Rio+20: Ressourceneffizienz – Trendthema in der Politik, Standard in der Chemie

VCI stellt Factbook zum Thema Ressourceneffizienz zur UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung vor

Vor 20 Jahren fand in Rio de Janeiro die erste Konferenz der Vereinten Nationen zu den Themen Umwelt und Entwicklung statt - 17.000 Teilnehmer, darunter Regierungsvertreter aus 178 Staaten, kamen 1992 an den Zuckerhut. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die globalen Ökosysteme durch die Einführung einer nachhaltigen Entwicklung entlastet werden könnten. Um den Rahmen und ein Aktionsprogramm dafür abzustecken, verabschiedeten damals 172 Staaten die Agenda 21.

Ende Juni wird das Thema Nachhaltigkeit erneut im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen. Denn zwei Jahrzehnte nach jener denkwürdigen UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro werden sich vom 20. bis 22. Juni 2012 Delegierte aus allen Erdteilen zur Konferenz „Rio+20" in der brasilianischen Metropole treffen. Das Schwerpunktthema von „Rio+20" wird Ressourceneffizienz sein. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) hat in seiner Factbook-Reihe mit Daten und Fakten aus der Chemie pünktlich zu Rio+20 das fünfte Factbook speziell auf diesen Themenkomplex zugeschnitten. Auszüge daraus stellen wir auf dieser Doppelseite sowie auf der letzten Seite dieser Ausgabe vor.

Vorreiter Chemische Industrie
Die chemische Industrie in Deutschland kann viele Erfahrungen in eine Fortschreibung der Agenda einbringen, wie man konkrete Lösungen für einen sparsamen Umgang mit Rohstoffen und der Ressource Wasser erarbeitet. Auf der großen Infografik wird deutlich, wie die Chemie Rohstoffe verwertet und welche Methoden zur Verfügung stehen, die Ausbeute weiter zu erhöhen.
Chemikalienmanagement war weder 1992 in Rio noch zehn Jahre später in Johannesburg Schwerpunkthema. Dennoch hatten beide Gipfeltreffen erhebliche Auswirkungen für die Chemiebranche. So behandelt Kapitel 19 der Agenda 21 das Thema „Environmental Sound Management of Chemicals". In Johannesburg wurde dann das „2020-Ziel" verabschiedet, nach dem weltweit bis 2020 negative Auswirkungen von Chemikalien auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu minimieren sind. Hier wurde auch die Forderung nach einem nachhaltigen Umgang mit Chemikalien erhoben. Dieser „Strategic Approach to International Chemicals Management (SAICM)" wurde 2006 in Dubai auf der ersten ICCM-Konferenz für Chemikalienmanagement (International Conference on Chemicals Management) verabschiedet.

Der ICCM-Prozess wird im Herbst 2012 mit einer internationalen Konferenz (ICCM 3) fortgesetzt.
Die Chemieindustrie erhofft sich vom Rio+20-Gipfel eine Stärkung von SAICM und wird sich konstruktiv einbringen. Der Weltchemieverband ICCA hatte im Jahr 2006 die Global Product Strategy (GPS) und die Responsible Care Global Charter (RCGC) als wichtigste Beiträge für die Implementierung von SAICM vorgestellt. Das Ziel lautet, weltweit vergleichbare Standards und Verfahren für das Chemikalienmanagement zu schaffen, um bis 2020 zunächst für alle vermarkteten Chemikalien Basisinformationen zu ermitteln und sie einer Risikobewertung zu unterziehen. Seither wurden erhebliche Fortschritte bei der Umsetzung erzielt. So betreibt ICCA ein spezielles Internetportal, auf dem Berichte über chemische Stoffe, ihre Eigenschaften und sichere Anwendung - sogenannte GPS Safety Summaries - zum Download bereitstehen. Seit Start der Plattform im Herbst 2010 haben Chemieunternehmen aus der ganzen Welt rund 2.000 dieser Berichte eingestellt. Fast ein Viertel der GPS Safety Summaries kommt von deutschen Unternehmen, die damit die Anforderungen von GPS vorbildlich erfüllen und mit gutem Beispiel in Europa vorangehen.

