CHEMonitor - Krise ohne Wirkung?

Deutsche Chemiemanager reagieren gelassen auf zunehmende Risiken durch den Russland-Ukraine-Konflikt

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  • „Der Russland-Ukraine-Konflikt betrifft eher große exportorientierte Chemieunternehmen – und diese in begrenztem Rahmen.“ Dr. Sven Mandewirth, Camelot Management Consultants
  • „Angesichts fallender Ölpreise überwiegen für deutsche Chemieunternehmen die positiven Signale.“  Dr. Josef Packowski, Camelot Management Consultants
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Trotz Russland-Konflikt, steigender Währungsrisiken und US-Schiefergas-Boom - zum Jahresbeginn war die Stimmung unter deutschen Chemiemanagern so gut wie seit langem nicht mehr. Acht von zehn Branchenexperten bewerteten den Standort Deutschland positiv. Rund zwei Drittel erwarten eine positive Entwicklung bei Umsatz und Ergebnis in den kommenden zwölf Monaten. Dies ergab die CHEMonitor-Umfrage vom Januar 2015.

„Angesichts fallender Ölpreise, des sinkenden Eurokurses und einer sehr robusten Inlandskonjunktur überwiegen für deutsche Chemieunternehmen die positiven Signale", fasst Dr. Josef Packowski, Managing Partner bei Camelot Management Consultants, die Ergebnisse der CHEMonitor-Umfrage zur Attraktivität des Standorts zusammen. Für das Trendbarometer von CHEManager und der Strategie- und Organisationsberatung Camelot Management Consultants werden regelmäßig über 200 Entscheider der deutschen Chemieindustrie befragt.

Bei der aktuellen Befragung zum Jahresbeginn 2015 stieg der Anteil der Branchenexperten, die den Standort Deutschland positiv bewerten, erstmals seit Oktober 2013 wieder an: 81% der Befragten beurteilen die Standortbedingungen in Deutschland mit „gut" oder „sehr gut" (Grafik 1), 11% mehr als bei der Befragung vom Mai 2013.

Die Analyse einzelner Standortfaktoren ergab, dass rund neun von zehn Managern in der chemischen Industrie die Qualität von Forschung und Entwicklung sowie die Qualifikation von Arbeitnehmern in Deutschland positiv bewerten (Grafik 2). Unter zunehmender Kritik (+10 Prozentpunkte im Vergleich zum Oktober 2014) stehen dagegen die Arbeitskosten. Auch in Bezug auf Unternehmensbesteuerung und Energiekosten schneidet der Standort Deutschland schlecht ab.

Nichtsdestotrotz sieht sich die deutsche Chemie am internationalen Markt gut aufgestellt. Dies belegt u.a. die Einschätzung der wirtschaftlichen Auswirkungen des Russland-Konflikts auf die Chemiebranche durch das CHEMonitor-Panel - ein Thema, das bei der Befragung von Dezember 2014 bis Januar 2015 detailliert untersucht wurde.

Chemiemanager unterstützen Sanktionen gegen Russland

Russland gehörte lange Zeit zu den am schnellsten wachsenden Auslandsmärkten der deutschen Wirtschaft.

Bis 2012 legten die Ausfuhren dorthin um bis zu 31% jährlich zu. Davon profitierte auch die deutsche Chemieindustrie. Sie exportierte 2013 Waren im Wert von 5,2 Mrd. EUR nach Russland, etwa 3% der deutschen Chemieexporte. Umgekehrt kam unter 1% der deutschen Chemieimporte aus Russland. Die deutsche Chemiehandelsbilanz mit Russland war somit deutlich positiv. Seit Beginn des vergangenen Jahres verschlechterten sich die Handelsbeziehungen zu Russland. Allein im ersten Halbjahr 2014 gingen die Chemieexporte um 13% zurück. Zudem verzichteten viele Unternehmen aufgrund der angespannten deutsch-russischen Beziehungen seit Monaten auf gemeinsame Projekte. Zuletzt sagte BASF Mitte Dezember einen milliardenschweren und bereits seit langem geplanten Asset-Tausch mit dem russischen Gaskonzern Gazprom ab.

Trotz negativer Einflüsse auf die Geschäftsbeziehungen mit Russland befürwortete im Januar 2015 ein Großteil der befragten Chemiemanager (69%) die Sanktionen der EU und der USA gegen Russland (Grafik 3). Dabei lag der Anteil der Befürworter aus mittelständischen Unternehmen mit 73% deutlich höher als bei Managern aus Konzernen mit über 500 Mitarbeitern (52%). „Sanktionen sind aus Sicht der Chemie richtig. Nun muss aber eine politische Lösung gefunden werden", fordert Dr. Henrik Meincke, Chefvolkswirt des Verbands der Chemischen Industrie, und teilt damit die Meinung der Mehrheit der Branchenexperten. Acht von zehn Befragten antworteten, die Sanktionen griffen und sollten nicht verstärkt werden. Davor warnt auch Werner Wenning, Aufsichtsratschef bei Bayer und Mitglied des Aufsichtsrats bei Henkel: Man dürfe die Beziehungen nach Moskau jetzt nicht abschneiden. „Wir können nicht bei jedem Umsturz die Maschinen mitnehmen, das Land verlassen und sagen: Wir kommen wieder, wenn ihr unserem Verständnis von Demokratie entsprecht", sagte Wenning in einem Interview gegen über der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Ende Dezember.

