10.09.2015
ThemenLogistik

Chemielogistik Indien: Sicherheit braucht Vorfahrt

Status Quo der Logistik für die chemische Industrie Indiens, dem weltweit sechstgrößten Chemiemarkt

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  • Avinash Parihar, Go East Advisors India

Indiens Chemiemarkt hat während der internationalen Wirtschaftskrisen eine erstaunliche Stabilität bewiesen. Mehr noch: Er ist sogar gewachsen. Heute rangiert der indische Chemiemarkt mit einem Marktvolumen von über 100 Mio. USD in der globalen Rangliste auf Platz sechs, im asiatischen Raum auf Platz vier. Und das Land hat noch viel vor. Große Chancen für Logistikunternehmen – aber auch große Herausforderungen.

In Asien hat der schlafende Riese zum Überholmanöver angesetzt. Für das nächste Jahrzehnt wird für den Chemiemarkt Indiens ein jährliches zweistelliges Wachstum erwartet. Erreicht werden soll dieses Wachstum einerseits durch die steigende Nachfrage in den Endproduktbereichen in Indien. Aber auch die Exporte sollen dazu mehr als bisher beitragen. Dafür bringt sich die indische Chemieindustrie mit Unterstützung der Politik in Stellung. Derzeit wird unter dem Motto „Make in India“ massiv an der Wettbewerbsfähigkeit gearbeitet und die aktuellen Zahlen sind ein Indiz dafür, dass diese Maßnahmen bereits greifen.

Dank steigender Nachfrage und rasantem Wachstum des indischen Chemiemarktes wächst die Zahl der Produkte und Anbieter in Indien. Dies ist vor allem im Import überproportional zu spüren. Innerhalb der vergangenen sieben Jahre, in denen das mengenmäßige Markvolumen von 19 Mio. MT auf 28 Mio. MT gewachsen ist, verdoppelten sich die Anteile der importierten Chemikalien und Petrochemikalien von 14,5% auf ca. 29%.

Den Transport und die Lagerung dieser Volumina zu bewerkstelligen, zählt zu den großen Herausforderungen des enormen Wachstums, vor allem da die indischen Sicherheits- und Qualitätsstandards noch lange nicht an die internationalen Anforderungen heranreichen. Die Logistikbranche in Indien ist fragmentiert und wird von lokalen Anbietern dominiert. Darüber hinaus ist dieser Sektor von hoher Preissensibilität geprägt und die Reduzierung von Transportkosten geht meist zu Lasten der Sicherheitsstandards. Es wird zu wenig in die Schulung der Mitarbeiter, besonders der Fahrer und Lageristen, der Sicherheit und der Einhaltung von internationalen Normen und Standards investiert.

Im Kontrast dazu stehen die hohen Sicherheitsanforderungen internationaler Chemieunternehmen.

Ihr wachsender Einfluss bringt die Dinge in Bewegung; Sicherheitsstandards werden künftig auch bei indischen Anbietern zum bedeutenden differenzierenden Faktor. Der Logistikmarkt der indischen Chemieindustrie befindet sich im Umbruch. Das enorme Wachstum ist ohne die Einführung und Umsetzung neuer Sicherheits- und Qualitätsstandards nicht zu bewältigen; diese Erkenntnis setzt sich allmählich durch. Vorreiter sind dabei die internationalen Unternehmen, die ihre hohen Maßstäbe auch im indischen Markt umsetzen. Es tut sich etwas.

Die Herausforderungen

  • Sicherheit

Ein sicherer Transport von Gefahrengut quer durch das Land gilt in Indien als eine der größten Herausforderungen. Immer noch ist das Bewusstsein für Sicherheit zu gering ausgeprägt und die Fahrer sind meist unzureichend, wenn überhaupt, geschult. Hinzu kommt: Ein Großteil der Transporte wird von einer Vielzahl kleiner Unternehmen abgewickelt. Gegenüber diesen meist Billiganbietern können sich sicherheits- und qualitätsorientierten Logistikunternehmen nur schwer durchsetzen. Kompromisse bei Qualität, Sicherheit und Service sind an der Tagesordnung.

