Chemiekonjunktur – Licht und Schatten in den Abnehmerbranchen der Chemie

Der Produktionseinbruch in der Automobilindustrie belastet die Chemiebranche und ihre Kundenindustrien

  • Während die deutsche Automobilproduktion in den ersten acht Monaten des Jahres um 12 % sank, arbeitet die Bauindustrie arbeitet derzeit an ihrer Kapazitätsgrenze.  © hxdyl/ShutterstockWährend die deutsche Automobilproduktion in den ersten acht Monaten des Jahres um 12 % sank, arbeitet die Bauindustrie arbeitet derzeit an ihrer Kapazitätsgrenze. © hxdyl/Shutterstock
  • Während die deutsche Automobilproduktion in den ersten acht Monaten des Jahres um 12 % sank, arbeitet die Bauindustrie arbeitet derzeit an ihrer Kapazitätsgrenze.  © hxdyl/Shutterstock
  • „Einziger Lichtblick ist die Bauindustrie.  Mit ihrem kräftigen Produktionsplus von 6 % stützt sie die Chemienachfrage in diesem Jahr.“ Henrik Meincke, Chevolkswirt, VCI
  • Grafik 1: Absatz der Chemie- und Pharmabranche an andere Industriebranchen. ©CHEManager
  • Grafik 2: Deutsche Produktion von Kunststoffwaren. ©CHEManager
  • Grafik 3: Deutsche Bauproduktion. ©CHEManager
  • Grafik 4: Herstellung von Metallerzeugnissen in Deutschland. ©CHEManager
  • Grafik 5: Deutsche Automobilproduktion. ©CHEManager
Die Stimmung in den deutschen Chemieunternehmen ist gekippt. Mittlerweile zeigt sich kaum ein Unternehmen mit der aktuellen Geschäftslage zufrieden. Im In- und Ausland halten sich die Kunden mit ihren Chemikalienbestellungen zurück. Immer mehr industrielle Kunden drosseln ihre Produktion. Die deutsche und europäische Industrie befindet sich im Abschwung. Und eine rasche Besserung ist nicht in Sicht. Geopolitische Risiken, wie die Eskalation im Handelsstreit der USA mit China, die Turbulenzen um den bevorstehenden Brexit sowie eine drohende Eskalation am Persischen Golf verunsichern die Unternehmen zusätzlich. Besonders kritisch beobachtet die Branche die jüngste Ölpreisentwicklung. 

Die deutsche Automobilproduktion ist
fast 12 % niedriger als ein Jahr zuvor.

Während in Europa insgesamt der Abschwung des verarbeitenden Gewerbes mit -0,3 % ggü. Vj. noch mild ausfällt, befindet sich die deutsche Industrie kräftig in der Rezession. In Deutschland lag die Industrieproduktion in den ersten acht Monaten des Jahres knapp 4 % niedriger als ein Jahr zuvor. Mit Ausnahme der konsumnahen Wirtschaftszweige, wie bspw. dem Ernährungsgewerbe, rutschten alle Branchen ins Minus. Einziger Lichtblick ist die Bauindustrie. Dieser für das Chemiegeschäft wichtige Absatzmarkt wuchs im bisherigen Jahresverlauf um 7,4 %. Allerdings verzeichneten die anderen chemieintensiven Branchen (Grafik 1) deutliche Produktionsrückgänge.

Kunststoffverarbeitung drosselt die Produktion 

Die wichtigste Kundenindustrie der Chemie in Deutschland – die Herstellung von Kunststoffprodukten – musste im bisherigen Jahresverlauf einen Produktionsrückgang verkraften. Bereits im vergangenen Jahr drosselten die 3.000 Hersteller von Kunststofferzeugnissen nach starkem Jahresbeginn ihre Produktion (Grafik 2). Im laufenden Jahr setzte sich der Rückgang beschleunigt fort. In den ersten acht Monaten sank die Produktion insgesamt um mehr als 2 %. Die Subsektoren – Verpackungen, Bau, technische Teile und Konsumprodukte – entwickelten sich uneinheitlich.

Die Nachfrage nach baunahen Kunststoffprodukten legte zu, Verpackungen und andere konsumnahe Verwendungen blieben stabil. Aber bei technischen Kunststoffteilen für andere Wirtschaftszweige, insbesondere für die Automobilindustrie, gab die Nachfrage deutlich nach.

Baukonjunktur weiter im Aufwind

Der zweitwichtigste gewerbliche Absatzmarkt der Chemie boomt. In der Bauwirtschaft werden 14 % der Chemieproduktion abgesetzt. Niedrige Zinsen, vermehrte Zuwanderung und ein Anstieg der öffentlichen Investitionen befeuerten weiterhin die Bautätigkeit. Im ersten Halbjahr nahm die Produktion des Bauhauptgewerbes kumuliert um mehr als 7 % zu (Grafik 3). Zwar expandierte das öffentliche Bauwesen weniger stark als die private Bautätigkeit. Aber die sehr hohe Dynamik im Wohnungsbau und dem Wirtschaftsbau führte zu einer positiven Einschätzung der Geschäftslage durch die Unternehmen der Bauindustrie. Allerdings stellt sich der Mangel an Fachkräften zunehmend als Hindernis für ein zügiges Abarbeiten des hohen Auftragsbestandes heraus. Die Bauindustrie arbeitet derzeit an der Kapazitätsgrenze.

