Chemie & Life Sciences

Nachhaltige Bauweise

HessenChemie Campus: Ein Vorbild in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit

23.01.2014 -

Die Eröffnung des HessenChemie Campus fand im Oktober 2013, knapp 18 Monate nach dem ersten Spatenstich in Wiesbaden statt. Mit dem Neubau hat der Verband - ein Zusammenschluss von rund 300 Unternehmen der chemischen und kunststoffverarbeitenden Industrie mit über 101.000 Beschäftigten in ganz Hessen - seine zwei Standorte in Wiesbaden zusammengeführt. Die Nutzungsfläche von etwa 4.000 m² bietet Platz für große und moderne Veranstaltungsräume, 88 Parkplätze in Tiefgarage und Außenanlage sowie den 40 Mitarbeitern. Über 100 Veranstaltungen werden jährlich darin stattfinden.

Hartmut G. Erlinghagen, Vorsitzender des Vorstandes des Arbeitgeberverbandes Chemie und verwandte Industrien für das Land Hessen (HessenChemie), erinnerte in seiner Eröffnungsrede, wie die Planung für den Neubau begann: „Als der Vorstand 2011 nach ausführlicher Diskussion aller denkbaren Alternativen entschied, Platzmangel und Raumnot durch einen Neubau zu lösen, bot sich für uns eine einmalige Chance: Wir haben uns Gedanken gemacht, wie die Dienstleitungen des Verbandes durch ein modernes Gebäudekonzept noch weiter verbessert, noch enger an der Strategie und vor allem dem Bedarf der Mitgliedsunternehmen ausgerichtet werden können. Das Ergebnis ist ein hochmoderner Campus im Herzen von Wiesbaden, der genau auf die besonderen Aufgaben unseres Verbands, die Arbeitsprozesse und die Veranstaltungsformate zugeschnitten ist. Es ist uns mit Hilfe vieler Beteiligter gelungen, das Gebäude zu einer echten Visitenkarte für die Branche werden zu lassen. Bei der Planung, Gestaltung und Umsetzung haben alle besonders viel Wert darauf gelegt, dass Produkte der Mitgliedsunternehmen das Gebäude und die Architektur prägen."

Architektonische Planung

Hauptgeschäftsführer Axel Schack erläuterte das Konzept: „Wir wollen mit dem Gebäude zeigen, welche Lösungen die chemische und kunststoffverarbeitende Industrie für die wichtigen gesellschaftlichen Fragen, wie beispielsweise die Energiewende bereit hält und so die gesellschaftliche Akzeptanz unserer Mitgliedsunternehmen fördern und der Skepsis gegenüber Innovationen entgegen wirken." Durch die Einbeziehung von Strategie und Leitbild in die architektonische Planung sei ein modernes Bürokonzept
entstanden, so Schack weiter. Dies verbessere die teamübergreifende Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen weiter und erlaube noch schneller auf die Anforderungen und Anfragen der Mitglieder zu reagieren.

Von Grund auf durchdacht

Für Wiesbadens Oberbürgermeister Sven Gerich ist das neue Gebäude Beleg für die Leistungsfähigkeit des Verbandes und der Branche. „Es zeigt, welche Rolle die Chemie beim Bauen hinsichtlich Energieeffizienz und Nachhaltigkeit spielt." Für den gesamten Bau wurden heimische Materialien bevorzugt. Auch Recyclingmaterial spielte eine wichtige Rolle. Welche baulichen Besonderheiten der Campus aufweist, soll im Folgenden an Hand einiger Beispiele etwas detaillierter aufgezeigt werden:

Niedrigenergiehaus

Der Bedarf des Hauses an Primärenergie liegt bei nur 7,3 kWh/m² pro Jahr. Die Vorgaben der Energieeinsparverordnung sind damit deutlich übererfüllt, sie werden um 96,2 % unterschritten. Erreicht wurde dies durch ein durchdachtes Zusammenspiel verschiedener
Maßnahmen.

Photovoltaik

Auf der Dachfläche befinden sich Photovoltaikmodule mit 50 kWp Leistung. Die daraus gewonnene Energie wird für Beleuchtung, Belüftung, Heizung und Kühlung eingesetzt sowie für Stromtankstellen in der Tiefgarage.

Heiztechnik und Raumklima

- Der Campus ist an das Fernwärmenetz eines Wiesbadener Versorgers angeschlossen, der seine Fernwärme komplett aus Biomasse gewinnt.