Russland-Konflikt belastet Kundenindustrien der Chemie

Die Kritik der Chemiemanager an den Sanktionen resultiert weniger aus der Sorge um das eigene Unternehmen. Über drei Viertel der Umfrageteilnehmer erwarten keine Auswirkungen auf die Versorgung mit Öl und Gas oder anderen Rohstoffen sowie den Unternehmensumsatz im Inland (Grafik 4a). Zwar rechnet die Hälfte der Chemiemanager mit Umsatzeinbußen im eigenen Russland-Geschäft, doch nur ein Drittel der befragten CHEMonitor-Panelmitglieder sagen kurz- oder langfristige negative Auswirkungen durch den Russland-Konflikt auf das eigene Unternehmen voraus (Grafik 4). „Der Russland-Ukraine-Konflikt betrifft eher große exportorientierte Chemieunternehmen - und die im in begrenztem Rahmen", kommentiert Dr. Sven Mandewirth, Partner und Leiter des Industriesegments Chemie bei Camelot Management Consultants, das Befragungsergebnis.

Auch wenn viele Chemieunternehmen direkt kaum betroffen sind, trübt die Russland-Krise und der stark sinkende Kurs des Rubels die Geschäftsaussichten der deutschen Chemie: Zwei Drittel der Chemiemanager erwarten, dass sich der Konflikt kurzfristig negativ auf die Branche auswirkt. Die Hälfte der Befragten rechnet gar mit langfristig negativen Effekten für die deutsche Chemieindustrie, denn wichtige Abnehmerindustrien der Branche zeigen eine stärkere Abhängigkeit vom Russland-Geschäft.

Nachdem 2014 die Ausfuhren der deutschen Wirtschaft nach Russland bereits um rund ein Fünftel gefallen sind, prognostiziert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) für 2015 weitere, milliardenschwere Einbußen: Die Exporte dürften um fast 15% oder knapp 4 Mrd. EUR sinken. Besonders stark betroffen davon werden die Automobilindustrie - ein wichtiger Kunde der Chemie - und der Maschinenbau sein. Der DIHK geht aber auch davon aus, dass die Einbußen im Russland-Geschäft wettgemacht werden können. So habe zwar der Maschinenbau im Vorjahr rund 1,1 Mrd. EUR weniger eingenommen. Dem stehe aber ein Plus bei den Verkäufen in die USA, nach Großbritannien und nach China von 1,8 Mrd. EUR gegenüber.

Russland-Krise ohne Einfluss auf Unternehmensstrategien

Der hohe Grad der Internationalisierung in der Chemiebranche scheint auch zur Unabhängigkeit der deutschen Unternehmen von der Entwicklung in Russland und der Ukraine beizutragen. In der aktuellen CHEMonitor-Befragung sieht ein Großteil der Chemiemanager den Entwicklungen im Russland-Konflikt vermeintlich gelassen entgegen: 61% sehen keinerlei Änderungsbedarf bei der strategischen Ausrichtung des eigenen Unternehmens, ein Drittel beobachtet die Situation und nur 4% denken derzeit über eine Anpassung der eigenen Strategie nach bzw. passen Strategie und Geschäftsmodell bereits an (Grafik 5). Unternehmen, die ihre Strategie überarbeiten, konzentrieren sich dabei insbesondere auf die Förderung von Innovation (64%) und das Wachstum in anderen Regionen (50%) (Grafik 5a).

Einen weitaus größeren Einfluss auf die Strategie von Chemieunternehmen als der Russland-Konflikt (4% der Nennungen) haben der US-Schiefergasboom und die Währungsrisiken in Europa, die jeweils 27% der befragten Chemiemanager als maßgeblich für die eigene Strategieentwicklung nannten (Grafik 6). Während der Einfluss der Währungsrisiken von Managern aus großen Konzern und mittelständischen Unternehmen dabei annähernd gleich bewertet wird, zeigt sich beim Schiefergasboom eine deutliche Abhängigkeit von der Unternehmensgröße: 42% der Chemiemanager aus Großkonzernen sehen ihn als strategierelevant, aber nur 15% der Entscheider in Chemieunternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern. Insgesamt antwortete jedoch mit 41% die Mehrheit der Chemiemanager, dass keines der genannten Risiken sich maßgeblich auf die Entwicklung der eigenen Unternehmensstrategie auswirkt. Dies unterstreicht die gute Aufstellung der Branche und die eingangs beschriebene positive Stimmung der Entscheider in der deutschen Chemieindustrie.

 

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