Architektur schafft Frei-Räume für die Forschung

Moderne Forschungsgebäude wie das Merck Innovation Center fördern die Kreativität

  • Das Büro Henn entwarf bereits Gebäude für internationale Konzerne wie Merck, Max-Planck-Gesellschaft oder Novartis Das Büro Henn entwarf bereits Gebäude für internationale Konzerne wie Merck, Max-Planck-Gesellschaft oder Novartis
  • Das Büro Henn entwarf bereits Gebäude für internationale Konzerne wie Merck, Max-Planck-Gesellschaft oder Novartis
  • Merck Innovation Center Darmstadt
  • Novartis
  • Freiräume für  kreatives Denken  entstehen nicht  einfach durch große  leere Räume, Gunter Henn,  Architekturbüro Henn

Der Merck-Standort Darmstadt soll sich schrittweise von einem Produktionswerk zu einem Technologie- und Wissenscampus entwickeln. Kernstück dieser Veränderung ist das im vergangenen Jahr eröffnete Innovation Center mit einer neuen Arbeitswelt. Ein dynamisches Raumkontinuum unterscheidet und verbindet die einzelnen Arbeitsorte zu einem räumlichen Netzwerk, das Begegnungen und Kommunikation fördern soll. Entworfen und realisiert hat das moderne Gebäude das Architekturbüro Henn, das bereits für internationale Chemie- und Pharmaunternehmen wie Roche, Novartis, Evonik oder B. Braun tätig war. Michael Reubold befragte den Gründer und CEO Gunter Henn zu den aktuellen Trends in der Architektur von Forschungsgebäuden und ihren Einfluss auf Kreativität und Inspiration.

CHEManager: Herr Henn, Sie planen Forschungs- und Laborgebäude für Universitäten, Institute und forschende Konzerne. Was sind die derzeit vorherrschenden Architekturtrends in diesem Bereich?
Gunter Henn: Architektur wird immer von zwei Entwicklungen zugleich beeinflusst. Die eine Entwicklung generiert die Architektur aus sich selbst heraus, dann geht es um neue Konstruktionen, digitale Planungsmethoden, beeindruckende Raumformen, innovative Materialien usw. Architektur ist aber nicht nur ein Wissen über Form. Sie ist auch eine Form des Wissens, wie Mathematik, Soziologie oder Chemie. Als Architekten beobachten wir die Welt, entdecken Lebensweisen, Arbeitsweisen, Veränderungen und Visionen. Wenn Sie nach den Trends fragen, dann gibt es also einmal die Formen-Trends, die die Architektur relativ autonom für sich selbst entwickelt und nutzt, ein bisschen wie die Mode. Es gibt aber auch das Wissen, das sie über die Gesellschaft gewinnt, darüber, wie heute kommuniziert wird in Unternehmen, Instituten und anderen Organisationen. Die Architektur entdeckt Aufgaben, die sie nicht selber erzeugt hat, aber lösen muss, Innovation, Digitalisierung, neue Lebens- und Arbeitsmodelle.

In Wissenschaft und Forschung spielt Kreativität eine entscheidende Rolle. Moderne Forschungs- und Laborgebäude sollen daher Freiräume für kreatives Denken schaffen. Wie gelingt dies mit architektonischen Mitteln?
G. Henn: Kreativität braucht Freiheit. Architektur vermittelt seit jeher zwischen Bindung und Freiheit. Wir Menschen brauchen beides, aber auch Unternehmen sind auf beide Seiten angewiesen. Die Architektur hat sich dieses Themas immer wieder unter dem Stichwort der Flexibilität angenommen. Flexibilität garantiert heute aber nicht mehr die versetzbare Trennwand, sondern ein frei zugängliches Angebot an unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten mit wechselnden Personengruppen und Themen. Wir müssen flexibel kommunizieren können. Das hat zur Folge, dass wir heute in den Unternehmen, Instituten und Einrichtungen durchaus von einer Urbanisierung der Arbeitswelt sprechen können. Freiräume für kreatives Denken entstehen nicht einfach durch große leere Räume. Kreativität wird freigesetzt, wenn ihre Bindung an Kommunikation leichtfällt und immer wieder gelingt.

