Chemiekonzerne setzen weiter auf China

Das Reich der Mitte dürfte bald für die Hälfte der globalen Chemieproduktion verantwortlich sein

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  • Im Geschäftsklimaindex der Weltbank arbeitet sich China seit einigen Jahren kontinuierlich nach vorn.
  • Kai Pflug,  Management Consulting – Chemicals
Chinas Wirtschaftswachstum betrug im 3. Quartal 2019 noch 6,0 %, die niedrigste Rate seit 1992. Für dieses niedrige Wachstum gibt es verschiedene Gründe, u.a. den andauernden Handelskonflikt mit den USA und die Abschwächung der Automobilnachfrage. Für die chemische Industrie kommt als weiterer Unsicherheitsfaktor die Verschärfung der Umweltgesetzgebung hinzu, der zumindest auf kürzere Sicht eher negativen Einfluss hat.

In dieser Situation sollten ausländische Investitionen im chinesischen Chemiesektor eigentlich zurückgehen. Stattdessen haben verschiedene Chemieunternehmen massive Projekte angekündigt:

BASF wird am Standort Nanjing in dem Joint Venture mit Sinopec einen zweiten Cracker und weitere Anlagen mit einem Gesamtvolumen von ungefähr 4 Mrd. USD hinzufügen.
Eine noch größere Investition von etwa 10 Mrd. USD plant die BASF in Zhanjiang in der Provinz Guangdong. Dieses Projekt wurde gerade im November 2019 offiziell gestartet. An diesem neuen Verbundstandort sollen zunächst technische Kunststoffe und TPU produziert werden. Später sollen ein Cracker mit einer Kapazität von einer Millionen Tonnen Ethylen sowie mehr als 30 Produktionseinheiten für chemische Folgeprodukte hinzukommen.
 
„Verbessertes Geschäftsklima, großer Binnenmarkt und Großinvestitionen
machen China zum modernsten Produktions­standort für Chemikalien."
 
ExxonMobil unterzeichnete im September 2018 einen Kooperationsvertrag mit der Provinz Guangdong. Gegenstand sind der Bau eines Ethylencrackers mit einem jährlichen Produktionsvolumen von 1.2 Mio. t sowie verschiedene Polyethylen- und Polypropylen-Einheiten im geschätzten Investitionsvolumen von 10 Mrd. USD.
LyondellBasell vereinbarte im September 2019 eine Absichtserklärung für ein 50:50 Joint Venture mit der chinesischen Bora Enterprise Group. Es geht um einen petrochemischen Komplex in Chinas Nordosten mit den geplanten Produkten Polyethylen (800 t/a), Polypropylen (600 t/a) und Styrol (350 t/a) und einem geschätzten Investitionsvolumen von 12 Mrd.

USD.

Solvay gab kürzlich die Erweiterung des Forschungszentrums in Shanghai sowie der Produktion von technischen Kunststoffen in China bekannt. Ilham Kadri, Solvays CEO, betonte die Bedeutung Chinas für das Unternehmen: “Obwohl sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt hat, hat China noch großes Wachstumspotenzial … Es wird von Jahr zu Jahr einfacher, in China Geschäft zu betreiben”. In Anbetracht der eingangs beschriebenen Situation mögen diese Investitionen als unverständlich erscheinen. Sie folgen aber einer klaren Rationale.
 

