Megaprojekte treiben Chemieanlagenbau

VDMA-AGAB verzeichnet hohen Auftragseingang und bleibt trotz wachsender Konkurrenz optimistisch

  • Die Bestellungen für verfahrenstechnische Chemieanlagen übertrafen 2018 mit 4,0 Mrd. EUR den Vorjahreswert um 45 %. © ThyssenkruppDie Bestellungen für verfahrenstechnische Chemieanlagen übertrafen 2018 mit 4,0 Mrd. EUR den Vorjahreswert um 45 %. © Thyssenkrupp
  • Die Bestellungen für verfahrenstechnische Chemieanlagen übertrafen 2018 mit 4,0 Mrd. EUR den Vorjahreswert um 45 %. © Thyssenkrupp
  • © VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau

Der Aufschwung im Chemieanlagenbau hält an. Die Auftragseingänge für verfahrenstechnische Chemieanlagen bei den deutschen Anlagenbauer­unternehmen erreichten 2018 rund 4,0 Mrd. EUR und übertrafen den Vorjahreswert um 45 %. Damit hat die Branche das höchste Niveau seit 2008 erreicht.

Der Zuwachs im Chemieanlagenbau mit einer Reihe von Megaaufträgen hat wesentlich zum Anstieg des Auftragseingangs aller im VDMA organisierten Großanlagenbauer beigetragen. Die VDMA-Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) verzeichnete 2018 einen Gesamtauftragseingang von 18,3 Mrd. EUR, das sind 3 % mehr als im Vorjahr. Dieses Wachstum ist auch auf ein solides Auslandsgeschäft zurückzuführen.

Positiver Ausblick trotz härterer Konkurrenz
Die Aussichten im Chemieanlagenbau bleiben laut AGAB vielversprechend. Für 2019 werden erneut hohe Auftragseingänge und steigende Umsätze erwartet. Gleichzeitig verschärft sich der Wettbewerbsdruck, insbesondere durch die wachsende Konkurrenz aus China. Jürgen Nowicki, Sprecher der AGAB, bekräftigte, dass der VDMA-Chemieanlagenbau dank seiner ausgeprägten Technologieorientierung über eine starke Marktposition verfüge, die es gegen den aufholenden internationalen Wettbewerb zu verteidigen und auszubauen gelte.
Neben Großprojekten und Modernisierungen fragen die internationalen Kunden in zunehmendem Maße auch Serviceaufträge nach, die den kompletten Lebenszyklus einer Anlage umfassen. In diesem Zusammenhang werden digitale Angebote zu einem wichtigen Hebel bei der Verbesserung der Wettbewerbs­position des deutschen Chemieanlagenbaus.
„Wir stellen fest, dass sich die Bemühungen des Großanlagenbaus zur Erschließung neuer Geschäftsfelder – etwa im Service, in der Digitalisierung oder im Betrieb von Anlagen – immer stärker auszahlen“, kommentiert Nowicki die aktuelle Entwicklung.
Neben hochqualifizierten Fachkräften wie bspw. Verfahrensingenieuren, Projektmanagern und Baustellenleitern werden daher auch Spezialisten für digitale Produkte und Dienstleistungen in wachsendem Maße benötigt. Die Nachfrage der Unternehmen nach Fachkräften ist dementsprechend groß und der Anteil der Ingenieure im Chemieanlagenbau steigt weiter.

Neue Arbeitsplätze entstehen aber nicht nur die Digitalisierung, sondern auch durch Trends wie den Umwelt- und Klimaschutz oder die künstliche Intelligenz. Es werde dabei immer schwieriger, den Bedarf an erfahrenen Fachkräften zu decken, so Nowicki.
In ihrem Lagebericht 2018/2019 analysiert die AGAB die Entwicklung in den wichtigsten regionalen Märkten.

