Mit Chlorchemie beginnen zahlreiche Wertschöpfungsketten

Interview mit Jürgen C. Baune von AkzoNobel

  • Jürgen Clemens Baune, Leiter Chlor-Alkali & Chloromethane und Landeschef AkzoNobel Specialty Chemicals DeutschlandJürgen Clemens Baune, Leiter Chlor-Alkali & Chloromethane und Landeschef AkzoNobel Specialty Chemicals Deutschland
  • Jürgen Clemens Baune, Leiter Chlor-Alkali & Chloromethane und Landeschef AkzoNobel Specialty Chemicals Deutschland
  • Nachdem AkzoNobel Specialty Chemicals die im Herbst 2017 angekündigte Erweiterung der Produktionskapazitäten im Bereich Chloromethane an seinem Standort in Frankfurt kürzlich abgeschlossen hat, plant das Unternehmen eine zweite Kapazitätserweiterung und hat bereits mit der Designphase begonnen

Die Chloromethane Methylchlorid, Methylenchlorid, Chloroform und Tetrachlorkohlenstoff sind wichtige Rohstoffe u.a. für die Pharma-, Bau-, Elektro- und Automobilindustrie und die Wasseraufbereitung. Nach der erst im Herbst vergangenen Jahres begonnenen und inzwischen abgeschlossenen Erweiterung seiner Anlage für Chloromethane in Frankfurt-Höchst hat AkzoNobel Specialty Chemicals mit der Designphase für eine zweite Kapazitätserweiterung am deutschen Standort begonnen. Gegenüber CHEManager erläutert Jürgen Clemens Baune, Leiter des Bereichs Chlor-Alkali & Chloromethane und Landeschef AkzoNobel Specialty Chemicals Deutschland, die aktuelle Marktsituation und die Strategie hinter der Investition.

CHEManager: Herr Baune, AkzoNobel Specialty Chemicals hat vor fünf Jahren 140 Mio. EUR in die Modernisierung der Chlorproduktion am Standort Frankfurt investiert und baut dort wie auch an anderen Standort die Chlor-Wertschöpfungskette weiter aus. Wie beurteilen Sie die Marktsituation und die Wachstumsaussichten für chlorbasierte Chemikalien?

Jürgen Clemens Baune: Zwischen 50 und 60 Prozent aller Produkte der chemischen Industrie werden unter Verwendung von Chlor hergestellt. Die Chemie mit Chlor ist damit ein wichtiger Leistungsindikator. Langfristig gehen wir von einem moderaten Wachstum aus, das sich stark am Wachstum des Bruttosozialproduktes orientieren wird. D.h. wir sehen für die kommenden Jahre ein durchschnittliches Wachstumspotenzial von ein bis zwei Prozent für chlorbasierte Produkte. Dies kann jedoch von Anwendung zu Anwendung stark variieren. So sind für spezielle Segmente wie z.B. Polyurethane, auch deutlich höhere Wachstumsraten zu erwarten.

Die geplante neue Chlor-Alkali-Elektrolyse in Rotterdam zielt nicht nur auf Wachstum, sondern wird insgesamt zur Modernisierung der vorhandenen Kapazität beitragen. Die Elektrolyseanlage ist größtenteils aus den frühen 80er Jahren und war seiner Zeit die erste großtechnisch betriebene Membranelektrolyse in Europa.

Ein Teil der Elektrolysezellen entspricht somit nicht mehr dem neuesten technischen Stand, insbesondere wenn es um Energieeffizienz geht. Von daher wird die geplante neue Kapazität zum Teil auch vorhandene Kapazitäten ersetzen.

In welchen Märkten und Anwendungen sehen Sie insbesondere ein Nachfragewachstum nach Methylchlorid und Derivaten?

