Agro-Anwendungsforschung im Fokus

Carola Schuster im Interview zur Forschung und Entwicklung bei SKW Piesteritz

  • Carola Schuster, Leiterin Forschung und Entwicklung, SKW Stickstoffwerke Piesteritz © Kay HerschelmannCarola Schuster, Leiterin Forschung und Entwicklung, SKW Stickstoffwerke Piesteritz © Kay Herschelmann
  • Carola Schuster, Leiterin Forschung und Entwicklung, SKW Stickstoffwerke Piesteritz © Kay Herschelmann
  • Solche hochmodernen, automatischen Titrationseinheiten werden bei SKW Piesteritz u.a. bei der  Qualitätskontrolle von Düngern, speziell von Flüssigdüngern, genutzt. © Kay Herschelmann
  • In der Anwendungsforschung von SKW Piesteritz in Cunnersdorf werden Pflanzen in derartigen Klimakammern angezüchtet, um Untersuchungen mit Nährlösungen, zur Wurzelentwicklung oder Trockenstress durchzuführen. © Kay Herschelmann

SKW Piesteritz, bekannt als Deutschlands größter Harnstoff- und Ammoniakproduzent und Anbieter von Spezialitäten der Agro- und Industriechemie, hat eine der größten Forschungsabteilungen in der mittelständischen chemischen Industrie in den östlichen Bundesländern. Das Unternehmen treibt seit Jahren die Entwicklung hochmoderner Düngemittelsysteme voran, um sie mittels Urease- und Nitrifikationsinhibitoren ökonomisch wie ökologisch effizienter zu machen und besitzt über 100 Patente in diesem Bereich. Im Zentralbereich der Forschung arbeiten rund 60 Mitarbeiter. Carola Schuster, Leiterin Forschung und Entwicklung, SKW Stickstoffwerke Piesteritz, erläuterte die Schwerpunkte der Forschungsaktivitäten und deren Ergebnisse. Die Fragen stellte Birgit Megges.

CHEManager: Frau Schuster, Sie müssen – wie andere Unternehmen auch – Ihre Forschungsaktivitäten an den Marktbedürfnissen ausrichten. Wie sehen diese aktuell aus?

C. Schuster: Wir produzieren High-Tech-Produkte, die dann am besten wirken, wenn sie von den Anwendern optimal eingesetzt werden. Deshalb betreiben wir eine 170 Hektar große Anwendungsforschung mit rund 3.000 Parzellen, wo Prototypen genauso getestet werden wie Produkte, die bereits auf dem Markt sind. So können wir Anwendern jederzeit Empfehlungen geben, wie sie unter den gegebenen Bedingungen beste Ergebnisse erzielen können. Weil Wetter, Wirtschaftlichkeit und umweltpolitische Forderungen dabei immer maßgeblich sind, richten sich daran selbstredend die Marktbedürfnisse aus.

Konzentrieren Sie sich in Ihrer Forschungsarbeit ausschließlich auf Produkte und Anwendungen?

C. Schuster: Darauf liegt sicherlich unser Fokus. Trotzdem versuchen wir beständig, auch die Grundlagenforschung nicht aus dem Auge zu verlieren. Deshalb sind wir Gründungsmitglied des Agrochemischen Instituts Piesteritz, kurz AIP, in dem Doktoranden dafür die Gelegenheit gegeben wird. Zudem kooperieren wir eng mit Universitäten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die sich mit unterschiedlichen Fragen der Pflanzenernährung beschäftigen.

Wie wichtig sind für Sie die Partnerschaften mit der Industrie bzw. auch mit Universitäten und Forschungsinstituten im F&E-Bereich?

C. Schuster: Die enge Kooperation mit Hochschulen und Universitäten hat uns zum Beispiel dabei geholfen, die Entwicklung bei Harnstoffdüngern voranzutreiben. Hilfreich dabei war unsere sehr große Datensammlung rund um das Thema Harnstoffdüngung, die unter anderem aus gemeinsamen Forschungsprojekten entstanden ist. Ohne diese Kooperationen wüssten wir deutlich weniger über Pflanzenernährung, Verlustpfade und Wirkungspotenziale. Im Bereich von landwirtschaftlicher und agrochemischer Forschung müssen stets die vielfältigen Witterungs- und Anbaubedingungen an den Standorten in Nord und Süd, Ost und West berücksichtigt werden. So testet unsere Anwendungsforschung nicht nur in Cunnersdorf, sondern auf weiteren rund 2.000 Versuchsparzellen, die im Bundesgebiet verteilt sind. Auch das ist am besten durch Zusammenarbeit und Kooperation möglich.

Gibt es ein aktuelles Kooperationsprojekt, das Sie kurz vorstellen können?