„Die Bauindustrie arbeitet derzeit
an der Kapazitätsgrenze.“   

Metallindustrie leidet unter Strafzöllen und Autokonjunktur

Die drittgrößte Kundenindustrie – die Metallerzeugung und -verarbeitung – erlebt weiterhin turbulente Zeiten. Seit dem Ablauf der temporären Ausnahmeregelung für die EU greifen seit Juni 2018 die Importzölle der USA auf Stahl und Aluminium auch für europäische Hersteller. Seither erheben die USA auf Einfuhren von Stahl und Aluminium aus der EU Zölle von 25 % bei Stahl und von 10 % auf Aluminium. Seit Mitte 2018 haben die deutschen Erzeuger ihre Produktion gedrosselt. Das weitaus größere Problem für die Metallindustrie ist jedoch die schwache Automobilkonjunktur. Seit Jahresbeginn 2019 gab daher die Produktion von Metallerzeugnissen um mehr als 2 % nach (Grafik 4). Damit war auch die Chemienachfrage aus dieser Branche rückläufig.

Produktionseinbruch in der Automobilindustrie

Mitte des Jahres 2018 begann die deutsche Automobilindustrie damit, ihre Produktion kräftig zurückzufahren (Grafik 5). Die Fahrzeugnachfrage im In- und Ausland gab angesichts rückläufiger Neuzulassungen auf vielen Märkten nach. Hinzu kamen die Auswirkungen der Dieselaffäre und Schwierigkeiten mit den neuen Standards bei den Testverfahren. Die Hoffnungen, dass die Branche die Probleme in den Griff bekommen würde, haben sich nicht erfüllt. Die Talfahrt setzte sich im bisherigen Jahresverlauf fort. In den ersten acht Monaten des Jahres lag die deutsche Automobilproduktion laut amtlicher Statistik fast 12 % niedriger als ein Jahr zuvor. Ob mittlerweile die Talsohle erreicht wurde, bleibt abzuwarten. Unter dem Strich belastet die Automobilkonjunktur derzeit das Chemiegeschäft. Denn der Wirtschaftszweig ist ein wichtiger Kunde. Rund 8 % des Absatzes gehen direkt an Kunden der Automobilbranche. Tatsächlich ist die Bedeutung sogar deutlich höher, denn viele Verkäufe an die Hersteller von Kunststofferzeugnissen findet man später im Fahrzeug wieder.

Produktionsminus auch bei Papier, Möbeln und im Druckgewerbe

Die Möbelindustrie in Deutschland ist eine wichtige Abnehmerindustrie für die Chemie. Gemeinsam mit der Holzindustrie kaufen die Produzenten von Möbeln 9 % der Chemieprodukte im Inland. Auf die Papier- und Druckindustrie entfallen weitere 6 % des inländischen Absatzes. Diese wichtigen Kundenbranchen haben im bisherigen Jahresverlauf ihre Produktion um mehr als 2 % gedrosselt. Entsprechend schwach entwickelte sich die Chemienachfrage.
Ausblick: Keine Besserung in Sicht
 Im bisherigen Jahresverlauf mussten – mit Ausnahme der Bauindustrie – fast alle Kundenindustrien ihre Produktion drosseln. Die bisher vorliegenden Zahlen für das dritte Quartal deuten zudem daraufhin, dass sich der Abwärtstrend weiter fortsetzen wird. Die Talsohle der Chemienachfrage dürfte also noch nicht ganz erreicht sein.
Insgesamt rechnet der VCI für 2019 mit einem Rückgang der Industrieproduktion um mehr als 3 %. Die Automobilindustrie wird voraussichtlich um 9 % sinken. Die Metallindustrie und die Kunststoffverarbeitung werden ihre Produktion um 2,5 % drosseln. In der Möbel­industrie, im Druckgewerbe und in der Papierherstellung sieht es nur unwesentlich besser aus. Auch hier werden in diesem Jahr Produktionsrückgänge verbucht werden müssen. Entsprechend kräftig dürfte die Nachfrage nach Chemikalien zurückgehen. Einziger Lichtblick ist die Bauindustrie. Mit ihrem kräftigen Produktionsplus von 6 % stützt sie die Chemienachfrage in diesem Jahr, so dass die Chemieunternehmen (ohne Pharma) ihre Produktion im Gesamtjahr nur um 1,5 % zurückfahren müssen. Bei steigenden Chemikalienpreisen kann der Umsatz nahezu konstant gehalten werden.
 
ZUR PERSON

Henrik Meincke ist Chefvolkswirt beim Verband der Chemischen Industrie. Er ist seit dem Jahr 2000 für den Branchenverband tätig. Meincke begann seine berufliche Laufbahn am Freiburger Materialforschungszentrum. Der promovierte Chemiker und Diplom-Volkswirt studierte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.


 

 

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