Chemiekonjunktur – Brasiliens Chemie im Sinkflug

Chemiebranche leidet unter dem wirtschaftlichen Abschwung wichtiger Kundenbranchen

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  • Dr. Henrik Meincke, Verband der Chemischen Industrie
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Vor wenigen Jahren galt Brasilien als aufstrebende Wirtschaftsmacht mit großer Zukunft. Der Rohstoffreichtum des Landes, das hohe Wirtschaftswachstum, die niedrige Inflation und eine stabile Währung lockten ausländische Investoren an den Zuckerhut. Die Wirtschaft boomte. Mittlerweile ist der brasilianische Höhenflug aber beendet. Im vergangenen Jahr begann der Abstieg: Das Wachstum erlahmte. Die Wirtschaft stagnierte. Die Industrieproduktion wurde sogar um 4% gedrosselt und auch die Chemieindustrie musste ihre Ausbringungsmenge zurückfahren. Der Abwärtstrend hat sich in der ersten Jahreshälfte 2015 dramatisch verschärft. Das Bruttoinlandsprodukt sank bis Juni um mehr als 2%. Die Industrieproduktion ging sogar um 8% zurück (Grafik 1).

Brasiliens Wirtschaft rutscht immer tiefer in die Krise: Das Defizit im Staatsbudget wächst und der Finanzminister steuert mit Steuererhöhungen und Ausgabenstreichungen gegen. Dadurch wird die Rezession kurzfristig verschärft. Gleichzeitig steigen die Konsumentenpreise kräftig. In diesem Jahr dürfte die Inflation bei rund 9% liegen. Die Zentralbank versucht die Inflation durch die Erhöhung der Leitzinsen einzudämmen. Das macht aber Kredite teurer. In diesem Umfeld geizen die Unternehmer mit Investitionen und die Konsumenten halten ihr Geld zusammen. Zudem droht ein Wasser- und Strommangel, denn die Staudämme im Südosten sind leer. Wasser fehlt vor allem in den Großstädten. Zusätzlich kommt es zu stundenlangen Blackouts.

Petrobras wird zum Problem

Die Zugmaschine der brasilianischen Wirtschaft steht still und bekommt im Ausland keinen Kredit mehr. Der Staatskonzern muss streichen, schließen und verkaufen, um überhaupt überleben zu können. Hiervon ist auch die Petrochemiesparte betroffen. Die Politik hatte Petrobras benutzt, um Benzin billiger zu verkaufen und Jobs zu schaffen. Sie ließ Raffinerien an Standorten errichten, wo sie nicht rentabel arbeiten konnten. Petrobras wurde so ein gewaltiger Selbstbedienungsladen für Politiker und Unternehmer. Bei Aufträgen sollen Preise abgesprochen und Schmiergelder in Höhe von 4 Mrd.

USD bezahlt worden sein. Neben Petrobras sind davon mehrere Baukonzerne betroffen. Nun stehen viele große Infrastrukturprojekte still und in der Bauwirtschaft drohen Entlassungen.

Ein starker Chemiesektor

Traditionell hat Brasilien dank seines Rohstoffreichtums einen starken Chemiesektor. Die Chemieindustrie ist Brasiliens drittgrößte Industriebranche hinter der Ernährungs- und der Mineralölindustrie. Auch international gehört Brasilien zu den führenden Chemienationen. Gemessen am Umsatz der Chemieindustrie belegt das Land mit insgesamt 92 Mrd. EUR (2014) den achten Platz im Nationenranking (Grafik 2). Dabei reichen die heimischen Produktionskapazitäten nicht aus, um die inländische Nachfrage nach Chemikalien zu decken. Brasilien ist seit vielen Jahren ein Nettoimporteur von chemischen Erzeugnissen. Im Jahr 2014 summierte sich das brasilianische Außenhandelsdefizit bei chemischen Erzeugnissen auf 24,6 Mrd. EUR (Grafik 3).

Brasilien drosselt Chemieproduktion

Das wachsende Außenhandelsdefizit im Chemikalienhandel verdeutlich, dass der brasilianische Chemiesektor derzeit zwei Probleme hat: Zum einen hat der wirtschaftliche Abschwung wichtige Kundenbranchen der Chemieindustrie wie die Bau- und Automobilindustrie erfasst. Entsprechend stark sank zuletzt die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen. Und zweitens gibt es Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit des Standortes. Die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Die Unternehmen klagen vor allem über eine desaströse Infrastruktur, große Bürokratie und steigende Energiepreise.

Ein Blick auf die Entwicklung der brasilianischen Chemieproduktion verdeutlicht die Probleme. Die brasilianische Chemieproduktion wurde zwischen 2006 und 2013 durchschnittlich um 2,6% pro Jahr ausgeweitet. Ohne die Weltwirtschaftskrise 2008/2009, die auch in Brasilien deutliche Spuren hinterließ, wäre das Wachstum sogar noch deutlich höher ausgefallen. Mitte des Jahres 2013 begann der Sinkflug. Die Produktion wurde von Quartal zu Quartal zurückgefahren. Der Abwärtstrend hat sich im zweiten Halbjahr 2014 erheblich beschleunigt (Grafik 4).

Auch deutsche Chemieunternehmen betroffen

Brasilien ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner der deutschen Chemieindustrie in Südamerika. Die Branche exportierte 2014 Chemikalien und Medikamente im Wert von 2,7 Mrd. EUR an den Zuckerhut. Das waren fast 7% weniger als ein Jahr zuvor. Die deutsche Chemie hat darüber hinaus viele Produktions- und Vertriebsstätten in Brasilien. Insgesamt sind 40 Tochtergesellschaften deutscher Chemieunternehmen dort aktiv. Zusammen erwirtschafteten sie einen Umsatz von rund 9,2 Mrd. EUR und beschäftigten 21.000 Mitarbeiter (2013). Noch liegen keine Zahlen für 2014 vor. Es dürfte aber im vergangenen Jahr auch bei den Tochtergesellschaften zu deutlichen Umsatzrückgängen gekommen sein. Der Umsatz aller in Brasilien tätigen Chemieunternehmen sank 2014 um 4,5%.

Ausblick: Abwärtsspirale setzt sich fort

Eine auf Protektionismus ausgerichtete Wirtschaftspolitik verhinderte bisher eine Stabilisierung und Erholung der brasilianischen Wirtschaft. Ein Reformpaket soll nun die Rahmenbedingungen für die Investitionen der Unternehmen verbessern. Es wird jedoch bislang im Parlament blockiert.

Vor diesem Hintergrund muss man davon ausgehen, dass die brasilianische Wirtschaft in diesem Jahr um rund 2,5% schrumpft. Insbesondere in der Industrie und der Bauwirtschaft muss mit einer weiteren Drosselung der Produktion gerechnet werden. Entsprechend unvorteilhaft sind die Perspektiven für das Chemiegeschäft. Für das laufende Jahr rechnet der VCI mit einem Rückgang der brasilianischen Chemieproduktion um 5,5%. Über kurz oder lang dürfte sich aber der eingeleitete Konsolidierungskurs und die Bekämpfung der Korruption auszahlen. Langfristig hat Brasilien ein solides Wachstumspotenzial. Gute Nachrichten auch für die deutsche Chemie, die in Brasilien derzeit einen Marktanteil von knapp 8% aufweist.

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