04.12.2013
ThemenLogistik

Durchgängig nachhaltige Lieferketten in der chemischen Industrie

Realität oder Wunschdenken?

  • Prof. Dr. Wolfgang Stölzle, Ordinarius, Lehrstuhl für Logistikmanagement, Universität St.GallenProf. Dr. Wolfgang Stölzle, Ordinarius, Lehrstuhl für Logistikmanagement, Universität St.Gallen

In der chemischen Industrie rücken durchgängig nachhaltige Lieferketten zunehmend in den Fokus. In 2012 haben führende Chemieunternehmen die Together for Sustainability (TfS) Initiative gegründet, um durch gemeinsame Lieferanten-Audits und -Schulungen die Nachhaltigkeit über das eigene Unternehmen hinaus zu stärken. Bereits seit 2006 forciert die BASF das „1+3“-Projekt, bei dem sich direkte Zulieferer dazu verpflichten, die Nachhaltigkeitsstandards der BASF an mindestens drei Unterlieferanten weiterzugeben.

Daneben sind in der chemischen Industrie auch Lebenszyklus-Ansätze weit verbreitet. Hierbei arbeiten Chemieunternehmen mit Lieferanten und Kunden zusammen, um Nachhaltigkeit in der gesamten Lieferkette zu verankern. Die Unternehmen der chemischen Industrie sehen sich also – mehr als Betriebe aus anderen Wirtschaftszweigen – in der Pflicht, auf vor- und nachgelagerte Wertschöpfungsstufen einzuwirken, um durchgängig nachhaltige Lieferketten aufzubauen.

Triebfedern für Nachhaltigkeit

Wachsendes Interesse von Stakeholder-Gruppen, insbesondere von Geschäftskunden und Investoren, sowie zunehmende Regulierung sind die zentralen Treiber für die Implementierung von Nachhaltigkeit in die Lieferkette von Chemieunternehmen. Eines der prominentesten Beispiele für Regulierung ist die am 1. Juli 2007 in Kraft getretene Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals- (REACH) Verordnung der Europäischen Union. Die Chemieunternehmen reagieren auf den steigenden Druck von außen mit einer Vielzahl von unternehmensbezogenen und -übergreifenden Aktivitäten zur Einführung und Sicherstellung von Nachhaltigkeit in der gesamten Lieferkette.

Die Anstrengungen verfolgen mehrere Schwerpunkte: 1) das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bei allen Akteuren in der Lieferkette (d.h. Lieferanten und Kunden) zu fördern 2) die Einhaltung von ökologischen und sozialen Standards mithilfe von Lieferanten-Audits zu überprüfen, durch zielgerichtete Lieferanten-Schulungsprogramme zu unterstützen und an vorgelagerte Wertschöpfungsstufen weiterzugeben sowie 3) die Zusammenarbeit zwischen führenden Unternehmen der Branche zu intensivieren, um Synergien zu realisieren und Industriestandards zu etablieren.

Betrachtung vorgelagerter Wertschöpfungsstufen

Aus Sicht der Chemieunternehmen liegen die Herausforderungen zur Sicherstellung von durchgängig nachhaltigen Lieferketten vornehmlich auf den vorgelagerten Wertschöpfungsstufen. Bei einer mehrstufigen Netzwerkbetrachtung ist die chemische Industrie in der Regel selbst auf einer vorderen Wertschöpfungsstufe angesiedelt, wobei die wichtigsten Rohstoffe der Mineralölindustrie entstammen und zumeist an der Börse gehandelt werden. Die kontinuierlich steigenden Preise für fossile Rohstoffe, die von einer geringen Anzahl an multinationalen Mineralölkonzernen angeboten werden, machen deutlich, dass die Unternehmen der chemischen Industrie auf den Beschaffungsmärkten oft keine große Marktmacht besitzen.

Einerseits würde in diesem Zusammenhang eine Unterstützung des gegenwärtig kontrovers diskutieren Hydraulic Fracturing („Fracking“) durch Unternehmen der chemischen Industrie von Interessengruppen wohl als rein-ökonomische Entscheidung zur kostengünstigen Gewinnung fossiler Brennstoffe verstanden, bei der ökologische und soziale Aspekte in den Hintergrund treten. Andererseits zeigt die Untersuchung von CHEMonitor (siehe CHEManager 10/2013), dass die Hälfte aller befragten Manager aus der chemischen Industrie in den kommenden fünf Jahren mit einem Zuwachs bei der Verwendung nachwachsender Rohstoffe rechnet; ein Drittel sehen darin sogar einen Wettbewerbsvorteil mit höheren Gewinnspannen.

Nachhaltig im Sinne des Lebenszyklus

Die Chancen zur Sicherstellung von durchgängigen Nachhaltigkeitsstandards befinden sich – ausgehend von den Chemieunternehmen – insbesondere auf den nachgelagerten Wertschöpfungsstufen. Während etwa 60% der Produkte wiederum aus der Chemie abgenommen werden, beliefert die chemische Industrie eine Vielzahl weiterer Branchen. In einigen dieser Wirtschaftszweige, insbesondere in den Zulieferbetrieben der Elektronik- und Textilindustrie, macht die unsachgemäße Verwendung und Entsorgung der eingesetzten Chemikalien immer wieder Schlagzeilen. Die dabei genannten ökologischen und sozialen Unzulänglichkeiten reichen von Verschmutzungen der Umwelt bis zu Vergiftungserscheinungen der Arbeitnehmer.

Dies findet sich häufiger bei Basischemikalien, die in der Regel weltweit über Börsen gehandelt werden, im Gegensatz zu Spezialchemikalien, bei deren Entwicklung Chemieunternehmen oft eng mit Kunden zusammenarbeiten und dabei Nachhaltigkeitsgesichtspunkte im Sinne des Lebenszyklus-Ansatzes berücksichtigen. Eine zielgerichtete Unterstützung der Kunden im Umgang mit und zur Entsorgung von Chemikalien birgt demnach enorme Potentiale, um die Nachhaltigkeit in zahlreichen der chemischen Industrie nachgelagerten Wirtschaftszweigen zu fördern und damit den Aufbau durchgängig nachhaltiger Lieferketten voranzutreiben.

 

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