Der deutsche Chemiehandel zeigt Zuversicht

Gute Chancen auf Wachstum trotz großer Herausforderungen

  • VCH-Vorstand (v.l.n.r.): Christian Westphal, Ter Group; Thomas Sul, DKSH; Ralph Alberti, VCH; Frank Edler, Oqema; Robert Späth, CSC Jäklechemie; Michael Pätzold, VCH; Bastian Geiss, Richard Geiss und Thorsten Harke, Harke Group © VCHVCH-Vorstand (v.l.n.r.): Christian Westphal, Ter Group; Thomas Sul, DKSH; Ralph Alberti, VCH; Frank Edler, Oqema; Robert Späth, CSC Jäklechemie; Michael Pätzold, VCH; Bastian Geiss, Richard Geiss und Thorsten Harke, Harke Group © VCH

Wie der Verband Chemiehandel (VCH) berichtet, hat der deutsche Chemikalien Groß- und Außenhandel das Jahr 2018 mit einem Umsatzwachstum von 6,8 % auf ca. 14,7 Mrd. EUR zum Vorjahr abgeschlossen. Gründe hierfür waren in erster Linie gestiegene Rohstoffpreise. Verschiedenste Gründe führten zu Mengenrückgängen von insgesamt 2,7 % zum Vorjahr, die sowohl den Binnenhandel als auch den Außen- und Spezialitätenhandel betrafen. Die Hintergründe zu diesen Entwicklungen kamen in einem Round-­Table-Gespräch zur Sprache, das Birgit Megges mit dem Vorstand des VCH führte. Die Teilnehmer des Gesprächs waren Christian Westphal (VCH-Präsident), Robert Späth (stv. Präsident und Schatzmeister), Thomas Sul (stv. Präsident und Vorsitzender FA Außenhandel), Frank Edler (Vors. FA Binnenhandel), Bastian Geiss (Vors. FA Chemiehandel und Recycling), Thorsten Harke (Vorstandsmitglied), Ralph Alberti (geschäftsführendes Vorstandmitglied) und Michael Pätzold (Geschäftsführer).

Das Umsatzplus, das der Chemikalienhandel erwirtschaften konnte, verteilt sich mit einer Steigerung um 4,3 % auf ca. 4,6 Mrd. EUR auf den Binnenhandel und mit einer Steigerung um rund 8 % auf ca. 10,1 Mrd. EUR auf den Außen- und Spezialitätenhandel.
Insgesamt ist es der Branche gelungen, sich in den ersten zwei Quartalen positiv zu entwickeln, bevor im dritten und vierten Quartal das Geschäft abflaute. Dabei gab es laut Christian Westphal deutliche Unterschiede je nach Ausrichtung der Unternehmen. Life-Science-Bereiche wie Food & Feed, Pharma, Kosmetik, Wasch- und Reinigungsmittel konnten sich deutlich konstanter entwickeln als die Bereiche der Basischemie. Ein Grund hierfür waren u.a. die Schwierigkeiten der deutschen Automobilindustrie und der angrenzenden Bereiche wie der Farben-, Lack- oder Kunststoffindustrie.
Ein Blick in andere Länder, den Thorsten Harke gewährte, zeigte, dass hier der Chemiehandel mit einigen Problemen zu kämpfen hat. Die Wirtschaftslage in Italien ist nach wie vor nicht gut. Die Gewährung von Zahlungszielen sei hier schwierig und risikoreich, was auch in noch stärkerem Maße für die Türkei gelte. In Russland leide aktuell die Bauindustrie.