- Eine Niedertemperatur-Fußbodenheizung trägt zur weiteren Energieersparnis ebenso bei wie die Zu- und Abluftanlage. Diese hat einen Wärmerückgewinnungsfaktor von rund 70 %. Zum Lüften ist es nicht nötig, die Fenster zu öffnen - gleichwohl aber möglich.

- Bei der Dreifachverglasung schaffen neuartige Abstandhalter aus einem Kunststoff-Metall-Verbund, sog. Spacer, eine Barriere gegen den Kältetransport. Damit wird der Wärmeverlust zwischen Innen- und Außenseite der Fensterfronten gering gehalten und es herrscht ein
angenehmes Raumklima.

Hohlkörper-Decken

In den Geschossdecken wurden leichte, kugelförmige Hohlkörper verbaut. Sie reduzieren nicht nur das Gewicht und erlauben somit eine große Spannweite unter Verwendung
von nur wenigen Stützen; sie verringerten auch den Materialverbrauch: Mehr als 700 t Beton wurden gespart. Dadurch wurden 59 t CO2-Ausstoß vermieden.

LED-Technik

Der Empfangs- und Tagungsbereich, die Flure und WCs werden mit energiesparender LED-Technik beleuchtet. Die Stehleuchten an den Arbeitsplätzen sind mit Tageslichtsensoren
ausgestattet, sodass der Stromverbrauch bei Tageslichteinfall automatisch reduziert wird.

Pflaster mit Besonderheiten

Teile des Außenbereichs sind mit einem Betonpflaster ausgestattet, das eine Reduzierung der Konzentration von Stickstoffoxiden garantiert. Stickstoffoxide entstehen durch Kraftstoffverbrennung und belasten die Umwelt. Im verwendeten photokatalytisch wirkenden Betonpflaster (als Katalysator kommt hier Titandioxid zum Einsatz) werden Stickstoffoxide gebunden, oxidiert und gelangen in Verbindung mit Kondens-, Regen- oder Reinigungswasser als Nitrate in den Stoffkreislauf und dienen so u. a. als Nährstoff für Pflanzen. Die Stellplätze wurden mit einem versickerungsfähigen Pflaster hergestellt - ein Umweltvorteil gegenüber vollständig versiegelten Flächen.

Regenwassernutzung

Das auf dem Gebäude anfallende Regenwasser wird in einer Zisterne gesammelt und der Verwendung für Toilettenspülung und Freiflächenbewässerung zugeführt.

Anpflanzungen


Die Bäume, die der Verband angepflanzt hat, sind groß genug, um vom ersten Tag an Schatten zu spenden und der Erwärmung des Mikroklimas entgegenzuwirken. Es wurden standortgerechte Pflanzen mit wenig Wasserbedarf ausgewählt.

Ladestationen

Für PKW und Fahrräder wurden etliche Ladestationen eingerichtet bzw. vorbereitet. Derzeit gibt es vier oberirdische Ladestationen für Elektro-PKW sowie Ladestationen für E-Bikes. In der Tiefgarage wurden 4 Schnellladestationen und 36 Ladestationen für Elektro-PKW vorgerüstet.

Recyclingmaterial

Die Teppiche haben einen Recyclinganteil von annähernd 100 %, das Dämmmaterial der Fußbodenheizung liegt bei 30 %, die Polyethylenfolien im Bereich der Fußbodenheizung bestehen zu 100 % aus wiederverwerteten Stoffen.

 

 

Auswahl von Produkten, die im Neubau zum Einsatz gekommen sind:

Trinkwasserversorgung

Auch die Trinkwasserversorgung wurde von einem Mitgliedsunternehmen, der Brita Gruppe installiert. Durch die Sodamaster Einbauanlage entstehen dank eines Festwasseranschlussses geringere Betriebskosten. Neben seinem ökonomischen Nutzen verschafft der Sodamaster auch ökologische und gesundheitliche Vorteile. Der logistische Aufwand der Beschaffung wird reduziert und somit der CO2-Ausstoß verringert. Gleichzeitig werden Ressourcen gespart, indem weniger Ein- oder Mehrwegflaschen produziert werden. Außerdem soll durch den Sodamaster ein gesundes Trinkverhalten gefördert und die Konzentration verbessert werden.

