Strategie & Management

Digitalisierung, Kommunikation und Kollaboration

Geschäftsmodell und Kosten-Nutzen-Verhältnis bestimmen die Vorgehensweise

16.06.2020 -

Die durchgängige Digitalisierung bedeutet für viele Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche eine tiefgreifende Zäsur. Worauf sollte man achten, um alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette davon profitieren zu lassen? CHEManager-Redakteur Volker Oestreich befragte hierzu Oliver Benecke, Leiter des Life Sciences Bereichs bei Cosmo Consult in Berlin.

CHEManager: Herr Benecke, die Coronakrise beeinflusst das Arbeitsleben in vielen Industriebranchen – erwarten Sie positive Aspekte in der Beziehung, dass die Umsetzung digitaler Aktivitäten in der Prozess­industrie beschleunigt wird?

Oliver Benecke: Die Coronakrise beeinflusst sicherlich das Arbeitsleben in der gesamten Wirtschaft wie sich aktuell überall zeigt. Inwieweit es einen Antrieb zu digitalen Aktivitäten in Richtung Digitalisierung oder zumindest eine Initialisierung zu ihrer Umsetzung gibt, dürfte jedoch von den jeweiligen Unternehmensprozessen abhängen. Natürlich gilt das auch für die Prozessindustrie, in der es besondere Herausforderungen durch die distanzierte Kommunikation und Zusammenarbeit gibt. Dabei stellt die Digitalisierung der internen und externen Kommunikation und Kollaboration – also der Austausch zwischen Mitarbeitern intern und Kunden und Lieferanten extern – wohl die geringste Hürde dar. Die Kommunikation ist schnell implementiert, die Mehrwerte sind rasch erkennbar und das ganze bedarf auch keiner großen Strategie. Wenn ich mir die wertschöpfenden Prozesse etwa in der Produktion und Lagerung mit dem intelligenten Austausch von Maschinen- und Planungsdaten ansehe, sind hier zumindest die Weichen gestellt, vor allem, wenn aufgrund von Verlusten eine höhere Effizienz erreicht werden muss.

„Für viele Unternehmen bedeutet die Digitalisierung eine Transformation, teilweise sogar einen Paradigmenwechsel.“

Wie weit ist aus Ihrer Sicht die Prozessindustrie auf dem Weg zur Industrie 4.0, also dem Zusammenspiel aller Partner von der Entwicklung bis zum Vertrieb beziehungsweise in der kompletten Value Chain?

O. Benecke: Da ist die Prozessindustrie schon auf einem guten Weg. Es gibt nach meiner Erfahrung aber noch viel Optimierungspotenzial. So im Bereich der Maschinen und Anlagen, die teilweise in die Jahre gekommen sind und noch keine Daten über Aktoren und Sensoren liefern. Zwar sammeln viele Unternehmen bereits viele relevante Daten, aber es bedarf noch einiger Kreativität und Impulse, sie in den richtigen Kontext zu bringen, sodass sich verlässliche Prognosen ableiten lassen oder auf Marktsituationen proaktiv reagiert werden kann. Auch bei den Reak­tionszeiten in interner und externer Kommunikation und Kollaboration besteht noch – wie schon angedeutet – reichlich Optimierungspotenzial. Zusätzliche Defizite sind noch durch die Coronakrise verdeutlicht worden, sodass eine fundierte, kompetente Digitalisierungs-Strategie anzuraten ist, um alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette davon profitieren zu lassen.

Welche besonderen Vorteile bringt eine durchgängige Digitalisierung für die Life Science Branche mit sich?

O. Benecke: Jedes Unternehmen sollte selbst ermitteln, wieviel Digitalisierung auf Basis seines Geschäftsmodells noch in einem Kosten-Nutzen-Verhältnis steht und in welchen Phasen diese umzusetzen sind. Das sollte mit einem erfahrenen und kompetenten externen Partner geschehen, der über entsprechende Werkzeuge verfügt, um den digitalen Reifegrad eines Unternehmens zu prüfen. Anschließend können eine Strategie und eine Roadmap für die Digitalisierung erarbeitet werden. Je nach dem sind Themen wie Optimierung der Produktionsauslastung, Lagerbestandsoptimierung, Transparenz und automatisierte Kommunikation Vorteile, die einerseits Kapazitäten erhöhen, eigene Kosten reduzieren und andererseits Lieferanten und Kunden zufriedenstellen und binden. Besondere Aufmerksamkeit muss man auch den für die Life Science-Branche so wichtigen Themen wie dem Qualitätsmanagement mit Learning-Management, Dokumentenlenkung und Incident Management schenken und sie, maximalen Nutzen bringend, in digitale End-to-End-Lösungen integrieren.

„Gerade in der Chemie- und Pharmabranche ist die Sicherheit der erzeugten Unternehmensdaten elementar wichtig.“

Für welche konkreten Anwendungen erwarten Sie die größte Bereitschaft zur kurz- und mittelfristigen Umsetzung und wo stecken die wirtschaftlich größten Potenziale?

