08.09.2017
ThemenLogistik

„Digitalisierung verändert Geschäftsmodelle in der chemischen Industrie“

BVL Forum Chemielogistik 2017 in Ludwigshafen betrachtet Einfluss der Digitalisierung auf die Logistik

  • Zum zweiten Mal ist die BASF in Ludwigshafen Gastgeber des BVL Forums Chemielogistik. Dr. Christoph Wegner, BASF, hielt den einführenden Vortrag. © BVL/BublitzZum zweiten Mal ist die BASF in Ludwigshafen Gastgeber des BVL Forums Chemielogistik. Dr. Christoph Wegner, BASF, hielt den einführenden Vortrag. © BVL/Bublitz
  • Zum zweiten Mal ist die BASF in Ludwigshafen Gastgeber des BVL Forums Chemielogistik. Dr. Christoph Wegner, BASF, hielt den einführenden Vortrag. © BVL/Bublitz
  • Fachlicher Austausch der Forumsteilnehmer; © BVL/Bublitz
  • Robert Schmidkunz, Evonik Industries, sprach zum Thema „Transportrisikoanalyse“. © BVL/Bublitz

Die fortschreitende Digitalisierung hält uns in allen Lebensbereichen fest im Griff –  auch in der Logistik. So stand das diesjährige, fünfte BVL Forum Chemielogistik unter der Überschrift „Digitalisierung – wie verändert sie die Chemielogistik?“. Digitalisierung durchzieht heute nahezu alle Unternehmensbereiche der chemischen Industrie. Dies zeigten die vielschichtigen, interessanten, auch zukunftsweisenden Forums-Vorträge. Sie verdeutlichten das Potential, die Chancen aber auch die möglichen Risiken einer zunehmenden Digitalisierung.

In diesem Jahr hatten sich 223 Teilnehmer zum Forum eingefunden, durch das Prof. Thomas Wimmer, der Vorsitzende der Geschäftsführung der BVL, in gewohnt fachlich souveräner, unterhaltsamer Weise führte. Bereits zum zweiten Mal war die BASF in Ludwigshafen Gastgeber der Veranstaltung. Die Teilnehmer konnten sich am Vortag des Forums bei einer Führung durch das BASF-Werksgelände, dem größten zusammenhängenden Chemieareal der Welt, schon einmal auf die Chemielogistik einstimmen.

Digitale Businessmodelle entstehen

„Wir müssen in neuen Lösungen denken und neuartige, nachhaltige Produkte schaffen“, so Dr. Christoph Wegner, President Information Services und Supply Chain Operations der BASF in seiner Begrüßungsrede an die Teilnehmer. Er ging zunächst auf die Verbundstruktur ein – eine Erfindung der BASF. Hierbei wird versucht, Nebenprodukte aus Prozessen sinnvoll in andere Syntheseprozesse einzubringen. Gerade in der Verbundstruktur der BASF bringe die Digitalisierung nun sehr vorteilhafte Veränderungen mit sich. Die Auswertung großer Datenmengen führe bei Prozessanpassungen viel schneller zu besseren Ergebnissen. Digitale Businessmodelle böten sich beispielweise im Agrobereich an, wie die Automatisierung des Anbauplans inkl. der Schädlingsbekämpfung. Wegners Fazit: „Geschäftsmodelle werden sich durch Digitalisierung verändern.“

Auf die „Möglichkeiten der weiteren Digitalisierung in der Supply Chain“ ging Ulrich Külker, Director Supply Chain Specialities, Ineos Styrolution Europe ein. Für Ineos bedeutete verstärkte Digitalisierung zunächst, die sieben unterschiedlichen SAP-Systeme in ein globales System zu überführen, um damit eine einheitliche Basis für die weitere Digitalisierung zu schaffen. Mit den Kunden erfolge nun Datenaustausch zu Lieferdaten, Warenbestand, etc., denn dank günstiger Sensoren ließen sich Daten an unterschiedlichsten Stellen wie Paletten oder Lkws generieren. Bei der Umsetzung weiterer Digitalisierungsschritte liege der Fokus auf Themen, mit Kundennutzen und Wertschöpfung für das eigene Unternehmen, wie Transparenz, Prozessverbesserungen oder Tracking and Tracing.