„Die Architektur entdeckt Aufgaben, die sie lösen muss:
Innovation, Digitalisierung, neue Lebens- und Arbeitsmodelle.“

Früher waren Forschungs- und Laborgebäude eckig und grau. Welche Rolle spielen gestalterische Faktoren wie Raum- und Farbkonzepte für moderne Forschungsgebäude?
G. Henn: Worauf Sie hier anspielen, das ist das Wissen über Form, das die Architektur besitzt und ständig weiterentwickelt. Man stellt sich das oft so vor, dass Formen und Farben einen kausalen Einfluss auf die Menschen nehmen, sie sollen dadurch angeregter, friedfertiger oder was auch immer werden. In gewissen Grenzen gibt es diese Effekte natürlich, und man kann, um es so herum zu sagen, mit einem schlechten Farbkonzept die ganze Sache verderben. Aber nochmal: Wir sollten uns als Architekten von dem Wissen leiten lassen, das die Architektur in sich verkörpert, und dem sie eine Form gibt. Es ist ein Wissen über Organisation und Gesellschaft. Architektur kann dabei redundant sein, im schlimmsten Fall alte Fehler ständig wiederholen. Oder sie nutzt diese Chance, und setzt neue Maßstäbe auf dem Gebiet der Kommunikation. Dafür muss sie aber bereit sein, etwas zu wissen, oder mehr noch, etwas zu lernen und in Erfahrung zu bringen. Das geht nur im Dialog mit dem Bauherrn.

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel, die Digitalisierung eröffnet neue Kooperationsformen. Bereits vor Jahren wurde das Ende persönlicher Meetings vorhergesagt. Doch moderne Gebäude verfügen eher über mehr und vielfältigere denn weniger Begegnungs- und Treffpunkte für die Beschäftigten. Welche Rolle spielen solche Open Spaces?
G. Henn: Diese Frage ist für die Architektur ganz zentral: Welche Rolle spielen Begegnungen und die Kommunikation face-to-­face in der Digitalisierung? Mit der Verbreitung des Computers und der Entwicklung des Internets treten wir in eine neue Medienepoche ein – allerdings nicht zum ersten Mal. Vor der Entstehung der Hochkulturen, vor der Erfindung der Schrift musste man sich treffen, um zu kommunizieren. Erst die Schrift hat die Kommunikation von Zeit und Raum entkoppelt, was gravierende Folgen für die Gesellschaften hatte. Dies wurde nochmals übertroffen durch den Buchdruck vor rund 500 Jahren, durch den die schriftliche Kommunikation eine enorme Verbreitung erfuhr. Dadurch gelangten immer häufiger einander widersprechende Sichtweisen auf ein und denselben Tisch, konnten verglichen und kritisiert werden.
Wir erleben heute mit Computer und Internet wieder eine Herausforderung dieser Art, und wieder übertrifft sie das bisher Dagewesene. Dabei geht es nicht allein um eine nochmals gesteigerte Verbreitung von Informationen. Computer und Algorithmen bringen selbständig eigene Mitteilungen in die weltweite Kommunikation hinein.
Dass wir einander begegnen und auf diese Weise kommunizieren, hat aber nie aufgehört. Was sich in jeder Medienepoche verändert, ist die Funktion, die die Kommunikation face-to-face hat. Wir erleben die Einführung eines neuen Mediums als Herausforderung, ja als Überforderung. Was ist wichtig, was unwichtig? Was ist vordringlich? Wer muss mit wem verbunden werden? Die Kommunikation unter Anwesenden hilft uns dabei, Informationen zu reduzieren und zu Entscheidungen zu kommen. Dabei ist es wichtig, diese Aufgabe oder Funktion der Face-to-face-Kommunikation nicht allein im Psychologischen zu suchen, das würde bloß zu neuen Überforderungen auf Seiten der Individuen führen. Die Kommunikation unter Anwesenden ist selbst ein Medium, sie ist ein soziales Medium, insofern ihre Teilnehmer in wechselnden Konstellationen über sich verändernde Themen kommunizieren. Dieser Prozess ist räumlich. Je komplexer die technisch vermittelte Kommunikation wird, umso schärfer unterscheidet sich davon die Kommunikation unter Anwesenden im Raum. Umso wichtiger wird es aber auch, dieses Medium zu nutzen und zu formen. Genau darin liegt die Herausforderung für die Architektur.

