Branchen-Cluster an traditionellen Industriestandorten

In der Schweiz entstehen immer mehr Chemie- und Industrieparks

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An Chemieparks war noch vor wenigen Jahren in der Schweiz nicht zu denken. Die alpenländischen Chemieunternehmen machten satte Gewinne, die Produktion lief auf Hochtouren. Warum sollte man an dem bestehenden Konzept etwas ändern? Standorte wurden traditionell von den Firmen für eigene Zwecke genutzt. Dass die vorhandenen Standortvorteile, die Infrastruktur und benötigten Dienstleistungen auch für andere Unternehmen interessant sein könnten, war zunächst nicht in den Köpfen der Pharma- und Chemiemanager. Doch das sollte sich ändern.

Spätestens als Clariant 2010 seine Produktionsaktivitäten für Textilfarbstoffe und -chemikalien vornehmlich nach Asien und Spanien verlagerte, begann eine frische Entwicklung Fahrt aufzunehmen. Der eidgenössische Chemiekonzern hat neue Firmen in der Schweiz angesiedelt. Als Infrapark Baselland ist der mittlerweile größte Chemiepark in den Alpen entstanden. Und Baselland ist keine singuläre Erscheinung. In der Schweiz entstehen immer mehr Industrieparks. Firmen nutzen die Synergieeffekte, die bspw. von Chemieparks aus Deutschland hinlänglich bekannt sind. Neue Ansiedler profitieren von der bestehenden Infrastruktur und nutzen gemeinsam die angebotenen Standortservices. Eine Studie belegt, dass zwar weit über 100 Mio. m² in den Kantonen als Industrieflächen zur Verfügung stehen. Doch nicht alle Flächen sind für Chemieproduzenten hinreichend nutzbar oder ökonomisch sinnvoll. „Und der Bau einer Produktionsstätte auf der grünen Wiese ist schwierig“, gibt Martin Durchschlag vom Baseler Immobilienspezialisten Hiag zu bedenken. Heute seien in der Schweiz nicht mehr viele große Flächen verfügbar, resümiert der Arealentwickler. Daher mache es Sinn neue Wege zu gehen.

Für alle Branchen offen

Als einer der Ersten, der den Trend der Zeit erkannt hat, gilt der Industriepark Zurzach. Bis zur Jahrhundertwende produzierte der belgischen Chemiekonzern Solvay noch allein am Standort. Seitdem entwickelte sich hier ein attraktiver und innovativer Standort für Unternehmen aller Branchen und Größen. Der Industriepark bietet auf einer Gesamtfläche von 240.000 m² alles, was Unternehmen von einem professionellen Standort erwarten: eine vielseitige Infrastruktur, individuell anpassbare Produktions-, Büro- und Lagerflächen, sowie vielseitige Serviceangebote.

Diese Angebote machen aus dem Industrieparkgedanken einen Vorteil für alle. Die ansässigen Firmen konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft und das Betreiberteam kann deren Bedürfnisse an der Peripherie durch flexiblen Personaleinsatz zu attraktiven Preisen befriedigen. Ob internationaler Chemiekonzern, kreativer Start up, Handwerksbetrieb oder Dienstleister: Die Unternehmen im Industriepark Zurzach profitieren von einem attraktiven wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Umfeld, heißt es auf der Internetseite des Standortbetreibers. Gleichwohl in der Vergangenheit nur Chemie-Produktionsstätte, richten sich die Zurzacher nicht an eine einzelne Branche. Heute nutzen rund 30 Unternehmen, von der One-Man-Show bis zum Produktionsbetrieb mit 55 Mitarbeitern, die Infrastruktur und die Serviceleistungen. „Wir betreiben keinen Chemiepark, sondern stehen allen Branchen offen“, bekennt Standortleiter Michael Odenwald.