Hohlkörper für die Decken

Bei der Flachdecke von Cobiax wird die massive Betondecke durch leichte kugelförmige Hohlkörper, die als Verdrängungskörper dienen, ersetzt. Produziert werden die Kugeln aus rezykliertem Kunststoff, gehalten und positioniert von Bewehrungskörben, indem die Korbmodule zwischen unterer und oberer Bewehrungslage platziert werden. Durch eine Massenreduktion von etwa 60 % kommt es zu erheblich weniger CO2-Ausstoß. Außerdem wird auch ein hoher Teil an Kosten eingespart. Andere Vorteile dieser Bautechnik sind, dass es zu einer geringeren Verformung und Rissbildung kommt. Zudem erhöht sich die Erdbebensicherheit. Es besteht auch die Möglichkeit, die Cobiax-Bauteile mit anderen bekannten Bauweisen zu kombinieren, wie z.B. der Verwendung mit Leichtbetonen.

Umweltfreundliche Farben und Lacke

Farben, Lacke, Dämmung und Beschichtung der Tiefgarage stammen von der DAW-Firmengruppe. Deren Marke Caparol konzentriert sich bei der Produktion auf die Herstellung umweltfreundlicher und gesundheitsschonender Produkte. Bereits seit 1985 werden die Farben emissions- und lösemittelfrei verkauft.

Gebäudefassade aus Plexiglas

Die Außenfassade punktet bei der Nachhaltigkeit, weil sie nahezu wartungsfrei ist - selbst nach Jahren muss hier kein Anstrich erneuert werden. Gebaut wurde sie mit einem innovativen Material des Mitgliedsunternehmens Evonik Industries, das hier erstmals zum Einsatz kam. Das Plexiglas Mineral, ein homogen durchgefärbtes Material aus Mineralgefülltem Acrylglas, besticht durch seine edle Optik, einem Zusammenspiel aus Form, Licht und dem damit verbundenen einzigartigen Reflektionsverhalten. Gleichzeitig sind die Oberflächen sehr langlebig und belastbar und eignen sich ausgezeichnet als widerstandsfähiger Plattenwerkstoff für die Gebäudefassade. Das Material ist dreidimensional formbar und man kann die „ready to install"-Oberfläche nahtlos verkleben. Zudem ist die Fassade hinterlüftend, nur sehr schwer entzündlich und die Brandgase sind nicht toxisch.

Beschläge und Sanitär

Produkte aus den Geschäftsfeldern Beschläge und Sanitär hat das Mitgliedsunternehmen HEWI geliefert. Das Unternehmen war zuständig für alles rund um Tür und Fenster, oder auch Treppenhaus und Flur, gleichzeitig aber auch für funktionale Sanitäranlagen, die vor allen Dingen behinderten Menschen Barrierefreiheit gewährleisten sollen. Neben dem puristischen, ästhetischen und innovativen Gesamtbild ist die Oberfläche aus Acrylglas schmutzabweisend, leicht zu reinigen und unempfindliche gegenüber Kratzern und Stößen.

Nachhaltiges Geschirr

Das im Haus verwendete Geschirr stammt aus der Purity-Serie des Mitgliedsunternehmens Senator. Ziel dieses Unternehmens ist es, bei der Produktion ausschließlich ökologische unbedenkliche Rohstoffe zu verwenden. Die Nutzung von Recyclingmaterial, biologische Abbaubarkeit und Abfallvermeidung werden speziell gefördert.

Spacer für die Fenster

Der TGI-Spacer von Technoform Glass Insulation wird aus Edelstahl gefertigt und kombiniert mit Polypropylen. Er hält die verschiedenen Glasscheiben eines Mehrscheiben-Isolierglases auf Distanz und verbessert somit die thermische Trennung, denn trotz hoher Diffusionsdichte kommt es nur zu einer niedrigen Wärmeübertragung. Damit wird der Wärmeverlust zwischen Innen- und Außenseite des Fensters gering gehalten und es herrscht ein angenehmes Raumklima. Zudem wird die CO2-Emission reduziert, daher ist der TGI-Spacer in hohem Maße energiesparend. Dieses System bezeichnet man auch als Warme-Kante-System. Er ist in jeglichen Formen realisierbar und bietet ein hohes Maß an Qualität und Sicherheit.

 

Ein Interview mit dem Architekten, lesen Sie hier.

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