Russland und GUS bleiben wichtiger Markt
Die russische Wirtschaftsleistung stieg 2018 nach Angaben der Weltbank um 1,6 %. 2019 und 2020 wird mit einem Wachstum in ähnlicher Größenordnung gerechnet. Das Sozialprodukt der von Russland dominierten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) erhöhte sich 2018 sogar um 2,1 %.
Die Chemieproduktion Russlands soll nach Vorstellungen der Regierung bis 2020 im Vergleich zum Jahr 2017 um 20 % ausgeweitet werden. Hierfür sind zahlreiche Großprojekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt rund 80 Mrd. EUR in Planung bzw. in der Abwicklung. Diese Vorhaben sollen dazu beitragen, alte Anlagen zu ersetzen, die lokale Produktionsbasis zu stärken und den Export nach Europa und Asien zu steigern. Die hohe Verfügbarkeit preiswerterer Rohstoffe erweist sich dabei als starker Treiber vieler Projekte.
Die günstigen Rahmenbedingungen haben Russland bereits in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Markt für den im VDMA organisierten Chemieanlagenbau gemacht. Die positive Entwicklung setze sich 2018 mit der Hereinnahme mehrerer Großaufträge für Luftzerlegungsanlagen und petrochemische Anlagen fort. Insgesamt stiegen die Aufträge der Branche von hohem Niveau ausgehend auf 1,8 Mrd. EUR (2017: 766 Mio. EUR).

China: Chancen durch Umweltschutz und Seidenstraßen-Initiative
Die chinesische Chemieindustrie bleibt auf Wachstumskurs, auch wenn sich die Dynamik der vergangenen Jahre abgeschwächt hat und globale Handelskonflikte einen Schatten auf die zukünftige Entwicklung werfen. Dies schlägt sich auch im Auftragseingang des Chemieanlagenbaus nieder, der 2018 um 65 % auf 60 Mio. EUR zurückging.
Die konsequente Einhaltung anspruchsvoller Umweltgesetze ist mittlerweile fester Bestandteil vieler Auftragsvergaben an den Großanlagenbau in China. Der Einfluss der lokalen und staatlichen Genehmigungsbehörden auf den Betrieb und den Neubau von Anlagen wird in den meisten Provinzen größer. Hieraus ergeben sich vielfältige Chancen für die Mitgliedsunternehmen der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau. Allerdings ist der Marktzugang für ausländische Unternehmen ohne lokale Partner.
Ein weiterer Trend ist die internationale Expansion chinesischer Anlagenbauer, insbesondere im Rahmen der Initiative „Neue Seidenstraße“ (One Belt, One Road). Die für dieses Projekt bereit gestellten finanziellen Mittel sorgen für ein zunehmendes Engagement des chinesischen Wettbewerbs insbesondere in Zentralasien. Für europäische Anlagenbauer bietet diese Initiative auch Chancen, etwa im Zuge von Technologiekooperationen, durch die eine Beteiligung an sonst nicht zugänglichen Projekten möglich wird.