O. Benecke: Nicht zuletzt das in der Coronakrise geforderte Arbeiten vom Homeoffice aus sorgt dafür, dass die größte Bereitschaft zur schnellen Realisierung neuer digitaler Anwendungen die Kommunikation und Kollaboration betrifft. Hier kann man kurzfristig ein starkes Wachstum erwarten. Damit zusammenhängend stellt das Einbinden von Kunden und Lieferanten ein relevantes Potenzial dar.
Mittelfristig muss man sich etwa mit dem Problem von kleineren bis zu kundenindividuellen Produktionschargen befassen, das auch auf den Bereich der Lagerhaltung und Logistik größere Auswirkungen hat. Sollen plötzlich statt einer Million Tabletten nur einige hundert produziert werden, sind Unternehmen prozessual nicht darauf vorbereitet. Da fließen dann Themen wie Digitalisierung und Industrie 4.0 zusammen.

Digitalisierung bedeutet immer auch Erzeugung von Daten – wie kann man den Aufwand reduzieren und gleichzeitig die vielen Daten sinnvoll nutzen?

O. Benecke: Die Erzeugung und das Sammeln von Daten bilden die Basis einer jeden Digitalisierungsstrategie. Den dafür erforderlichen administrativen Aufwand reduzieren moderne Cloudservices, etwa Tools auf einer Plattform, die automatisiert und sicher alle Daten vorhalten, erheblich. Nicht zuletzt sind Cloud-Kapazitäten unbegrenzt und moderne Services durch pay-by-use kostengünstig zu betreiben. So eine Plattform stellt beispielsweise Intelligent ERP dar, eine cloudbasierte Plattform mit intelligenten ERP-Assistenten, die mit datengestützten Berechnungsmodellen das ERP-System und damit die Anwender bei komplexen Entscheidungen unterstützt. Aus technologischer Sicht ist ein intelligenter Assistent ein Cloud-Dienst, der über einen Konnektor ins ERP-System integriert ist. Er erweitert das klassische Leistungsspektrum des ERP-Systems um mathematische Verfahren für Prognose und Optimierung. Unternehmen sind so in der Lage, systemseitig gespeicherten Daten zu nutzen, um komplexe Entscheidungen – etwa in Bereichen wie Materialwirtschaft oder Fertigung – zu vereinfachen oder zu automatisieren.

„Nur mit einer fundierten, kompetenten Digitalisierungs-Strategie profitieren alle Beteiligten in der Wertschöpfungskette.“

Mehr Daten bedeuten mehr digitale Kommunikation – vor Ort, in der Edge und zur Cloud. Welche Vorgehensweisen empfehlen Sie und wie wird dabei die Cybersecurity gewährleistet?

O. Benecke: Gerade in der Chemie-, Pharma- und Medizintechnik-Branche ist die Sicherheit der erzeugten Unternehmensdaten elementar wichtig. Die Security-Konzepte seriöser Cloudservices-Anbieter sind heute aber vergleichbar und unterscheiden sich nur in wenigen Punkten. Vor allem aber gelten sie als sicherer als alles, was Unternehmen im eigenen Haus vorhalten.
Für viele Unternehmen bedeutet die Digitalisierung eine Transformation, teilweise sogar einen Paradigmenwechsel. Ein klares Ziel, an dem die Digitalisierungsstrategie ausgerichtet wird, hilft dabei enorm, etwa in Form einer digitalen Roadmap wie sie im Rahmen eines Digitalisierungschecks entwickelt werden kann. Digitalisierung und Digitale Transformation stellen aber ein ausgesprochen komplexes Projekt dar, das nicht nur außergewöhnliche IT-Kenntnisse erfordert, sondern auch unternehmerisches Um- und Neudenken. Eine Modernisierung vorhandener IT-Systeme lediglich zur Prozessoptimierung reicht nicht. Meiner Erfahrung nach, ist die Akzeptanz der Mitarbeiter einer der wichtigsten Bausteine. Dazu gehört aber ein regelrechter Kulturwandel. Dazu müssen Fragen beantwortet werden: Wie schafft man ein digitales Mind Set und wie geht man mit den neuen Technologien um, wie fördert man Zusammenarbeit und wie nutzt man Wissensaustausch mit den Technologien, die heute verfügbar sind? Überall, wo es um neue Ideen, neue Modelle geht, die ich technologisch langfristig unterstützen kann, sollte man sich Gedanken darüber machen, wie kriege ich die Menschen, die sich rund um diese Themen Gedanken machen, mit auf die Reise. Und da gehört ein „changing thinking“ dazu. Und zwar „changing thinking before changing things“.

Zur Person

Oliver Benecke hat in den letzten 15 Jahren viele Unternehmen in ihren digitalen Veränderungsprozessen begleitet, technologisch adressiert durch unterschiedlichste Plattformen mit Schwerpunkten von SAP und Microsoft. Die Differenzierung und das Zusammenspiel und Abhängigkeiten von GxP, Computersystemvalidierung und Qualitätsmanagement-Systemen ist sein Tagesgeschäft. In der Cosmo Consult-Gruppe adressiert er genau diese Kompetenzschwerpunkte und ist national wie international Ansprechpartner für regulierte Projekte.

 

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