Gemeinsam profitieren

„Der Infrapark Baselland ist der ideale Standort für Industrieunternehmen vor allem der Chemie- und Life-Sciences-Branche, die in der Forschung, Entwicklung oder Produktion tätig sind. In der trinationalen Region Basel gelegen, bieten wir umfassende Dienstleistungen und ein hervorragend erschlossenes Areal von 37 Hektaren“, werben die Standortmanager. Mit seinen Dienstleistungen und verfügbaren Flächen sei der Park im Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Frankreich einzigartig. „Wir sehen die Unternehmen in der Umgebung nicht als Konkurrenz, sondern können gemeinsam zum Erfolg der Region beitragen“, meint Marketingchef Gaudenz Furler. Zusätzlich zu den anfänglich angesiedelten Firmen Clariant, Bayer CropScience und Aprentas, dem Baseler Ausbildungszentrum, haben sich u.a. diese Firmen gesellt: Bayer (Schweiz), Beyond Surface Technologies, Brenntag Schweizerhall, RPD Tool Technologies und einige mehr. Durch diese Unternehmen wurden etwa 200 neue Arbeitsplätze geschaffen. Außerdem konnten rund 50 Stellen durch die Bildung des Infrapark gesichert werden. Um die Firmen in ihrem Wachstum zu unterstützen, investierte der Standortbetreiber in den letzten Jahren rund 30 Mio. CHF in die Erneuerung der Infrastruktur. Die angesiedelten Firmen wiederum haben seither etwa 150 Mio. CHF für Erweiterungen und den Ausbau der Produktion ausgegeben. So blickt man im Baselland zuversichtlich in die Zukunft: „Weitere ansiedlungswillige Firmen sind in der Pipeline“, frohlockt Furler.

Landschaftlich reizvoll

Die Gemeinde Kleindöttingen (Böttstein) liegt am nördlichen Rand der Region Brugg-Zurzach. Sie ist eher ländlich geprägt und zählt knapp 4.000 Einwohner. Der Standort verbindet attraktive Rahmenbedingungen für Arbeitgeber und hohe Lebensqualität für Mitarbeitende. Letztere profitieren von günstigen Einkaufsmöglichkeiten im nahen Deutschland, während die Arbeitgeber bei Bedarf auf das Beschäftigungspotenzial von Grenzgängern zurückgreifen können. Obwohl das Areal nicht direkt mit dem Autobahnnetz verbunden ist, kann es trotzdem gut und ohne Stau von den meisten Regionen des Mittellandes erreicht werden. Über die Bahnhöfe Döttingen und Klingnau ist die Region an das S-Bahn-Netz von Zürich und Baden angeschlossen. Die Gegend hat auch ihre landschaftlichen Reize. Sie beherbergt ein national bekanntes Rebbaugebiet von rund 30 ha Fläche und der Stausee von Klingnau wird international als bedeutsames Schutzgebiet für Wasservögel geachtet. Der Industriepark Kleindöttingen besteht aus einem interessanten Mix von Industrie- und Gewerbebetrieben. Er ist kontinuierlich gewachsen, die Nutzer fühlen sich wohl und zwischen den Firmen können Synergien genutzt werden.

Ähnliche Wertschöpfungsketten

Die Berner Ruag Real Estate (RRE) entwickelt Industrieareale zu „themenorientierten“ Industrieparks, versprechen die Immobilienfachleute. Indem die Ansiedelung von Firmen mit vergleichbaren Wertschöpfungsketten begünstigt werde, können Unternehmen mit ähnlicher Ausrichtung ihr Wissen und ihre Erfahrung austauschen. Für Investoren bedeute diese Ansiedlungsstrategie sich ergänzender Betriebe eine deutliche Risikominimierung, zeigt man sich überzeugt in der schweizerischen Bundesstadt. Die Themenorientierung sei insofern entscheidend, als mit Industrie 4.0 nicht mehr jeder Anbieter alles selber machen müsse, meint RRE-Chef Hans Rudolf Hauri: „In unseren Industrieparks arbeiten Firmen zusammen, die an ähnlich gelagerten Wertschöpfungsketten tätig sind“.