Auch der indische Markt zeigt sich aktuell wirtschaftlich problematisch, weil das Land in eine Art „Wartehaltung“ vor der kommenden Parlamentswahl verfallen ist. Auch andere asiatische Länder leiden unter Schwierigkeiten. Gründe dafür sind u.a. politische Entscheidungen in den USA, insbesondere die Einführung von Strafzöllen, aber auch die Umweltpolitik in China mit zahlreichen Schließungen von Unternehmen. „Durch den Handelskrieg zwischen China und den USA kam Asien mit überschüssigen Mengen nach Europa, was dann zu Preiskämpfen in den europäischen Märkten geführt hat“, so Harke.
Erfreut zeigt sich die Branche, dass die Zahl der Arbeitsplätze in den Mitgliedsunternehmen – trotz Fachkräftemangels – um 2 % gestiegen ist. Investitionen in die Modernisierung der Anlagen und Läger befinden sich weiterhin auf einem guten Stand. Investitionen unter Umweltaspekten sind im Chemiehandel weiterhin auf hohem Niveau und im Vergleich zu 2017 erneut – wenn auch nur geringfügig – um 0,2 % auf 27,7 % der Gesamtinvestitionen angestiegen.

Chemikalien-Recycling auf gutem Weg
„Für die Recycler war 2018 insgesamt ein gutes Jahr“, konnte Bastian Geiss berichten. Es gab zwar einen Preisrückgang, die Mengen konnten aber über das ganze Jahr stabil gehalten werden. Positiv ausgewirkt habe sich dabei, dass bei vielen chemisch-pharmazeutischen Betrieben ein Umdenken stattgefunden hat. Das Thema Kreislaufwirtschaft spielt für die Unternehmen eine zunehmend große Rolle. Ein weiterer positiver Faktor für die Recycling-Branche war die Tatsache, dass die Auslastung der Verbrennungskapazitäten in Deutschland extrem hoch ist. Auch für die Zukunft sieht Geiss Wachstumspotenzial: „Die Produzenten sind gewillter, Abfälle zu trennen und Abfallbilanzen gezielter anzuschauen. Sie prüfen, ob es Sinn macht, einzelne Fraktionen herauszunehmen und zum Recycling zu führen.“ Allerdings wird auch die Recycling-Branche den konjunkturellen Schwankungen unterlegen bleiben, da der Umsatz stark an den aktuellen Rohstoffpreisen hängt.

Knappheiten im Frachtraum
Frank Edler erläuterte eine weitere Problematik, mit der sich die Chemiehandelsbranche auseinanderzusetzen hat: „Im lagerhandelnden Chemiehandel haben wir ein Kostenproblem aufgrund bestimmter zusätzlicher administrativer Aufgaben, die durch Gesetzestexte zustande kommen, aber noch mehr durch die steigenden Frachtkosten.“
Die Roherträge konnten im Lagerbereich nur leicht gesteigert werden, während ein Anstieg der Streckenroherträge um etwa 20 % festzustellen war. Edler kommentierte: „Die Spediteure lassen nicht mehr alles mit sich machen. Wir mussten Entladezeiten verlängern und dafür eine zweite Schicht einführen. Auch die Kraftfahrer sind selbstbewusster und verlangen deutlich mehr Lohn. Leider bekommt man diese Kosten nicht immer im Markt umgesetzt.“
Das Verhalten der Speditionen resultiert daraus, dass der Frachtraum generell knapper geworden ist. „Das letzte Jahr war geprägt von unsicheren Verhältnissen bei der Rohstoffversorgung, die zu Engpässen führten, genau wie das Niedrigwasser im Rhein. Die Funktion als lagerhaltender Handel, Vorräte zu bilden und diese vorzuhalten, wurde sehr in Anspruch genommen und belastet die Standorte insgesamt. Es wurde schwieriger, die Wirtschaft kontinuierlich zu versorgen“, erläuterte Robert Späth. Zusätzlich kam zur Sprache, dass insgesamt die Qualität der Speditionsdienstleistungen gesunken ist. Durch die zunehmende Komplexität der Aufträge und stetig steigende Gesetzesauflagen werden die Anforderungen vor allem im Gefahrgutbereich oft nicht erfüllt. Das erhöht den Aufwand und erfordert Investitionen in die firmeneigenen Fuhrparks, um diese Mängel auszugleichen. Späth sieht hier einen deutlichen Trend: „Die Bedeutung des eigenen Fuhrparks wird immer wichtiger.“

