Chemiekonjunktur – Wachstum der US-Chemie hält an

Chemiebranche in den USA erwartet ein Produktionswachstum von 3 % für 2016

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Seit einigen Jahren blickt Europas Wirtschaft neidisch auf die Vereinigten Staaten. Das gilt besonders für die Chemieindustrie. Die US-Wirtschaft hat sich nach der Weltwirtschaftskrise rasch und dynamisch erholt. Den rasanten Aufschwung verdankte das Land seiner expansiven Geld- und Fiskalpolitik, seinen neuen Energiequellen Schiefergas und Schieferöl, die einen Investitionsboom und eine Re-Industrialisierung auslösten, sowie der ungebrochenen Bereitschaft internationaler Kreditgeber, weiterhin das Leistungsbilanzdefizit und die wachsende Verschuldung zu finanzieren. Mittlerweile scheint sich der Aufschwung verstetigt zu haben, so dass die fiskalpolitischen Zügel allmählich angezogen werden. Auch die Geldpolitik wird restriktiver. Die USA-Notenbank (Fed) hat begonnen, die Zinsen in kleinen Schritten anzuheben.

Mittlerweile gehören die Vereinigten Staaten zu den Top-Adressen für die Chemiebranche. Niedrige Energie- und Rohstoffkosten haben einen Investitionsboom in der Grundstoffchemie ausgelöst. Seit 2008 hat sich das Investitionsbudget der US-Chemie nahezu verdoppelt. Unterstützt wird der Trend durch ein stabiles gesamtwirtschaftliches Wachstum. Im vergangenen Jahr ist die US-Wirtschaft um 2,4 % gewachsen. Die Industrieproduktion legte um knapp 2 % zu. Besonders stark fiel das Wachstum in der Automobilindustrie aus (7 %). Die Chemie- und Pharmaproduktion stieg 2015 um 3,4 % (Grafik 1).

Bei genauerer Betrachtung zeigen sich aber beim Jahresverlauf 2015 erste Bremsspuren. Die Abwertung zahlreicher Währungen gegenüber dem Dollar machte der US-Wirtschaft zunehmend zu schaffen, zumal die weltwirtschaftliche Dynamik wegen der konjunkturellen Schwächephase vieler Schwellenländer insgesamt niedrig blieb. Hinzu kam der Preisverfall beim Öl, der die amerikanische Mineralölindustrie zwang, die Investitionen zu drosseln. Die Auswirkungen dieser Effekte werden sich in der Jahresbilanz 2016 der US-Wirtschaft niederschlagen. Zwar dürfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) erneut um rund 2,5 % zulegen. Die Industrieproduktion wird sich allerdings voraussichtlich nur um 1,6 % ausweiten.

Das Wachstum der Automobilindustrie dürfte sich sogar halbieren. In der Chemieindustrie schwächt sich das Wachstum hingegen kaum ab.

Chemieproduktion nach wie vor unter Vorkrisenniveau

Die US-Chemie brauchte lange, um sich von den Folgen der Weltwirtschaftskrise zu erholen. Erst zu Beginn des Jahres 2014 setzte der Aufwärtstrend ein. In den folgenden zwei Jahren legte die Produktion wieder kräftig zu. (Grafik 2). Dennoch bleibt das Vorkrisenniveau noch in weiter Ferne. Das hat mehrere Gründe: Zum einem wurden Teile der Pharmaproduktion ins Ausland verlagert. Erst seit 2014 wuchs die US-Pharmaproduktion wieder. Aber auch die Grundstoffchemie ist nach wie vor weit vom Vorkrisenniveau entfernt. Viele Produktionsanlagen waren nach einem Jahrzehnt der Investitionsschwäche marode geworden. Sie wurden im Zuge der Weltwirtschaftskrise stillgelegt. Der im Jahr 2011 beginnende Schiefergas-Boom führte zwar zum Aufbau umfangreicher Chemieanlagen in der Petrochemie. Neue Anlagen und Kapazitätsstilllegungen hielten sich jedoch bis zum Jahr 2014 in etwa die Waage. Seitdem geht es in der amerikanischen Grundstoffchemie aufwärts. Auch die Kapazitätsauslastung legte zu. Sie stieg 2015 um 2,3 Prozentpunkte auf 74,3 %.

