Guter Sicherheitsstandard

Durch Vorbeugung kann das Risiko hoher Schadensfälle erheblich reduziert werden

  • Durch Vorbeugung kann das Risiko hoher Schadensfälle erheblich reduziert werden (c) tfoxfotoi/StockphotoDurch Vorbeugung kann das Risiko hoher Schadensfälle erheblich reduziert werden (c) tfoxfotoi/Stockphoto
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  • Guido Wehmeier, ist als Prokurist bei der BASF Lampertheim für die Bereiche EHS und Standort- Infrastruktur zuständig.

Ein Blick auf die Liste der meldepflichtigen Ereignisse der letzten Jahre in Deutschland, lässt sehr schnell deutlich werden, dass nach der Stofffreisetzung, Feuer die häufigste Schadensursache ist. Legt man das finanzielle Schadensausmaß als Orientierungskriterium fest, stehen Brandereignisse in den letzten beiden Jahrzehnten unumstritten an erster Stelle als Ursachen für Großschäden. Oliver Pruys sprach mit Guido Wehmeier, Vorsitzender des Arbeitsauschusses "Vorbeugender Brandschutz in der Chemischen Industrie" bei der Dechema, u.a. über die Prävention im Brandschutz.

CHEManager: Brände sind die zweithäufigste Ursache für meldepflichtige Ereignisse in Chemieunternehmen. Solche Ereignisse sind oftmals lebensbedrohlich und richten mitunter hohen Sachschaden an. Wie kann das Risiko von Schadenfällen weiter reduziert werden?

Guido Wehmeier: Nein, Brände verursachen in der Regel keine Personenschäden. Hier wirkt der gute Sicherheitsstandard in der chemischen Industrie, aber auch die weitgehenden gesetzlichen Vorgaben. Richtig ist, dass der durch Feuer verursachte Sachschaden jedes Jahr erheblich ist. So beträgt der durch Feuer entstanden Schaden für Großschäden in der deutschen Industrie für das Jahr 2017 1,1 Mrd. EUR nach Angaben des GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, Anm. d. Red.).

Durch vorbeugende Maßnahmen, wie einer gut ausgerüsteten Feuerwehr, Brandmeldeanlagen oder stationäre Löschanlagen kann das Risiko hoher Schadensfälle erheblich reduziert werden.

Sie sind Vorsitzender des Arbeitsauschusses "Vorbeugender Brandschutz in der Chemischen Industrie" bei der Dechema. Warum gibt es einen solchen Ausschuss und was sind dessen Aufgaben?

G. Wehmeier: Der Arbeitsausschuss hat das Ziel, durch Ereignisursachenaufklärung, Erfahrungsaustausch über vorbeugende Maßnahmen und interdisziplinäre Zusammenarbeit eine noch effizientere Risikovorsorge für Chemieanlagen zu etablieren. Ganz bewusst wollen wir fachliche Grenzen überwinden. So war uns wichtig, die Fachgebiete Anlagensicherheit und Brandschutz in einem Arbeitsausschuss zusammen zu bringen.

Hier war bisher kein gemeinsamer Wissensaustausch etabliert.

Die interdisziplinäre Zusammensetzung des Arbeitsausschusses mit berufenen Mitgliedern aus allen Fachbereichen, die zum Thema Brandschutz beitragen können, wie Vertretern von Werkfeuerwehren, Fachleuten für Anlagensicherheit oder Anlagenbau, Spezialisten der Sachversicherer, Forschungsinstitute und Universitäten, garantiert eine ausgewogene und umfassende Durchdringung des Themas. Zusätzlichen Input geben Fachreferenten zu speziellen oder aktuellen Fragestellungen.

„Brandschutz war im Bereich der Fachgemeinschaft Sicherheitstechnik lange Zeit ein Randthema. Zu erklären ist dies zum Teil mit dem Umstand, dass in den meisten Chemiefirmen das Thema Anlagensicherheit in der Regel in einer eigenen Abteilung, getrennt vom Brandschutz, angesiedelt war. Der Brandschutz wurde als primäre Aufgabe der (Werk-) Feuerwehr angesehen. Ein Austausch zwischen diesen beiden Bereichen fand zwar in konkreten Anwendungsfällen innerhalb der Firmen statt, aber nicht auf der übergeordneten Ebene von ProcessNet/Dechema und GVC/VDI.

Gibt es Neuigkeiten in der technischen Entwicklung für die Prävention im Brandschutz?

G. Wehmeier: Das voranschreiten des Themas 4.0 ist gerade für den Bereich Brandschutz hoch spannend. Durch frühzeitige Detektion von Abweichungen im Betrieb werden viele Störungen in einem sehr früheren Stadium detektiert werden können. Denken sie nur an das Thema Stoffaustritt. Wenn bereits eine Kleinstleckage, die früher gar nicht aufgefallen wäre, detektiert und ein weiterer Stoffaustritt gestoppt werden kann, ist ein potenzieller Brand verhindert. Ein weiteres Gebiet ist das Aufspüren von überhitzten Stromkreisen. Diese sind eine häufige Ursache für die Entstehung von Bränden. Durch Mikrodetektoren können geringste Mengen der Zersetzungsgase heißer Elektrokabel detektiert werden und wenn sich dann das betreffende Aggregat selbsttätig vom Stromkreis trennt, ist eine weitere Erhitzung, die zu einem Brand führen kann, ausgeschlossen.