J. C. Baune: Europa ist der größte freie Markt für Methylchlorid, noch vor Nordamerika. Im Durchschnitt wird global ein Wachstum von 2,5 bis 3 Prozent für die nächsten Jahre erwartet. Eigentlich sehen wir Wachstum in allen Marktsegmenten, wobei Silikonpolymere wie auch Methylcellulose in Europa offensichtlich stärker wachsen werden als andere Segmente. Aber auch in weiteren Bereichen erwarten wir deutliches Wachstum. Hier ist unter anderem das Water Treatment zu nennen, wo Methylchlorid in der Polymerproduktion eingesetzt wird.

Bedienen Sie auch Märkte außerhalb Europas mit den hier produzierten Chemikalien?

J. C. Baune: Ja, auch die Märkte in Übersee bieten gegenwärtig attraktive Möglichkeiten, Methylchlorid, aber auch Methylenchlorid und Chloroform zu exportieren. Der Export von Methylchlorid setzt jedoch eine spezifische Kompetenz bezüglich der Logistik für dieses Produkt voraus. Wir haben diese Kompetenz über viele Jahre hin entwickelt.

Wäre die Herstellung von Chlorderivaten ohne die Energieeffizienz des Membranverfahrens und die Rückwärtsintegration Ihrer Produktkette in Europa überhaupt wirtschaftlich?

J. C. Baune: Die neue, hocheffiziente und weitestgehend automatisierte Chlor-Alkali-Elektrolyse in Kombination mit der Rückwärtsintegration in unsere eigene Salzherstellung ist für uns ein entscheidender Wettbewerbsvorteil bei den Chloromethanen. Darüber hinaus sind unsere Produktionsanlagen für Chloromethane hochflexibel ausgelegt, was den Einsatz von verschiedenen Rohstoffen wie auch eine sehr weite Bandbreite im Produktmix aus Methylchlorid, Methylenchlorid, Chloroform und Tetrachlorkohlenstoff angeht. So können wir nicht nur Produktionskosten optimieren, sondern auch die Anlagen entsprechend der Nachfrage unserer Kunden betreiben. 

Welche Standortfaktoren haben Sie dazu bewogen, Höchst und Rotterdam zu Schwerpunkten Ihrer Chlorproduktion auszubauen?

J. C. Baune: Frankfurt-Höchst und Rotterdam sind neben Ibbenbüren, Bitterfeld und Delfzijl in den Niederlanden unsere beiden größten Chlor-Alkali-Standorte. Unsere Chlorkunden werden üblicherweise direkt über Rohrleitungen versorgt. Dies gilt zum Teil auch für unsere eigene Produktion von Chloromethanen in Frankfurt. Wir gehen davon aus, dass wir beide Neuinvestitionen mit den bestehenden Mannschaften betreiben können. Dadurch können wir die Kosten weiter senken.

Außerdem sind beide Standorte geografisch sehr gut gelegen und verfügen über eine ausgezeichnete Infrastruktur sowie ein kompetentes und wettbewerbsstarkes Umfeld von Dienstleistungsunternehmen.

Planen Sie weitere Investitionen in die Chlor-Wertschöpfungskette, auch an Ihren anderen deutschen oder niederländischen Standorten?

J. C. Baune: Wir investieren regelmäßig in den Unterhalt und die Effizienz unserer Produktionsanlage. Nur so können wir langfristig wettbewerbsfähig bleiben. Bei der Erweiterung der Chlor-Wertschöpfungskette folgen wir direkt den Wachstumsplänen unserer Kunden. Das bedeutet, weitere Investitionen sind möglich, jedoch in Abhängigkeit von der Entwicklung unserer Chlorkunden.

Ein deutliches Wachstumspotenzial sehen wir jedoch beim Wassersoff, dem Nebenprodukt der Chlor-Herstellung. Gegenwärtig arbeiten wir mit verschiedenen Partnern in den Niederlanden an der Entwicklung zur elektrochemischen Herstellung von „grünem“ Wasserstoff unter Einsatz von regenerativen Energien aus Wind oder Sonnenlicht. Wir erwarten in naher Zukunft einen stark steigenden Bedarf an nachhaltig produziertem Wasserstoff im Bereich der Elektromobilität, der Biochemie oder auch der Stahlindustrie.

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