Trotz der Freiräume für Kreativität ist in der Forschung weiterhin auch Disziplin ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wie kann das Gebäudekonzept zu viel Ablenkung verhindern und eine ungezwungene mit einer zweckmäßigen Arbeitsatmosphäre verbinden?
G. Henn: Das ist ein wichtiger Punkt, er hat etwas mit dem zu tun, was ich vorhin ansprach als den Zusammenhang von Freiheit und Bindung. Disziplin und Freiheit, Konzentration und Ablenkung sind zwar Gegensätze, sie bilden aber gemeinsam eine Form. Sie kennen die Trade Rooms an den Handelsplätzen, mit sehr vielen Bildschirmen an den Arbeitsplätzen, mit Rauschen und Lärm um einen herum. Wenn dort die Trader in einen Flow geraten, dann erleben sie beides zugleich, Konzentration und ein ständiges Beobachten von dem, was im Umfeld passiert, gewissermaßen aus dem Augenwinkel heraus. Das ist vielleicht ein extrem forderndes Beispiel, aber das Prinzip ist wichtig. Wir nennen es in der Architektur Awareness und meinen damit die Fokussierung auf eine Aufgabe, die das Außenherum nie ganz aus den Augen verliert. Es muss nämlich, wie in jeder Kommunikation, immer einen Anschluss geben. Kommunikation kann nicht auf der Stelle treten, sie lebt nur dadurch, dass sie eine Selektion an die nächste hängt. Innovation ist eine ebensolche Form, in der es aus den Fachbereichen oder Disziplinen heraus immer neu zu interdisziplinären Begegnungen kommt, die aber wieder auseinandergehen und durch Anschlussbegegnungen abgelöst werden müssen, damit am Ende ein neues Produkt entstehen kann. Architektur sorgt nicht für Freiheit „oder“ für Bindung, für Konzentration „oder“ für Ablenkung, sondern sie vermittelt zwischen beiden Polen, gießt sie in eine einzige Form. Nur darin kann sich Kreativität entfalten.

Gelingt die Realisierung all dieser modernen Konzepte nur in Neubauten oder können auch bestehende Gebäude für die Anforderungen der neuen Arbeitswelt umgebaut werden? Was hat für Sie mehr Reiz?
G. Henn: Selbstverständlich lassen sich derartige Konzepte in Bestandsbauten verwirklichen, auch wenn die Möglichkeiten dann natürlich zunächst einmal eingeschränkter sind als bei einem Neubau. Das bedeutet aber nicht, dass das Ergebnis nicht genauso gut werden kann. Wir machen viele solcher kommunikativen Sanierungen, wie man das nennen könnte. Es hat auch einen besonderen Reiz, wenn die Mitarbeiter ein Gebäude, mit dem sie schon vertraut sind, von einer ganz neuen Seite erleben – und dadurch sich selbst.

 

Merck Innovation Center
Die Orthogonalität des Gebäudes steht im Kontrast zu seinem bewegten Innenleben. Hier entfaltet sich ein kontinuierlich fließendes Raumgefüge. Brückenartige Verbindungen spannen sich zwischen den ov alen Kernen diagonal durch den Raum und verbinden die einzelnen Arbeitsflächen. Treppen, Rampen und Flächen schrauben sich in die Höhe. Die Wege von einer Arbeitsgruppe zur anderen, von einer Ebene zur nächsten werden nahezu unbemerkt und unbeschwert bewältigt.
Auf jeder Ebene befinden sich zwei Arbeitsflächen, die sich diagonal gegenüberliegen. Jede Arbeitsfläche ist für eine Projektgruppe aus externen und internen Mitarbeitern vorgesehen, die an zukünftigen Innovationen temporär und projektbezogen zusammenarbeiten. Konzentrations- und Meetingräume sind entlang der Fassade und auf Mezzaninen angeordnet. Im Erdgeschoss befindet sich ein Café, eine Lounge und ein Auditorium; im ersten Obergeschoss eine Bibliothek, im obersten Geschoss eine Werkstatt.

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