26.09.2018
ThemenLogistik

Blockchain: neue Währung für Vertrauen

Blockchain in der Pharma Supply Chain – nur Hype oder bereits der neue Standard?

  • Die Blockchain-Technologie hat großes Potenzial sagen Camelot Management Consultants. Sie arbeiten deshalb an konkreten Anwendungsfällen für die Pharma Supply Chain. (C) whiteMocca/ShutterstockDie Blockchain-Technologie hat großes Potenzial sagen Camelot Management Consultants. Sie arbeiten deshalb an konkreten Anwendungsfällen für die Pharma Supply Chain. (C) whiteMocca/Shutterstock
  • Die Blockchain-Technologie hat großes Potenzial sagen Camelot Management Consultants. Sie arbeiten deshalb an konkreten Anwendungsfällen für die Pharma Supply Chain. (C) whiteMocca/Shutterstock
  • Andreas Gmür, Partner, Camelot Management Consultants, München: "Jede Art digitaler Information kann Gegenstand des Buchungssystems einer Blockchain sein."
  • Grafik 1: Die drei Säulen der Blockchain-Technologie
  • Grafik 2: Aktuelle Anwendungsfälle in der Pharma Supply Chain

In den Medien wird Blockchain zum Megatrend stilisiert. Erleben wir hier nur einen flüchtigen Hype oder werden die Prozesse der Pharmaindustrie durch Blockchain nachhaltig beeinflusst? Der Beratungsspezialist Camelot Management Consultants sieht in der innovativen Technologie großes Potenzial. Seit über drei Jahren arbeiten die Camelot-Experten an konkreten Anwendungsfällen, vor allem in der Pharma Supply Chain.

Eine Blockchain ist im Grunde ein Buchungssystem, das redundant verteilt auf den Servern, den sog. Knoten, der Teilnehmer betrieben wird. Um welche Art von Buchungen es geht, seien es Finanztranskationen, Bestandsänderungen, etc. ist unerheblich. Jede Art digitaler Information kann Gegenstand des Buchungssystems einer Blockchain sein. Die Gemeinschaft der Teilnehmer einer Blockchain ist auch deren Betreiber. Drittparteien wie Vermittler oder Plattformbetreiber werden nicht mehr benötigt.

Manipulationssicher ist das System aufgrund der Datenverkettung. Die Verkettung entsteht dadurch, dass ein oder mehrere Datensätze einen Block bilden. Von dem Block wird mittels eines kryptografischen Verfahrens eine Signatur berechnet. Jeder Block enthält die Signatur seines Vorgängers. Alle Blöcke sind somit miteinander verflochten. Einen neuen Block zu erzeugen, um Daten abzulegen, ist dabei einfach, das Ändern eines älteren Blocks dagegen unmöglich.

Das Blockchain-Konzept bietet daher drei grundlegende Vorteile:

  • Eine zentrale, vertrauenswürdige und unveränderliche Datenquelle für alle Parteien, mit Transparenz über alle historischen Transaktionen
  • Authentizität der an der Blockchain beteiligten Partner verbunden mit Verschlüsselungskonzepten
  • Möglichkeit, Daten vertrauenswürdig im Sinne eines zuvor abgestimmten Konsenses zu verarbeiten („Smart Contracts“)

Ein System, auf das alle Parteien gleichberechtigt Zugriff haben, kann also die derzeit genutzten Vermittler auf sichere Weise ersetzen. Prozesse lassen sich so stärker automatisieren. In der Folge sinken sowohl die Prozessdauer als auch die Prozesskosten signifikant. Korruption und Datenmissbrauch – bei manuellen Tätigkeiten durch Menschen leicht möglich – sind ausgeschlossen.

In der Pharma Supply Chain lassen sich aktuell diverse Anwendungsszenarien beobachten, die in zahlreichen Pilotprojekten weiterentwickelt und erforscht werden.

Dabei gibt es einige thematische Schwerpunkte (s. Grafik 2).

Blockchain für Herkunftsnachweise und Sendungsverfolgung

Die Sendungsverfolgung im Pharmaumfeld unterliegt besonderen Herausforderungen. Nicht nur die Übergaben müssen sauber dokumentiert werden, sondern auch die Einhaltung der vereinbarten Transportbedingungen, Stichwort Cold Chain. Dabei kommt es vermehrt zum Einsatz von IoT (Internet-of-Things) in Form kleiner Datalogger, welche die unterschiedlichsten Daten (z.B. Geo-Lokationen, Temperaturinformationen, per Lichtsensoren, Luftfeuchtigkeit, Vibration) sammeln und protokollieren. Werden all diese Daten in die Blockchain geschrieben, so können alle berechtigten Parteien in Echtzeit darauf zugreifen.

