Europas Chemie zeigt geringe Dynamik

EU-Chemieproduktion wächst im ersten Halbjahr 2019 um 2 %

  • Die Produktion europäischer Chemieländer zeigt ein Wachstumsgefälle von +18 % in Belgien bis -6 % in Deutschland. ©KerdaZz/ShutterstockDie Produktion europäischer Chemieländer zeigt ein Wachstumsgefälle von +18 % in Belgien bis -6 % in Deutschland. ©KerdaZz/Shutterstock
  • Die Produktion europäischer Chemieländer zeigt ein Wachstumsgefälle von +18 % in Belgien bis -6 % in Deutschland. ©KerdaZz/Shutterstock
  • „Die Ölpreise legten an den internationalen Rohstoffbörsen wieder zu. Das entzieht Europa Kaufkraft.“ Henrik Meincke, Chefvolkswirt, VCI
  • Grafik 1: Produktionskennzahlen der europäischen Wirtschaft. Quelle: VCI
  • Grafik 2: Chemieproduktion in der EU (inkl. Pharma). Quelle: VCI
  • Grafik 3: Europäische Chemiepoduktion nach Sparten. Quelle: VCI
  • Grafik 4: Chemiepreise in Europa. Quelle: VCI
  • Grafik 5: Europäische Chemiepoduktion nach Ländern. ©VCI/CHEManager

Die europäische Wirtschaft ist trotz schwierigen weltwirtschaftlichen Umfelds gut ins Jahr 2019 gestartet. In nahezu allen europäischen Volkswirtschaften stieg zu Jahres­beginn die Wirtschaftsleistung, wenn auch mit niedriger Dynamik. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Europäischen Union (EU) stieg von Januar bis März im Vorjahresvergleich um 1,5 %. Besonders niedrig war das Wachstum in Deutschland und Italien. Die Ölpreise legten an den internationalen Rohstoffbörsen wieder zu. Das entzieht Europa Kaufkraft. Hinzu kommen weitere Belastungsfaktoren. Für Unsicherheit sorgt vor allem die protektionistische Handels- und Industriepolitik der USA sowie das Hin und Her beim Brexit. Aber auch die Haltung Chinas ist nicht förderlich: Das Reich der Mitte möchte zwar selbst stark in ausländische Märkte vordringen. Investitionen für ausländische Unternehmen im eigenen Land erschwert China aber weiterhin.

"Die Ölpreise legten an den
internationalen Rohstoffbörsen wieder zu.
Das entzieht Europa Kaufkraft."

Dennoch sind die Aussichten für Europa insgesamt gut. In diesem Jahr rechnet der Verband der Chemischen Industrie (VCI) nur mit einer leichten Abschwächung des Wirtschaftswachstums in der EU auf 1,6 % (Grafik 1). Weniger positiv sehen die Aussichten für die Industrie aus. Hier wirken sich die handelspolitischen Turbulenzen besonders stark aus. Die EU-Industrieproduktion wird in diesem Jahr voraussichtlich nur um 1 % zulegen. Die Verunsicherung der Marktteilnehmer dämpft die Investitionen. Die Produktion von Investitionsgütern wächst nur noch leicht. Die Automobilproduktion dümpelt vor sich hin. Die Wachstumsabschwächung der Industrie bekommen die Chemieunternehmen zu spüren. Die chemisch-pharmazeutische Indus­trie dürfte in diesem Jahr zwar ein Produktionsplus von 2,5 % erreichen. Rechnet man allerdings das Pharmageschäft heraus, so kann die Chemieproduktion nur leicht zulegen.

„Die Produktion europäischer Chemieländer
zeigt ein Wachstumsgefälle von +18 %
in Belgien bis -6 % in Deutschland.“

Chemieproduktion wächst kaum
Die Produktion der europäischen Chemie- und Pharmaindustrie war im vergangenen Jahr volatil.

Nach schwachem Jahresbeginn erfolgte im Sommer ein Zwischenhoch, bevor die Branche im vierten Quartal ihre Produktion deutlich drosselte. Für das Gesamtjahr 2018 stand dennoch ein Zuwachs von 1,9 % zu Buche. Allerdings verdankte die Branche das Wachstum allein dem Pharmageschäft. Die Chemieproduktion ohne Pharma musste hingegen ein leichtes Minus verkraften. Zu Jahresbeginn hellte sich die Lage wieder etwas auf. Im Vergleich zu den vorangegangenen drei Monaten konnten die Unternehmen die Produktion im ersten Quartal um 2 % ausweiten (Grafik 2). Während die Bestellungen aus dem Ausland wieder zulegten, hielten sich europäische Industriekunden mit den Chemikalienbestellungen zurück.

