WVIS-Kolumne Neues aus dem Industrieservice: Industrie 4.0 – Die vorletzte industrielle Revolution

  • Dr.-Ing. Reinhard Maaß, Wirtschaftsverband Industrieservice e.V. (WVIS) Dr.-Ing. Reinhard Maaß, Wirtschaftsverband Industrieservice e.V. (WVIS)

Die Digitalisierung von Prozessen innerhalb der industriellen Wertschöpfungskette verspricht mehr Effizienz für den Betrieb, mehr Freiheit für den Anwender und mehr Zeit für… ja für was eigentlich? Sind wir mit dem Abschluss der Digitalisierungsmaßnahmen im Zeichen der Industrie 4.0 Maßnahmen bereits am Optimum des Anlagenbetriebs und der Instandhaltung angekommen? Können wir uns in naher Zukunft zurücklehnen und darauf fokussieren die Fortschritte der datengesteuerten Produktion zu betrachten anstatt zu arbeiten? Und was wird dann unsere Aufgabe sein?

Im Moment fühlen wir uns eher in der Stressphase der Sammlung, Eingabe und Pflege von Daten. Die Umstrukturierung von Abläufen raubt uns Zeit. Die Qualifizierung von Mitarbeitern fordert von uns neue Lösungen und vor allem viel Überzeugungsarbeit. Wir arbeiten unter dem Deckmantel des Etiketts „Industrie 4.0“ mit Eifer daran, uns vor lauter Automatisierung, Optimierung und Digitalisierung selbst abzuschaffen. Digitalisierung bedeutet nämlich nicht nur, dass das Element „Maschine“ neu programmiert wird, sondern vor allem, dass der Faktor „Mensch“ für die Technik neu konfiguriert werden muss.

Das Prinzip der Industrialisierung beinhaltet die Idee, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen. In den vergangenen 150 Jahren konnten wir uns stets neben dem maschinellen Koloss gut positionieren, indem wir zuerst die Bedienung der Maschinen erlernten und mit ihnen Hand in Hand arbeiteten. Pfiffige Erfinder und Ingenieure verstanden sich auf die Wartung und die Weiterentwicklung der technischen Wunderwerke. Gefeiert wurden sie als die ersten Computer in die mechanischen Abläufe zwischengeschaltet wurden und so für noch mehr Effizienz und Sicherheit im Betrieb sorgten. Die menschliche Fehlerquote konnte drastisch gesenkt werden und die Arbeitsvorgänge vereinfacht werden. Schon damals stellte sich allerdings die Frage, wenn die Maschine alles alleine kann, wozu brauchen wir dann noch Mitarbeiter?

Die Maßnahmen blieben, sei es nun den technischen Grenzen der Machbarkeit geschuldet oder ethischen Grundsätzen gedankt, in einem Rahmen begrenzt, der sowohl Mensch als auch Maschine die jeweilige Existenzberechtigung schenkte.

Heute bewegen wir uns im Zeitalter Industrie 4.0 in einen Erfahrungsbereich, in dem diese Koexistenz erneut auf den Prüfstand gestellt wird. Wir investieren in eine Zukunft, die in ihrer Vielfältigkeit für uns nicht fassbar scheint. Wir folgen den unendlichen Möglichkeiten ohne zu wissen, wohin sie uns eigentlich führen. Wir haben gelernt, dass industrielle Revolutionen letztlich zu unserem Vorteil geraten sind und wir als Sieger überlebt haben. Der Mensch hat gegenüber der Technik einen entscheidenden Vorteil: während Daten dem programmierten, eindimensionalen Weg folgen, ist der Mensch in der Lage die Dinge auch aus einem andere Blickwinkel zu betrachten. Er kann sich selbstständig bewegen und neu erfinden!

Die Revolution „Industrie 4.0“ ist daher nur der Vorreiter für die nächste industrielle Revolution. Indem der Mensch abermals mehr Freiheit durch das Delegieren und Automatisieren von Wissen erhält, verfügt er über Zeit und Muße, das Prinzip der Industrie neu zu durchdenken und neue Geschäftsmodelle zu gestalten. Es kann nicht im Sinn des Erfinders sein, dass wir mit dem Smartphone einen neuen Körperteil erschaffen haben, der uns Tag und Nacht, im Privaten wie im Job, anhaftet wie ein Kaugummi unter der Schuhsohle und - wenn wir bei dem Vergleich sind - mit dem gleichen Effekt wie das klebrige Lebensmittel sub pedes, das Fortschreiten beschwerlich macht.

Die Revolution 5.0 wird uns lehren, das Smartphone beiseite zu legen, uns von der Sklaverei der Technik zu befreien, die wir bis dahin zu unserm Nutzen autonom und autark programmiert haben und wieder Freude und Gewinn aus dem direkten Austausch von Mensch zu Mensch ziehen. Nicht zuletzt um auf altmodische Art und Weise zu klären, wem denn nun welche Daten in den weltweiten Netzwerken, Clouds und Sphären eigentlich gehören und wem der Gewinn dieser stoisch vor sich hin werkelnden Ressourcen zusteht. Erst dann ist der Prozess der industriellen Revolutionen abgeschlossen, wenn die vom Menschen automatisierte Industrie ihren Schöpfer wieder auf sich selbst und seinen lebendigen Nächsten zurückführt.

Ich freue mich auf viele interessante Gespräche. Menschen bewegen Industrie.

Ihr Reinhard Maaß

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