Basischemie im Aufwind

Die Grundstoffchemie hat mittlerweile ihre Schwächephase überwunden (Grafik 3). Mehr und mehr neue Anlagen gehen ans Netz. Demzufolge stieg die Produktion im Jahr 2015 kräftig. Die Produktion von anorganischen Grundstoffen legte um 3,2 % zu und die Ausbringungsmenge der Petrochemie stieg um 2,8 %. Lediglich die Polymerproduktion hinkte etwas hinterher. Der starke Dollar machte den Unternehmen dieser Sparte zu schaffen. Insgesamt ist die Dynamik in der Basischemie jedoch hoch. Die Rahmenbedingungen sind nach wie vor gut. Niedrige Energie- und Rohstoffkosten sowie eine stabile Inlandsnachfrage sorgen weiterhin für gute Aussichten in der Basischemie. Demgegenüber konnten die Hersteller von Spezialchemikalien im vergangenen Jahr nicht mehr so stark vom Aufwärtstrend der US-Industrie profitieren, wie in den vorangegangenen Jahren. Auch hier dämpfte der starke Dollar das Geschäft. Die Produktion der Sparte stieg lediglich um 2 %. In der Pharmasparte setzte sich der Aufwärtstrend des Vorjahres fort (3,1 %). Spitzenreiter unter den Chemiesparten waren die Konsumchemikalien. Die Hersteller weiteten ihre Produktion im vergangenen Jahr um 8,7 % aus.

Sinkende Erzeugerpreise

Obwohl sich die Rohstoffbasis der US-Chemie mit dem Schiefergas-Boom im Jahr 2011 erheblich verbilligte und die Erdgaspreise seither nahezu konstant blieben, stiegen in den USA die Preise für chemisch-pharmazeutische Produkte bis zum September 2014. Mit Einbruch der Ölpreise in der zweiten Jahreshälfte 2014 gaben die Chemikalienpreise in den USA jedoch deutlich nach. Auch im Jahr 2015 sanken die Chemikalienpreise (Grafik 4). Im Gesamtjahr waren amerikanische Chemikalien durchschnittlich 1,6 % günstiger als ein Jahr zuvor. Vor allem der starke Dollar und das Abschmelzen des Wettbewerbsvorteils der gasbasierten US-Chemie gegenüber der ölbasierten Konkurrenz zwangen die Unternehmen gegenüber den Kunden zu Preiszugeständnissen. Dies drückte jedoch kaum auf die Gewinnmargen.

Jobaufbau hält an

Dass die US-Chemie insgesamt auf einem Wachstumspfad ist, zeigt sich auch in den Belegschaftszahlen. Seit 2011 steigen die Mitarbeiterzahlen. Im Gesamtjahr 2015 arbeiteten 812.100 Menschen für die US-Chemie, rund 1,2 % mehr als im Vorjahr. Trotz der Zuwächse der vergangenen Jahre liegt die aktuelle Mitarbeiterzahl aber immer noch rund 50.000 Mitarbeiter niedriger als vor Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2007.

Aufwärtstrend schwächt sich kaum ab

Die Stimmung in der amerikanischen Chemieindustrie ist nach wie vor gut. Angesichts niedriger Rohstoffkosten und eines stabilen Aufschwungs klingelt weiterhin die Kasse. Dennoch haben sich die Geschäftsaussichten zuletzt etwas eingetrübt. Der starke Dollar, niedrige Ölpreise und eine geringe weltwirtschaftliche Dynamik werden auch an der US-Chemie nicht spurlos vorrübergehen. Die inländische Nachfrage nach Chemikalien dürfte angesichts der abnehmenden Dynamik in der amerikanischen Industrie im Jahr 2016 nur noch leicht zulegen. Gleichzeitig werden weitere Produktionskapazitäten ans Netz gehen – besonders in der Basischemie. Angesichts der nach wie vor hohen Gewinnmargen werden diese Anlagen auch hochgefahren, so dass sich Chemieproduktion – ohne die Pharmasparte – erneut um mehr als 3 % erhöhen dürfte. Diese Angebotsausweitung wird aber zu sinkenden Chemikalienpreisen führen. Demzufolge sollten die Gewinnmargen zwar leicht unter Druck geraten, dies sollte aber durch das positive Mengengeschäft überkompensiert werden. Die Gewinne der US-Chemie werden daher auch 2016 sprudeln.

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