Erste Kennzahlen für das zweite Quartal deuten darauf hin, dass die Dynamik niedrig bleibt. Nach jüngsten Schätzungen konnte die EU-Chemieproduktion im ersten Halbjahr 2019 um rund 2 % zulegen. Allerdings zeigen sich deutliche Unterschiede in den einzelnen Chemiesparten. Das Wachstum verdankt die Branche ausschließlich der Herstellung von anorganischen Grundstoffen und pharmazeutischer Erzeugnisse. Während die Fein- und Spezialchemie ebenso wie die Konsumchemie stagniert, muss die Produktion von Petrochemikalien und Polymeren im Vorjahresvergleich einen deutlichen Rückgang verbuchen. Für das Chemiegeschäft ohne Pharma reicht es im ersten Halbjahr damit nur zu einer Stagnation (Grafik 3).

Chemikalienpreise volatil
Während die Pharmapreise wie schon in den vorangegangenen Jahren 2018 stabil blieben, folgten die Chemikalienpreise den Entwicklungen an den Rohölbörsen. Im Jahresverlauf stiegen die Chemikalienpreise zunächst kräftig, um dann im vierten Quartal deutlich nachzugeben (Grafik 4). Zu Jahresbeginn 2019 setzte sich der Preisverfall zunächst fort. Erst im März konnten die Chemikalienpreise wieder leicht zulegen. Die schwache Nachfrage auf der einen und nur leicht steigende Rohstoffkosten auf der anderen Seite verengten die Preissetzungsspielräume der Unternehmen. Die Erzeugerpreise für chemisch-pharmazeutische Produkte lagen im ersten Quartal 2019 mit einem Minus von 1,3 % unter dem Niveau vom Jahresende 2018. Im Vergleich zum Vorjahresquartal waren Chemikalien aber noch immer um 1 % teurer.
Der Preis für Rohöl erholte sich zwar nach dem starken Einbruch am Jahresende 2018 im Laufe des ersten Quartals wieder. Der Preis­auftrieb blieb aber zunächst moderat. Insgesamt kostete ein Fass Rohöl der Nordseesorte Brent im ersten Quartal durchschnittlich 63 USD und damit noch rund 6 % weniger als in den drei Monaten zuvor.

Große Wachstumsunterschiede in den EU-Ländern
Das Chemiegeschäft verlief zu Jahresbeginn in den europäischen Volkswirtschaften sehr unterschiedlich. Ein Blick auf die Produktion bedeutender europäischer Chemieländer zeigt ein Wachstumsgefälle von +18 % in Belgien bis -6 % in Deutschland. Hierzulande belasten ein Sondereffekt bei Pharmazeutika, die nur zögerliche Normalisierung nach den niedrigen Wasserständen am Rhein und die schwache Automobilkonjunktur das Chemiegeschäft, währen die belgische Grundstoffchemie von der Lage an der Rheinmündung profitieren konnte. In UK legte die Chemieindustrie dank Pharma und Agrochemikalien kräftig zu. In Polen machte sich der Kapazitätsaufbau in einem deutlichen Plus bemerkbar. Die übrigen EU-Länder verzeichneten überwiegend leichte Produk­tionsrückgänge (Grafik 5).

Ausblick: Dynamik bleibt niedrig
Trotz zahlreicher konjunktureller Risiken verlief der Jahresauftakt für die europäische Chemie- und Pharmaindustrie insgesamt erfreulich. Die Branche konnte die Produktion zu Jahresbeginn nach den Rückschlägen der vorangegangenen Monate wieder ausweiten. Dies sollte jedoch nicht als Beginn eines Aufschwungs gewertet werden, sondern ist wohl eher die Normalisierung nach den vorangegangenen Rückgängen. Im ersten Halbjahr blieb die Dynamik insgesamt niedrig. Die Preise legten wegen anziehender Rohstoffpreise wieder leicht zu.
Für die kommenden Monate hoffen die Unternehmen auf eine steigende Nachfrage. In den europäischen Volkswirtschaften dürften die Auftriebskräfte die Oberhand behalten. Aber die Industriekonjunktur verliert weiter an Dynamik. Vor diesem Hintergrund sind im Chemiegeschäft keine großen Sprünge zu erwarten. Dank des guten Pharmageschäftes rechnet der VCI für das Gesamtjahr 2019 für die Branche insgesamt mit einem Anstieg der Chemieproduktion in Höhe von 2,5 %. Rechnet man das Pharmageschäft heraus, kann die Branche nur ein leichtes Produktionsplus von 1 % verbuchen. Angesichts der weltwirtschaftlichen Risiken sind Rückschläge allerdings nicht auszuschließen.


Zur Person
Henrik Meincke
ist Chefvolkswirt beim Verband der Chemischen Industrie. Er ist seit dem Jahr 2000 für den Branchenverband tätig. Meincke begann seine berufliche Laufbahn am Freiburger Materialforschungszentrum. Der promovierte Chemiker und Diplom-Volkswirt studierte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.
 

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