Digitale Systeme zur Risikoverminderung

Das Thema „Methodische Transportrisikoanalyse unter Verwendung von Resilience 360“ war Gegenstand des Vortrags von Robert Schmidkunz, Leiter Logistik Sicherheit der Evonik Industries. Ausgehend von der Tatsache, dass globale Lieferketten stets Gefahren ausgesetzt sind, seien es Beförderungsrisiken aber auch Naturkatastrophen oder Kriege, führe Evonik regelmäßig Transportrisikoanalysen durch. Diese setzen sich u.a. zusammen aus der Identifizierung der Logistikkette, der Identifizierung und Bewertung der Risiken, der Erstellung eines Risikoprofils sowie dem Aufzeigen von Verbesserungsmaßnahmen. Für die Analysen nutzt Evonik die DHL-Plattform Resilence 360, denn diese Plattform stelle alle beim Transport denkbaren Gefahrenpotentiale und mögliche Ereignisse zur Verfügung. Zur Verfeinerung der Analysen lässt das System zudem die Kombination mit eigenen Datensätzen zu. An zahlreichen Beispielen erläuterte Schmidkunz die vielfältigen Möglichkeiten der Analysetools und deren Vorteile in der Gefahrenabwehr während des Transports.

Die Frage „Wie verändert Digitalisierung die Chemielogistik?“ läutete die diesjährige Podiumsdiskussion ein, deren Teilnehmer Joachim Getto von Camelot Management Consultants, Matthias Hegele von Accenture, Dr. Frank Jenner von Ernst & Young und Dr. Klaus-Peter Jung von Miebach Consulting waren. Auf Wimmers Frage wie viel Digitalisierung die Chemielogistik brauche, lautete eine der Antworten simpel: Soviel, dass es Nutzen bringt. Logistiker säßen auf einer „Riesenmenge“ Daten, deren analytische Auswertung ein neues Geschäftsmodell sein könnte und der daraus entstehende neue Berufszweig des Datenanalysten wäre ideal zugeschnitten auf die Digital Natives. Diskussionsleiter Wimmers Schlussfolgerung: Digitalisierung ist unumkehrbar!

Digitalisierung ganzer Waggonflotten

Die Mittagpause bot Gelegenheit zum Austausch mit den Referenten und anderen Forumsteilnehmern, aber auch zum Besuch der begleitenden Ausstellung. Die Nachmittagssequenz läutete Thomas Freyer, Head of Cluster Nordic bei der VTG Rail Europe ein. In seinem Vortrag „Die Schiene wird fit für die Zukunft: Digitale Lösungen für die Logistik“ stellte er ein neues Telematiksystem für Tankcontainerwaggons vor, das Netz unabhängig Batterie- und solarbetrieben arbeitet. Dieses Telematiksystem VTG connect verbinde den Kunden aus der chemischen Industrie mit seiner Ware, dem Waggon und der Transportroute. Es ermögliche bspw. ein Roundtrip-Monitoring, Geofencing, den Einsatz unterschiedlicher Sensoren und Alarmfunktionen. Für die Zukunft seien die Ergänzung mit weiteren Sensoren, z.B. zur Füllhöhe im Tank, sowie ein Tisch mit Touch-Display zur Besprechung von Routen oder Zugzusammenstelllungen in Arbeit. Freyer betonte, dass nur eine europaweite Digitalisierung ganzer Waggonflotten zu einer Prozessoptimierung führen werde.