USA: Öl- und Gasförderung auf Rekordniveau
Der Schiefergasboom in den USA hielt 2018 an und leistete einen soliden Beitrag zum Wachstum der US-Volkswirtschaft. Darüber hinaus trugen auch die niedrigen Gaspreise zu einem positiven Investitionsklima für den Chemieanlagenbau bei. Die Branche profitiert über die gesamte Wertschöpfungskette – von der Gasförderung über die Gasverteilung bis hin zum Großanlagenbau – von den günstigen Bedingungen. Dabei setzte sich bei vielen Neubauprojekten der Trend fort, Rohöl durch Erdgas zu substituieren.
Durch die zunehmende Produktion und den Export von Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) hat US-amerikanisches Schiefergas mittlerweile Einfluss auf die weltweiten Energiemärkte erlangt. So sollen in Deutschland nach dem Willen der Bundesregierung in den kommenden Jahren zwei Flüssiggasterminals gebaut werden, um damit leichter Schiefergas aus den USA importieren zu können. Eine weitere Folge der Schiefergasförderung ist die begleitende Produktion von Gaskondensaten (Natural Gas Liquids, NGL), die z. B. den Bau von Anlagen zur Kunststoffproduktion über Propandehydrierungsverfahren wirtschaftlich attraktiv machen und die schrumpfende konventionelle Erzeugung in zunehmendem Maße ersetzen. Für die im VDMA organisierten Chemieanlagenbauer eröffnen sich in den USA somit weiterhin gute Chancen für den Bau neuer Anlagen für die Öl- und Gasverarbeitung sowie für die chemische Industrie. Die Auftragseingänge, die 2018 auf 163 Mio. EUR (2017: 305 Mio. EUR) absackten, könnten mittelfristig wieder deutlich steigen.
Mittlerer Osten: Investitionsbereitschaft entwickelt sich positiv
Trotz des volatilen Ölpreises und des erneuten Inkrafttretens von US-Sanktionen gegen den Iran bleiben die Investitionsaussichten in der Region grundsätzlich positiv. Viele Länder des Mittleren Ostens setzen die Diversifizierung ihrer Volkswirtschaften fort, um sich aus der Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu lösen.

Sie entwickeln nationale Strategien zur Stärkung der lokalen Wertschöpfung und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Oftmals legen die Länder ihre Investitionsschwerpunkte auf die petrochemische Industrie und die Düngemittelherstellung. Sie nutzen hierfür ihren Rohstoffreichtum und profitieren von einer günstigen Kostensituation.
Vorgaben zur Diversifizierung der Wirtschaft, zur Förderung der lokalen Wertschöpfung sowie zur Ausbildung inländischer Fachkräfte sind im Mittleren Osten immer häufiger Teil der Ausschreibungen.
Der VDMA-Chemieanlagenbau muss sich auf diese Entwicklungen einstellen und versuchen, daraus Wettbewerbsvorteile abzuleiten. Dies kann etwa durch das Angebot von Programmen zur Schulung von Betreiberpersonal oder durch besondere Leistungen im Umwelt- und Klimaschutz gelingen. Des Weiteren setzen viele Kunden bei der Vergabe und Ausführung großer Anlagenprojekte nach wie vor auf schlüsselfertige EPC-Lösungen.
Die Marktpräsenz chinesischer Auftragnehmer in der Golfregion stellt eine wachsende Herausforderung für europäische, mittlerweile aber auch für andere asiatische Wettbewerber dar. Der VDMA-Chemieanlagenbau kann sich auf Basis seiner Technologie- und Abwicklungskompetenz in diesem anspruchsvollen Umfeld behaupten. 2018 gelang es der Branche, den Auftragseingang nahezu zu verdreifachen. Mit 245 Mio. EUR stieg die Nachfrage auf das höchste Niveau seit 2011.

Westeuropa: Belastungen durch Handelskonflikte und Brexit
Die schwelenden Handelskonflikte, die Gefahr eines ungeordneten Brexits sowie die laxe Haushaltspolitik in Italien belasten die Investitionsbereitschaft der chemischen Industrie in den EU-Staaten. Dies gilt insbesondere für die Hersteller von anorganischen Chemikalien und petrochemischen Produkten. Demgegenüber stiegen 2018 die Investitionen im Bereich der Konsum- und Spezialchemikalien – insbesondere bei Kunststoffen und Chemiefasern.
Nach wie vor gibt es im europäischen Markt vereinzelte Neubauprojekte. Dominierend sind jedoch Modernisierungs- und Erweiterungsinvestitionen, die zumeist an den Verbundstandorten großer Chemiekonzerne stattfinden. Die Unternehmen wollen mit diesen Maßnahmen die lokale Nachfrage nach Chemikalien abdecken, gleichzeitig aber auch die globale Wettbewerbsfähigkeit ihre Industrie stärken.
 

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