In Zürich-Seebach ist mit dieser Philosophie ein Industriepark für Rocket Science und Space entstanden. Der Standort in der Wirtschaftsmetropole verfügt über einen ausbaufähigen Objektbestand. Die Strukturen werden schrittweise den Bedürfnissen der Nutzer angepasst. Forschung und Entwicklung als Basis für den technologischen Fortschritt stehen hier klar im Mittelpunkt. Die Nähe zur ETH Zürich mache Seebach zu einem Ort der praktischen Wissenschaft. Und der Wirtschaftsraum im Norden der Stadt boomt. Deshalb versprechen die Industrieparkmanager: „In Zukunft konzentrieren wir uns auf die bauliche Verdichtung und die Optimierung vorhandener Objekte. So steigern wir die Nutzungsvielfalt und schaffen eine effiziente Infrastruktur in einer besonders aufstrebenden Umgebung.“

Ruag Theme Parks

Der Industriepark Emmen befindet sich an der Entwicklungsachse zwischen dem neuen Wirtschaftsstandort Luzern Nord und dem Flugplatz Emmen. In der dichten Gewerbe- und Industriezone siedeln vornehmlich Unternehmen, die tätig sind in Militäraviatik, im Strukturbau und in der Raumfahrtindustrie. Raum für Innovation im Netzwerk bietet der Industriepark Thun. Die bauliche Entwicklung konzentriert sich auf die Verdichtung von Produktions- und Logistikflächen. Im Altdorf Industrial Park finden insbesondere Unternehmen aus der metallverarbeitenden Industrie eine multifunktionale Infrastruktur. Der Nidwalden AirPark bietet Unternehmen der Klein- und Privataviatik ein neues Zuhause.

Weiterentwicklung

Seit der Stilllegung der Stahlproduktion stellt das alteingesessene Unternehmen Ferrowohlen sein Produktionsareal mit vier Hallen und Lagern als Industriepark Wohlen-Villmergen Mietinteressenten zur Verfügung. Seit 2007 wird die gezielte Weiterentwicklung des Industrieparks in Angriff genommen. Auf dem Dach der Halle B wurde 2012 mit 12.000 Solarpanels auf rund 25.000 m² die größte dachintegrierte Solarstrom-Anlage der Deutschschweiz erstellt. Die Photovoltaik-Anlage liefert Sonnenstrom für ca. 700 - 800 Haushalte.

Der Kanton Solothurn hat in Attisholz-Süd einen Industriepark gegründet. Das Areal soll sich zu einem neuen, lebendigen Quartier mit hoher Standortqualität entwickeln. Die planerischen Grundlagen zu dieser Zielvorstellung liegen vor. Rund 130 Jahre lang wurde hier industriell Cellulose produziert. Als 2008 die Fabrik geschlossen wurde, arbeiten Kanton und Standortgemeinde nun daran, das Areal mit seinen „außergewöhnlichen Standorteigenschaften für zukünftige Generationen einer neuen Nutzung zuzuführen“, geben die Verantwortlichen via Medien bekannt. Über die nächsten 20 bis 30 Jahre soll in mehreren Etappen ein Quartier mit hochwertigem Wohnen, Gewerberäumen und Dienstleistungsflächen für Büros, Gastronomie und Kultur entstehen. Das Aare-Ufer soll in Zukunft für alle frei zugänglich sein.

 



Schweizer Industrieparks

In der Schweiz entstehen immer mehr Industrieparks, welche die Synergieeffekte bieten, die bspw. von Chemieparks aus Deutschland bekannt sind. Neuansiedler profitieren von der bestehenden Infrastruktur und nutzen gemeinsam die angebotenen Standortservices. Informationen über die im Beitrag genannten Industrieparks finden sich im Internet.

www.attisholz-infra.ch

www.ferrowohlen.ch

www.industriepark-2k.ch

www.infrapark-baselland.com

www.ruag.com/de/konzern/real-estate/standorte

www.solvay.ch/de/solvay-in/industriepark-zurzach.html



 

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