Politische Initiativen
Die Politik zeigt in den letzten Jahren ein gesteigertes Interesse an Ressourceneffizienz. Die Initiativen der EU und der deutschen Bundesregierung verfolgen die Absicht, die Effizienz zu steigern. Das Wachstum der Erdbevölkerung auf mehr als 9 Mrd. Menschen bis 2050 führt zusammen mit dem Wohlstandsgewinn in Schwellen- und Entwicklungsländern zwangsläufig zu einer höheren Nachfrage nach Rohstoffen und Energie. Laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) ist der Pro-Kopf-Verbrauch an natürlichen Ressourcen in Industrienationen rund viermal höher als in weniger entwickelten Ländern. Für das BMU gehört die Verringerung des Ressourcenverbrauchs deshalb zu den zentralen Herausforderungen einer nachhaltigen Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund hat das Bundeskabinett im Februar 2012 das „Deutsche Ressourceneffizienzprogramm" (ProgRess) vorgelegt. 2011 veröffentlichte auch die EU-Kommission mit ihrem „Fahrplan für ein ressourcenschonendes Europa" eine Vision bis 2050 für den nachhaltigen Umgang mit Rohstoffen, Energie, Wasser, Luft, Land, Böden, Biodiversität und Meeresressourcen.
Grundsätzlich begrüßt die chemische Industrie die Initiativen des BMU und der EU. Auch, weil die Chemie selbst das größte Interesse an Ressourceneffizienz hat: „Schon die steigenden Rohstoffkosten und der intensive Wettbewerb der Unternehmen stellen sicher, dass aus jeder Tonne Rohstoff die größtmögliche Produktmenge gewonnen wird - das liegt im ökonomischen Eigeninteresse jedes Unternehmers", betont VCI-Hauptgeschäftsführer Dr. Utz Tillmann. Seit Jahrzehnten werden Produktionsverfahren auf die effiziente Verwendung der Einsatz-, Hilfs- und Betriebsstoffe hin ständig verbessert, um ökonomische und ökologische Ziele zu erreichen (vgl. Infografik).
Die Chemie trägt gleich auf mehrfache Weise zur Ressourceneffizienz bei. So z.B. durch die effiziente Verarbeitung von Rohstoffen und anderen Ressourcen in ihrer Produktion, durch die Herstellung von Produkten, die in ihrer Anwendung Ressourcen schonen und so einen entsprechenden Konsum ermöglichen und durch intensive Forschung und Entwicklung von Innovationen, die die Voraussetzung für eine weitere Steigerung der Ressourceneffizienz schaffen.

Realismus statt Aktivismus
Allerdings ist der ursprüngliche Ansatz des BMU nicht haltbar, den Einsatz von Rohstoffen in der industriellen Produktion absolut zu senken. In der chemischen Industrie liegt die Ausbeute vieler Prozesse nach stetiger Optimierung heute bereits zum Teil deutlich über 95 % und damit an der Grenze des chemisch-physikalisch Möglichen. Das heißt: Für eine absolute Senkung des Rohstoffeinsatzes müsste die Produktion reduziert werden. In Bezug auf den Fahrplan der EU-Kommission hegt der VCI Zweifel, ob der skizzierte Weg richtig ist. Im Gegensatz zur Vision einer nachhaltigen Entwicklung verengt die Kommission ihre Überlegungen nämlich auf die sogenannte „Grüne Wirtschaft". Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit, zu der auch das Wohlergehen des Menschen gehört, wird dagegen ausgeblendet.
Aus VCI-Sicht soll die Politik Rahmenbedingungen setzen, sie sollte aber keine Eingriffe in die Wirtschaft zugunsten oder zulasten einzelner Sektoren oder Technologien vornehmen. Falsch verstandener industriepolitischer Aktivismus dieser Art hatte in der Vergangenheit bereits negative Folgen. Dies zeigen die De-Industrialisierung Großbritanniens und Frankreichs ebenso wie in jüngster Zeit die „grüne Industriepolitik" der USA, die keine neuen Arbeitsplätze schaffen konnte. In jedem Fall muss die Ressourcenstrategie hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie geprüft werden. Ebenso muss sie in Bezug auf ihre unterschiedlichen Zielsetzungen selbst effizient sein. Davon ist zumindest der EU-Fahrplan noch ein ganzes Stück entfernt.

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