel ein LNG-Terminal für die Entladung entsprechender Tanker in Planung. Es wäre der erste in Deutschland und dieser könnte perspektivisch auch als Wasserstoffimportterminal dienen, wie der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Bernd Buchholz in Hamburg auf der Zukunftskonferenz 2020 zum Thema Wasserstoff betont hat.

Letztlich bleibt es auch eine Frage der politischen Willensbildung, ob man schrittweise oder in großen Sprüngen die Energiewende und Dekarbonisierung der industriellen Produktion in Deutschland zu erreichen beabsichtigt. Sicher ist jedoch, dass an der schleswig-holsteinischen Westküste ideale Bedingungen gegeben sind, um den zahlreichen Bekenntnissen zum Klimaschutz auch eine effiziente Umsetzung folgen zu lassen. Der notwendige, ja unvermeidliche Umbruch hin zu einer Dekarbonisierung der chemischen Industrie bietet nicht nur den im ChemCoastPark ansässigen Unternehmen die Gelegenheit, etwa durch Prozessinnovationen einen längerfristigen Wettbewerbsvorteil zu erlangen.

Voraussetzung dafür ist ein hinreichendes Maß an Weitsicht und Mut von maßgebenden Akteuren der Wirtschaft. Chancen werden naturgemäß von „Möglichmachern“ erkannt und genutzt, nicht von Bedenkenträgern – oder wie es der französische Chemiker Louis Pasteur sinngemäß ausgedrückt hat: Veränderungen begünstigen nur den, der darauf vorbereitet ist.

Autor

Jesko Dahlmann, Wirtschafts­förderer, Entwicklungsgesellschaft mbH Brunsbüttel

 

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