Dieser zukunftsweisenden Exkursion in die digitalen Möglichkeiten beim Bahntransport folgte der ebenfalls zukunftsorientierte Ausflug in die „Digitale Transformation“ der BASF, spannend vorgetragen von Ralf Busche, Senior Vice President Global Supply Chain Strategy and Performance bei BASF. Nach zentralen Logistikeinheiten in den 90er Jahren, Supply Chain Management bis 2010 und Globalisierung mit geänderten Rahmenbedingungen in den letzten Jahren folge nun der Schritt in die Digitalisierung. Durch die neuen Möglichkeiten wolle das Unternehmen seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. „Chemie funktioniert am besten, wenn der Gedanke des Verbundes richtig gelebt wird“, ist hierbei das Credo.

Digitalisierung bedeute im Einzelnen bspw. die Planung mit automatischen Algorithmen, höhere Supply Chain Visibility, d.h. granulater werden im Betrachten bereits vorhandener Informationen, im Rahmen von Business Analytics die Beziehungen mit den Kunden intensivieren. Eine der ersten Umsetzungen sei das neue, innovative Tankcontainerkonzept, das die Tankcontainer von der Schiene direkt auf ein automatisches Transportsystem überführt, um Container an den Bestimmungsort im BASF-Gelände zu bringen – und das sei erst der Anfang.

Digitaler Austausch zwischen Chemie und Logistik steigt

„Wertschöpfungen für Chemiegüter in Containern“ lautete der Titel des Vortrags von Roland Klein, Repräsentant für Südwestdeutschland des Rotterdamer Hafens. Er ging zunächst auf Ergebnisse einer Studie des Hafens Rotterdam ein, die für die Digitalisierung relevant seien. Für die Teilnehmer der Studie – Verlader und Spediteure – seien eine höhere Transparenz der Supply Chain und der Austausch von Informationen in Echtzeit ein besonders wichtiger Punkt. Häfen sollten bspw. stärkeren Fokus auf Digitalisierung und Standardisierung im Informationsaustausch mit den Beteiligten legen. Laut einer Studie von Price-Waterhouse sei innerhalb der nächsten fünf Jahre mit einem Digitalisierungsgrad in der Chemie als auch in der Logistik von über 70% zu rechnen. Dies bedeute, dass die Verbindung zwischen Chemie und Logistik digital und Echtzeit-Information Standard würden. Deshalb hätte der Hafen Rotterdam seine Supply Chain Effizienz durch die Einführung und Nutzung speziell zugeschnittener digitaler Plattformen erhöht, wie bspw. Portbase, das derzeit 43 digitale Dienste zur Verfügung stellt. Für den Hafen bedeute dies aber auch: „Die Sicherheit der Daten muss hierbei stark im Fokus bleiben.“

Den guten Schluss des Forumstages übernahm der Leiter Competence Center Logistics der DQS, Wolfgang Engel. Mit viel Charme und kein bisschen trocken brachte er dem Auditorium das Thema „Zertifizierungen und Audits – Chancen für die Chemielogistik und ein kritischer Blick auf digitale Träume“ näher. Engel ging zunächst auf die zahlreichen unterschiedlichen ISO-Standards und weiteren für die Chemiebranche relevanten Standards ein. Um z.B. bei Transportaufträgen auch in Bezug auf kritische Daten auf der sicheren Seite zu sein, sollte der Verlader darauf bestehen, dass auch die Unterauftragsnehmer seines Logistikers die entsprechende Zertifizierung besitzen. Was die Umsetzung „digitaler Träume“ in die Realität anbelangt, sieht Engel eine Verbesserung durch Technik auf bestem Wege, erwartet von der Politik in kurzer Zeit keine Ergebnisse und mahnt die Unternehmen in IT- und Management, die Entwicklung nicht zu verschlafen. Sein Fazit: Auf dem Weg zur Digitalisierung könnten Managementsysteme und Audits unterstützen und für die nötige Sicherheit sorgen.

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