C. Schuster: Eines der am meisten beachteten Forschungsprojekte, das SKW Piesteritz führend koordiniert, ist das wahrscheinlich einzige Projekt in Deutschland, wenn nicht sogar in Europa, in dem unterschiedliche N-Verlustpfade sowie deren Minderung parallel erfasst und quantitativ bewertet werden. Es wird auch von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, kurz BLE, finanziell unterstützt. Unter dem Thema „N-Stabilisierung und wurzelnahe Platzierung als innovative Technologien zur Optimierung der Ressourceneffizienz bei der Harnstoff-Düngung“ werden zusammen mit sieben weiteren Partnern von Universitäten, Forschungsinstituten, der Ressortforschung und der Industrie neuartige Technologien im Rahmen der Harnstoff-Düngung entwickelt, untersucht und bewertet. Die Wirkungen von N-Stabilisierung und wurzelnaher Platzierung werden in Fruchtfolgeversuchen mit integrierten Gasmessungen von Ammoniak und Distickstoffmonoxid unter Praxisbedingungen geprüft. Weitere Versuche und Untersuchungen erfolgen begleitend zum Beispiel zur Minderung von Nitratverlusten und ertragssteigerndem Potenzial sowie zur Klärung grundlegender Effekte. Damit soll einerseits die N-Effizienz signifikant erhöht und andererseits die wesentlichen Dünger-N-Verluste wie Nitrat, Ammoniak und Distickstoffmonoxid deutlich gesenkt werden. Das alles mit einem Ziel: größtmögliche Ressourceneffizienz und Umweltschonung. Bewertungen erfolgen unter anderem über mehrjährige N-Bilanzen sowie Ökoeffizienzanalysen. Ein zeitnaher Transfer von Erkenntnissen in die landwirtschaftliche Beratung und Anwendungspraxis soll erfolgen. Deshalb wurden das Projekt und erste Ergebnisse bereits einem breiteren, unterschiedlichen Publikum sowohl in wissenschaftlichen als auch praxisnahen Veranstaltungen nahegebracht. Auch während der Innovationstage 2018 der BLE unter dem Titel „Innovative Ideen – smarte Produkte“ am 23. und 24. Oktober in Bonn wird das Projekt ein Thema sein.

Welche Trends zeichnen sich für die kommenden Jahre ab?

C. Schuster: Die Trends sind aus unserer Sicht vom Klimawandel bestimmt. Wir rechnen mit zunehmenden Wetterextremen wie Trockenheit und Starkniederschlägen. Es ist deshalb entscheidend, Düngemittel auch unter schwierigen Umständen pflanzenverfügbar zu machen und gleichzeitig vor ungewollten Verlusten in die Umwelt zu schützen. Diese Anforderungen werden immer wichtiger, auch getrieben von den gesellschaftlichen und politischen Ansprüchen und Maßstäben. Verlustminderung hat aber nicht nur eine Umweltschutzkomponente, sondern ist auch für den Anwender von ökonomischer Bedeutung.

Welches Produkt von SKW Piesteritz würden Sie als „echten Meilenstein für die Agrochemie“ bezeichnen?

C. Schuster: Selbstverständlich unsere Weltneuheiten Alzon neo-N und Piagran pro. Sie erfüllen das, was ich eben als Anforderung für die Zukunft skizziert habe. Wenn Sie bedenken, dass die Entwicklung eines neuen Düngers Jahre benötigt, sehen Sie, wie frühzeitig wir das Thema schon im Blick hatten. Mit diesen Düngemitteln lassen sich auch unter schwierigen Gegebenheiten noch bestmögliche Erträge erzielen – und dabei die verschärften Vorschriften der Politik leichter einhalten.

Nicht minder erfolgreich ist Piadin, unser N-Stabilisator für organische Dünger. Er verleiht Gülle wichtige Eigenschaften, damit auch sie mit deutlich geringerem Verlustrisiko genutzt werden kann. Wir helfen damit auch den Anwendern von organischen Düngern, Forderungen der Politik besser gerecht zu werden und gleichzeitig Betriebsmittel so effizient wie möglich zu nutzen.

Inwieweit beeinflussen Gesetze und Verordnungen - wie z.B. die Düngeverordnung - die Forschung bei SKW Piesteritz?

C. Schuster: Die Landwirtschaft steht im politischen und gesellschaftlichen Fokus. Ernährung ist ein emotionales Thema, bei dem in der öffentlichen Diskussion leider oft genug Fakten eine untergeordnete Rolle spielen. Politik kann sich davon offenbar nicht immer frei machen. Wir als Forscher müssen uns darauf einstellen und beachten deshalb schon frühzeitig nicht nur fachliche, sondern auch politische Entwicklungen. Bestes Beispiel: Wir haben schon seit Jahren an Neuerungen geforscht, die heute helfen, Auflagen zu erfüllen, von denen man damals noch gar nichts geahnt hat. Auch wenn wir so manches nicht für fundiert genug halten, was politisch diskutiert wird, können und wollen wir es nicht ignorieren – auch zum Wohle unserer Kunden.

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