  • Infrastruktur

Obwohl die Regierung die Entwicklung der Infrastruktur zu einer Hauptaufgabe gemacht hat, konnte der Straßenbau mit der wachsenden Transportnachfrage bislang nicht mithalten. Die Folge: Auf schlecht ausgebauten Straßen ist die Durchschnittsgeschwindigkeit immer noch relativ niedrig und es gibt viele Checkpoints, die die Fahrer zum Anhalten zwingen. Die Folge sind lange Transportzeiten und damit verbunden, höheres Risiko bei gleichzeitig verminderter Produktivität. Hier besteht noch viel Handlungsbedarf. 

Wo man hofft, mit neu ausgebauten Straßen die Gefahrensituation zu verbessern, passiert paradoxerweise genau das Gegenteil: Bessere Straßen verleiten zu höheren Geschwindigkeiten und erhöhen damit besonders im ländlichen Raum die Unfallgefahr. Die Anzahl schwerer LKW-Verkehrsunfälle hat deshalb bereits zugenommen.

  • Lagerung

Auch hier wächst allmählich das Bewusstsein für die spezifischen Anforderungen bei der Lagerung von Chemikalien, dennoch fehlt es an einheitlicher Expertise und einem allgemein verfügbaren Know-how für den Bau von Lagerräumen für Chemikalien – und an der Bereitschaft, zusätzlich in die Sicherheit zu investieren. Einheitliche vom Gesetzgeber vorgegebene Standards könnten hier mehr bewirken.

  • Responsible Care

Gesundheit, Sicherheit und Umwelt sind die wichtigsten und vorrangigsten Themen in der Logistikbranche, vor allem bei Chemikalien. Mit dem Responsible-Care-Ansatz, auch wenn er noch sehr neu ist, hat sich die Chemiebranche eine Verpflichtung auferlegt, mit der um Vertrauen und Zuversicht geworben wird. Eine Sensibilisierung, die offenbar bereits Wirkung zeigt: Internationale Unternehmen, aber auch immer mehr lokale Chemieunternehmen bevorzugen inzwischen immer häufiger Logistikdienstleister mit besseren Sicherheitsvorkehrungen. Das zeigt auch bei lokalen Logistikunternehmen Wirkung und zwingt sie, ihre Sicherheitsvorkehrungen kontinuierlich zu überprüfen und zu verbessern.

  • Logistikcenter

Mit der Einführung einer Waren- und Service-Steuer (die indische Regierung plant die GST ab 1. April 2016 einzuführen) wird eine beträchtliche Umstrukturierung der Lager erwartet. Experten rechnen mit der Entstehung großer multifunktionaler Zentrallager, von denen aus die Verteilung an Produktions- oder den Verbrauchszentren erfolgt. Die ersten dieser Zentrallager und Logistikzentren sind bereits entstanden, jedoch wird viel mehr Know-how und Kapital ausländischer Investoren benötigt, um diese Entwicklung voranzutreiben.Outsourcing

Diese Entwicklung hat in Indien eben erst begonnen und beschränkt sich zunächst darauf, die Bereiche Lagerung und Logistik auszulagern. Die Anpassung von Produktionsprozessen, Fakturierung und Supply-Chain-Management werden als höchste Wertschöpfungsstufen im Unternehmen nur ungern außer Haus vergeben. Zudem fehlen vielerorts noch die Ressourcen, um vollständige Supply-Chain-Lösungen zu etablieren. Mit dem Eintritt internationaler Logistikanbieter haben einige Unternehmen angefangen, zusätzliche Services wie Verpackung, Produktionslinienversorgung und verwandte Aktivitäten zuzukaufen.

Künftig, so die Einschätzung von Marktkennern, werden sich die Unternehmen mehr auf ihre Kerngeschäfte konzentrieren und auch lokale Logistikdienstleister mit Unterstützung internationaler Experten mehr produktspezifisches Know-how entwickeln. Der Outsourcing-Anteil wird steigen.

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