Digitalisierung in vollem Gange
Große Chancen sieht der Verbandsvorstand indes in der Digitalisierung, weil diese die Wirtschaft in allen Ebenen beeinflussen wird. Sie liefert Potenzial für effizientere Prozesse, aber auch Vertriebschancen. Alle Unternehmen sind mit diesem komplexen Thema befasst und erkennen einen steigenden Bedarf an Personal.
Ein Teilthemenbereich, mit dem sich die Branche verstärkt auseinandersetzt, ist dabei die Standardisierung. Die Unternehmen arbeiten verstärkt auf eigenen elektronischen Kommunikationswegen, die aber häufig mit denen der Kunden und Lieferanten nicht kompatibel sind. Ralph Alberti erklärte diese Problematik: „Digitalisierung versteht jeder anders. Jeder spricht seine eigene Sprache in der Datenübermittlung. Wir wollen hier keinen Standard im klassischen Sinne schaffen, sondern wir suchen ein „Übersetzungsprogramm“ für die einzelnen Unternehmenssprachen.“ Gesucht wird eine Softwarelösung in Zusammenarbeit mit Softwaredienstleistern, die sowohl sprachunabhängig als auch systemunabhängig ist. Dabei geht es zunächst um die Auftragserfassung, aber auch um typische Informationen, die in der Lieferkette weitergegeben werden müssen, wie  z. B. Sicherheitsdatenblätter oder Zertifikate. Mit der Lösung dieses Problems beschäftigt sich bereits eine Brancheninitiative.
Ein weiteres Teilthema der Digitalisierung sind Internetplattformen für den Chemikalienvertrieb. Es ist bekannt, dass Commodities schon länger über das Internet verkauft werden, allerdings prognostiziert Thomas Sul: „Bei Spezialitäten halte ich das für sehr unwahrscheinlich, zumindest in naher Zukunft. Es gibt zu viele verschiedene Produkte, kleine und große Mengen, unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Länder, und strenge regulatorische Anforderungen hinsichtlich Handling und Transport. All das ist über das Internet nicht so einfach darstellbar.“
Inzwischen zeigt sich auch in vielen Bereichen, dass es nicht einmal so einfach ist, Commodities gesetzeskonform über das Internet zu verkaufen. Internetplattformen haben häufig Probleme mit Sicherheitsdatenblättern, der Kennzeichnung usw. Laut Michael Pätzold rückt somit immer stärker der Überwachungsaspekt in den Fokus. Gerade in den Bereichen Pflanzenschutzmittel oder Pharma findet man nachgemachte Produkte auf dem Markt, die ein Sicherheitsrisiko darstellen. Sehr stark beschäftigt sich die Europäische Chemikalienagentur ECHA mit diesem Thema. „Die ECHA wird im Rahmen ihres „Work Programme 2019-2023“ die Verkäufe über das Internet stärker überwachen. Dabei ist die Einhaltung der REACh-Vorschriften und der Kennzeichnung als besondere Punkte zu nennen. Die ECHA hat sämtliche Daten aus den Registrierungen und kann das sehr gut überprüfen. Der Verband unterstützt diese Vorhaben, denn der sichere Umgang mit gefährlichen Produkten weltweit ist ein wichtiges globales Ziel“, so Pätzold.
Im Großen und Ganzen ist man sich einig, dass derzeit die existierenden Plattformen Lücken haben, die man oft schnell erkennen kann. Diese finden sich häufig im Bereich der Überwachung der Produkte, aber auch der Kundenidentitäten, die vor allem für die Abgabe von Produkten, für die eine Endverbleibserklärung abgegeben werden muss, unerlässlich sind. Auch für Preisverhandlungen, die begleitende Logistik sowie das Einbinden von Dienstleistern, die Absprache von Lieferzeiten usw. bieten Internetplattformen keinen Raum.
Allgemeines Fazit ist, dass sich die Branche mit dem Thema auseinandersetzt und das ein oder andere ausprobiert. „Wir üben alle, sei es im B2B- oder B2C-Geschäft. Es ist aber bei allen im Moment ein sehr geringer Teil vom Umsatz“, war sich Sul sicher. Alle gehen davon aus, dass es noch viele Entwicklungen in diesem Bereich geben wird. Eine akute Angst, vom Markt verdrängt zu werden, besteht aber nicht, was Späth am Ende der Diskussion noch einmal verdeutlichte: „Das Geheimnis liegt darin, dass wir viele Branchen bedienen und so viele individuelle Kundenbeziehungen haben. Wir haben unsere Dienstleistungen auf diese Kunden zugeschnitten und das wissen die Kunden zu schätzen. Plattformen brauchen Standards. Unsere zugeschnittenen Dienstleistungen sind unsere Stärke.“