Das ist auch eine interessante Entwicklung für den Privatbereich, denn Brände durch defekte Waschmaschinen, Spülmaschinen etc. sind keine Seltenheit und könnten mit dieser Technik auch verhindert werden.

Auf dem Praxisforum der Dechema Ende August in Frankfurt a.M. halten Sie einen Vortrag zum Thema „Anlagensicherheit und Brandschutz an einem mittleren Chemie-Standort“. Welche Besonderheiten gilt es bei kleineren Unternehmen zu beachten?

G. Wehmeier: Für kleinere Unternehmen kann ein Brandschaden eine existenzielle Bedrohung und zwar wirtschaftlich, wie auch sozial sein. Plötzlich können keine Kunden mehr beliefert werden und der Umsatz bricht zusammen. Dann: was passiert mit den Mitarbeitern, deren Arbeitsstellen durch das Feuer zerstört worden sind. Schnell ist hier eine kleinere Firma in existenzieller Notlage. Aber auch für die Hersteller von Spezialchemikalien ist das Anmelden von Force Majeure, weil Geschäftspartner nicht mehr beliefert werden können, extrem unangenehm.

Was kann die Industrie bei der Gefährdungsbeurteilung im Bereich Anlagensicherheit und Brandschutz besser machen?

G. Wehmeier: Gefährdungsbeurteilung bedeutet zunächst das potenzielles Schadenausmaß zu bewerten. Von Seiten der Anlagensicherheit interessiert uns in der Regel zunächst nur der Schaden für Mensch und Umwelt. Wir schlagen nun vor für den Brandschutz den finanziellen Schaden stärker in den Fokus der Betrachtung zu nehmen.

Zur Einstufung des Risikos ist daher die Kenntnis der potentiellen finanziellen Schadenshöhe wichtig. Sie setzt sich zusammen aus dem technischen Anlagenschaden, abzuleiten aus dem Versicherungswert, dem Wert des verbrannten Materials (Produkte, Zwischenprodukte und Rohstoffe) sowie dem Produktionsausfall und dem damit zusammenhängenden Folgekosten, wie Personalkosten, aber auch dem Umsatzverlust. Letzterer liegt in der Regel um ein Vielfaches über dem Anlagenschaden. Aufgrund dieser Daten lässt sich das Brandrisiko in den einzelnen Bereichen des Unternehmens bewerten und mit anderen Risiken in Verhältnis setzen. Dementsprechend kann ein abgestufter Maßnahmenkatalog aufgestellt werden.

Die Bandbreite des technischen Brandschutzes reicht von den gesetzlichen Basismaßnahmen, über weitergehende Maßnahmen, wie Brand- und Gasdetektoren oder halbstationäre Löschanlagen, bis zu zusätzlichen Maßnahmen, wie stationären Löschanlagen für wichtige Infrastrukturanlagen oder Produktionsbetriebe. Ein nach diesem Vorgehen aufgestelltes Brandschutzkonzept für einen mittelgroßen Chemiestandort stelle ich als Praxisbeispiel vor.

Bei welchen Themen wünschen Sie sich mehr Unterstützung?

G. Wehmeier: Ein Thema welches uns am Herzen liegt, ist das Lernen aus Fehlern. Eien offen Fehlerkultur nicht nur innerhalb unserer Unternehmen, sondern auch ganz bewusst über die Firmengrenzen hinweg. Über Fehler zu sprechen, ist nicht einfach, auch für Firmen nicht! Hier bietet die DECHEMA eine gute Möglichklkeit intern und vertraulich über Ursachen von Ereignissen zu sprechen. Das ist der große Vorteil der DECHEMA und ihrer Arbeitsausschüsse hier ein Forum zu bieten.

PRAXISforum Brandschutz in der chemischen Industrie. 29. - 30. Aug 2018 in Frankfurt am Main

Ein Brand in einem chemischen Betrieb vernichtet nicht nur Sachwerte und führt zu Produktionsausfall, sondern stellt auch eine zusätzliche Bedrohung für Mensch und Umwelt dar. Daher ist die Implementierung eines zuverlässigen Brand- und Explosionsschutzkonzeptes eine wichtige Aufgabe der Verantwortlichen für Anlagensicherheit im Chemieunternehmen. Kein Problem mit ausgebildeten und berufserfahrenen Experten sowie einer Werksfeuerwehr auf einem Industriegelände.

Doch wie können sich kleine und mittelständische Unternehmen dagegen absichern? Welche Sicherheitsvorkehrungen müssen getroffen werden und welche Probleme können entstehen?

Das Forum „Brandschutz in der chemischen Industrie“ soll den Kontakt zwischen Feuerwehr, Anlagenbauer und –betreiber intensivieren. Experten aus der Industrie berichten über Ereignisse in den Betrieben und geben somit einen Einblick in die Vorgehensweisen bei einem Großbrand. Simulationen von Brandszenarien und Ausbreitungsmodellen helfen dabei das Ausmaß eines Brandes abschätzen zu können.

Ein Erfahrungsbericht soll den Teilnehmern zeigen, wie Planung, Betrieb und Unterhalt von Löschanlagen im Umfeld eines Chemiebetriebes funktionieren. In einem weiteren Vortrag werden die Besonderheiten und Bedeutung von Löschschäumen speziell für den Brandschutz in der chemischen und petrochemischen Industrie erörtert.

Die Tagung wird in Kooperation mit der VdS durchgeführt und wechselt sich im jährlichen Rhythmus mit der VdS-Fachtagung „Brandschutz in chemischen Anlagen“ ab.

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