Produktfälschungen sind ein großes Problem v.a. in Entwicklungsländern. Dabei geht es nicht nur um den entgangenen Umsatz für die Unternehmen, sondern in erster Linie um die Patienten, denen Medikamente mit unwirksamen oder gar schädlichen Substanzen verkauft werden. Die Blockchain ermöglicht es Endverbrauchern, den Packungscode mit dem Handy zu scannen und festzustellen, ob es sich tatsächlich um ein Originalprodukt handelt.

Revisionssicherheit: Auch hier sind die Anforderungen an die Pharmaunternehmen besonders streng. Werden aber alle Schritte von Einkauf über Produktion bis hin zum Vertrieb in der Blockchain dokumentiert, entsteht eine vollständige und revisionssichere Dokumentationskette, die jederzeit von den entsprechenden Behörden einsehbar ist. So kann bspw. der Einsatz von Arzneistoffen und deren Dosierung belegt werden. Spannend wird dies insbesondere für neue Arzneimittel, die z.B. von Apotheken patientenindividuell gemischt werden.

Austausch von Gütern

Der Austausch und die Koordination von Papierdokumenten zwischen verschiedenen Vertragspartnern wie Lieferanten, Frachtspediteuren, Häfen, Handlingsagenten, Frachtführern und Zollbehörden ist nach wie vor ein essentieller sowie zeit- und ressourcenintensiver Faktor heutiger Logistik- und Supply-Chain-Prozesse. Importprozesse insbesondere in Wachstumsmärkten werden dadurch unberechenbar in die Länge gezogen.

Digitalisiert man diese Schritte jedoch, lassen sich die Prozesse und Logistikketten deutlich beschleunigen. Unveränderbarkeit der Dokumente (Herkunftsnachweise, Laboranalysen, Transportpapiere, Eigentumsübergänge, etc.), gesicherte Authentizitäten, gemeinsamer Zugriff und Datenverschlüsselung sind auch hier Anforderungen, die den Einsatz einer Blockchain empfehlen.

Patientenzentrische Dienstleistungen

Durch die Kombination dieser Lösungsansätze ergeben sich neue Möglichkeiten für patientenzentrische Dienstleistungen, die in den letzten Jahren schon intensiv diskutiert wurden. So lassen sich z.B. patientenindividuelle Daten verbinden mit zusätzlichen Beratungsleistungen, Support, Krankenkassenabrechnungen, Planung von persönlichen Behandlungen, Monitoring des Gesundheitszustands und weiteren.

Camelot hat basierend auf der eigenen Blockchain-Lösung „Camelot Hypertrust Platform“ ein Prozess- und IT-Framework entwickelt, das neue patientenindividuelle Therapieformen wie z.B. „CAR-T-Therapien“ unterstützt. Der Patient stellt hier mit seinen eigenen Zellen den Rohstoff für das Heilmittel bereit und ist somit Anfang und Ende der Supply Chain. Die Blockchain-Lösung kombiniert dabei die genannten Vorteile startend mit der Verarbeitung der persönlichen Patientendaten, über die Koordination der Behandlungs- und Produktionstermine, die revisionssichere Nachverfolgung der Transporte bis hin zur sicheren Zurückführung der Zellen zum richtigen Patienten.

Grundsatzfragen

Welche individuellen Vorteile Blockchain für Pharmaunternehmen hat, hängt von verschiedenen Fragestellungen ab, die jedes Unternehmen zunächst für sich beantworten muss, und zwar auf organisatorischer, prozessualer und technischer Ebene.

Typische Aspekte sind zum Beispiel:

  • Welche konkreten Verbesserungen möchte mein Unternehmen erreichen?
  • Welche Prozesse sollte ich in die Blockchain übertragen und wie ist dabei vorzugehen?
  • Welche Daten gehören in die Blockchain und welche sollten Offchain bleiben?
  • Welche Blockchain-Technologie passt zu meiner Supply Chain?
  • Mit welchen Partnern möchte ich auf diesem Gebiet zusammenarbeiten?
  • Was bedeuten die geplanten Schritte für IT und Anwender?

Camelot ist überzeugt, dass Blockchain in der Pharmaindustrie, wo Sicherheit und Vertrauen elementar sind, die Supply Chain und Logistik nachhaltig verändern wird. Sowohl für die Unternehmen als auch die Patienten bietet die Technologie einen großen Mehrwert. Daher ist es aus unserer Sicht jetzt wichtig, sich mit dem Thema und der Technologie vertraut zu machen.

Autor(en)

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Camelot Management Consultants AG (München)
Radlkoferstr. 2
81373 München

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