Vermarktung nachwachsender Rohstoffe
Gute Wachstumschancen sieht der Chemiehandel im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe. „Der Markt schreit nach Alternativen zur klassischen Chemie – da, wo es möglich ist. Es gibt sehr viele Produktentwicklungen auf Seiten der Produzenten und es finden viele Gespräche statt“, bemerkte Westphal. Allerdings steht das mögliche Wachstum in dem Bereich in Abhängigkeit zur Preisentwicklung. Meist sind die alternativen Produkte teurer und nicht jeder lässt sich bereitwillig auf eine Substitution ein. Dennoch prognostizierte auch Harke ein gewisses Wachstum für chemische Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen, durch weitere Gesetzesauflagen: „Es gibt entsprechende Auflagen in der Industrie, die vorschreiben, dass zukünftig ein gewisser Anteil der Kohlenstoffchemie nachwachsend sein muss. Deshalb glauben wir, dass der Markt weiter wachsen wird.“ Auch Sul sieht hier gute Chancen: „Dies ist ein weltweiter Trend. Viele Industrien schauen sich Alternativen an und sind inzwischen bereit, mehr dafür zu zahlen.“

Gesetzeshürden und Brexit
Ein zunehmendes Hemmnis stellt die schleppende behördliche Umsetzung neuer Vorschriften, verbunden mit dadurch verursachten Rechtsunsicherheiten und äußerst kurzen Umsetzungsfristen für die Unternehmen, dar, berichtete Alberti und nannte das Verpackungsgesetz als aktuelles Beispiel. Pätzold sieht grundsätzlich einen Trend: „Es ist ein großer regulatorischer Aufwand, der betrieben werden muss, um gesetzeskonform zu handeln. Die Unternehmen müssen mehr Personal aufbauen, zum Teil wird auch outgesourct.“
Im Bereich REACh bestätigen sich die Sorgen, die von der Branche schon lange vorausgesehen wurden. „REACh entwickelt sich immer mehr als Handelshemmnis“, so Harke. Hersteller aus Übersee registrieren ihre Produkte aufgrund der hohen Kosten, wenn überhaupt, dann oft nur noch teilweise unter EU-REACh, was somit zu einer nicht unwesentlichen Einschränkung des für Europa verfügbaren Produktangebots führt.
Im zweiten Halbjahr 2018 haben sich viele Unternehmen intensiv mit dem Thema Brexit auseinandersetzen müssen. Das Vereinigte Königreich ist für Europa und speziell Deutschland ein wichtiger Handelspartner. In Bezug auf regulatorische Aspekte wie REACh bereitet ein möglicher „No-Deal“ den Unternehmen Sorge. Erwartet wird ein erheblicher Mehraufwand, sei es bei der Logistik, den Produktregistrierungen in UK oder den Zollverfahren, um nur drei Beispiele zu nennen. Hier zeigt man sich besorgt, muss aber abwarten, wie die Politik die Verhandlungen abschließt.

Ausblick
Aufgrund der sich allgemein eintrübenden Konjunkturaussichten erwartet der Chemiehandel ein schwierigeres Geschäftsjahr 2019. Die Branchenvertreter sind einer Meinung, dass die Faktoren, die einen negativen Einfluss auf die Branchenentwicklung im letzten Jahr hatten, auch weiterhin eine Rolle spielen werden. Nicht einfach wird es in den Märkten für anorganische und organische Basisprodukte werden, während die Life-Science-Bereiche und andere Spezialgebiete durchaus Chancen bergen, um Wachstum zu generieren.

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