Gründe für Investitionen in China

BASF erwartet einen Anstieg des chinesischen Anteils am globalen Chemiemarkt von den derzeitigen etwa 40% auf 50% im Jahr 2030. Allerdings betrug Chinas Anteil an den weltweiten Beschäftigten bei BASF im Jahr 2018 nur etwas über 7%, und der Umsatzanteil lag bei 11.6%. Gemessen an dem Anspruch, ein wirklich globaler Spieler zu sein, ist die BASF also in China immer noch deutlich unterrepräsentiert. 
Ein weiterer Grund für die Investitionsentscheidung der BASF ist eine Gesetzesänderung. Petrochemische Anlagen in China können seit kurzem zu 100% von Ausländern betrieben werden (vorher waren nur Joint Ventures mit Inlandsunternehmen erlaubt). Nach den Aussagen von BASF-CEO Martin Brudermüller erlaubt dies schnellere Entscheidungen und mindert die Angst, modernste Technologie in China einzusetzen.
ExxonMobil begründet seine Investition mit steigender Nachfrage nach Chemikalien in China. In der Tat ist das Wirtschaftswachstum von 6.0 % im dritten Quartal 2019 – wenngleich niedrig für China – immer noch deutlich höher als das im selben Zeitraum in den USA (1.9 %) oder der Euro-Zone (0.2 %) erzielte Wachstum. ExxonMobil betont in einer Presseerklärung auch die Übereinstimmung des Investitionsprojekts mit Chinas nationalen Zielen.
Bob Patel, der CEO von LyondellBasell, gab eine prägnante Begründung für die geplante Investition seines Unternehmens in China: “China ist der größte und am schnellsten wachsende Markt für unsere Kernprodukte”.
Ein weiterer wahrscheinlicher Grund für die Investitionen dieser Chemieunternehmen in China ist das starke Wachstum Chinas in besonders wichtigen Chemiemärkten wie Automobilbau, Elektronik und Elektromobilität. Auf Basis der derzeitigen Entwicklungen und der Größe des Marktes ist es nicht unwahrscheinlich, dass China in Zukunft der wichtigste globale Markt für diese Segmente sein wird. Führende Chemieunternehmen müssen natürlich bemüht sein, weiterhin zu den Zulieferern dieser Märkte zu gehören.

Weitere Verbesserung für Auslandsinvestitionen

Darüber hinaus wird es – wie schon von Solvay betont – immer einfacher, Geschäfte in China abzuwickeln. Im Geschäftsklimaindex der Weltbank arbeitet sich China seit einigen Jahren kontinuierlich nach vorn. Allein vom Jahr 2017 zum Jahr 2019 verbesserte sich das Reich der Mitte von Rang 78 auf Rang 31 und wurde darüber hinaus von der Weltbank im Jahr 2019 in der Liste der zehn Länder mit am deutlichsten verbesserten Ergebnissen aufgeführt.
Martin Raiser, der Direktor der Weltbank für China, kommentiert: “China hat umfassende Anstrengungen unternommen, um das inländische Geschäftsklima zu verbessern … Für verschiedene Indikatoren wurden deutliche Fortschritte erzielt”. In der Tat ist Chinas Position (31) inzwischen besser als die Frankreichs (32), der Schweiz (36), der Niederlande (42), Belgiens (46), Indiens (63) und Vietnams (70). Durch das Anfang 2020 in China in Kraft tretende Foreign Investment Law ist eine weitere Verbesserung der Situation für Auslandsinvestitionen zu erwarten.

Vergleich China – Indien

Warum investieren multinationale Chemieunternehmen nicht im selben Umfang in Indien, obwohl auch dort die Chemieindustrie hohe Wachstumsraten aufweist? Es gibt einen sehr einfachen Grund. Indiens Chemiemarkt ist mit 101 Mrd. EUR (2017) sehr viel kleiner als Chinas (1.293 Mrd. EUR) – das sind im Vergleich gerade einmal 8 %. Natürlich hat Indien ein hohes Wachstums­potenzial. Kürzlich bemerkte der indische Minister für Chemie und Düngemittel, Sadananda Gowda, der Sektor könne bis zum Jahr 2024 auf 270 Mrd. EUR anwachsen. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste zwischen 2017 und 2024 allerdings ein jährliches Wachstum von etwa 15 % erreicht werden, was etwas optimistisch erscheint. Und selbst wenn dieses Ziel erreicht würde, läge die Größe des indischen Chemiemarktes im Jahr 2024 nur bei etwa 20 % des chinesischen Marktes im Jahr 2017.
Das verbesserte Geschäftsklima, der große Binnenmarkt und die gerade angekündigten Großinvestitionen machen es wahrscheinlich, dass China der modernste und kostengünstigste Produktionsstandort für Chemikalien sein wird. Es erscheint daher zweifelhaft, dass irgendein globales Chemieunternehmen es sich leisten kann, nicht substanziell in China präsent zu sein – dem Land, das nach der Einschätzung der BASF bald für die Hälfte der globalen Chemieproduktion verantwortlich sein wird.
 

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