Logistik & Supply Chain

Gefahrgutlogistik: Verlader schätzen Lieferqualität

Gefahrgutlogistik – Marktnische oder Sackgasse für Logistikdienstleister? Serviceerwartungen von Verladern unter der Lupe

21.04.2020 -

Der Transport von Gefahrgut und die Lagerung von Gefahrstoffen haben sich in der Logistik zu einem Markt mit eigenen Anforderungen entwickelt. Dazu zählen die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften, die Dokumentation von Prozessen, die besondere Qualifikation von Mitarbeitenden ebenso wie der Nachweis von Zertifizierungen. Solche speziellen Anforderungen bilden hohe Einstiegsbarrieren, ermöglichen jedoch bei deren Überwindung den Gefahrgutlogistikern eine gewisse geschützte Position am Markt, indem sie ihr Leistungsprofil spezifizieren und sich so von klassischen Logistikdienstleistern abgrenzen.

Ein großes Potenzial bietet derzeit bspw. das logistische Handling von Batteriezellen. Das stark wachsende Geschäft elektrischer Antriebe legt es nahe, den Einstieg in die Gefahrgutlogistik zu wagen oder ein bestehendes Angebot weiter auszubauen. Dabei ist maßgeblich, inwieweit die Marktposition durch die Erwartungen der Verlader auch im Hinblick auf logistische Lieferservicekriterien geprägt wird.
Alle diese Überlegungen gaben den Ausschlag für die Initiierung einer Kurzstudie der Logistics Advisory Experts, einem Spin-off der Universität St. Gallen. Es wurden ausgewählte Verlader danach befragt, worauf sie bei der Auswahl ihrer Gefahrgutlogistiker besonders Wert legen und wie sich die Anforderungen aktuell sowie in Zukunft zueinander verhalten. Hierzu wurden in einem ersten Schritt Ausschreibungsunterlagen von Verladern systematisch gesichtet und – abgeglichen mit einschlägigen Sekundärquellen – in einen Interview-Leitfaden überführt.
In einem zweiten Schritt standen Einkäufer von größeren Verladern in semi-strukturierter Form für telefonische Interviews zur Verfügung. Die Themenschwerpunkte der Befragung lagen nicht nur in den Servicekategorien Lieferqualität, Lieferzeit, Lieferzuverlässigkeit und Lieferflexibilität. Vielmehr wurden auch die kaufmännische Angebotsgestaltung, das Qualitätsmanagement, der Fuhrpark sowie das Fahrpersonal thematisiert.
Alle Kategorien wurden in Detailaspekte herunter gebrochen, um diese nach einem „chaotischen Ansatz“ im Hinblick auf ihre relative Bedeutung zu erfassen. Einem möglichen strategischen Antwortverhalten wurde durch Kontrollfragen begegnet. Die Ergebnisse durchliefen abschließend eine Validierung durch unabhängige Experten. Der Schwerpunkt der Befragung richtete sich auf die aktuelle Gewichtung von Anforderungen bei Entscheidungsprozessen zur Auswahl von Gefahrgutlogistikern. Ergänzende Fragen nach einer möglichen Verschiebung der Prioritäten in den kommenden fünf Jahren rundeten die Erhebung ab.

Aufschlussreiche Erkenntnisse
Der Fokus von Verladern bei der Auswahl ihrer Gefahrgutlogistiker liegt offenbar auf den Kategorien Lieferqualität sowie Lieferzuverlässigkeit. Dabei legen die Verlader im Bereich der Lieferqualität großen Wert auf eine einwandfreie Transportabwicklung. Abweichungen des tatsächlichen vom geplanten Transportprozess gilt es zu dokumentieren und möglichst zu reduzieren. Das größte Risiko wird in der Beschädigung der Ware während des Transports und der Verladung gesehen. Wichtige Aspekte der Lieferzuverlässigkeit sind die Einhaltung von zugesagten Lieferterminen bzw. Zeitfenstern an den Abladestellen sowie fixierte und garantierte Lieferzeiten bspw. die Vereinbarung der Anlieferung innerhalb von 24 Std. nach Auftragseingang. Gemessen werden die Servicekategorien im Tagesgeschäft anhand von festgelegten Kennzahlen, die meist monatlich ausgewertet und an die Gefahrgutlogistiker kommuniziert werden.
Etwas nachrangig sehen die Verlader die Lieferflexibilität, dicht gefolgt von der kaufmännischen Angebotsgestaltung. Die Bereitstellung passender Fahrzeuge gemäß der geforderten Kapazität sowie die unverzügliche Abwicklung auch bei Auftragsänderungen vor oder während der Auslösung des Transportprozesses lassen Gefahrgutlogistiker im Bereich der Flexibilität punkten. Als besonders wichtig werden in der kaufmännischen Angebotsgestaltung eine transparente Preisaufstellung, das Preisniveau, die Akzeptanz vorgegebener Abrechnungsmodalitäten sowie die Zahlungsziele erachtet. Ein nach-priorisiertes Auswahlkriterium stellt die Unternehmensgröße dar. Dies bedeutet, dass auch kleine und mittlere Gefahrgutlogistiker die Möglichkeit haben, gegenüber den „big playern“ am Markt ihre Position zu behaupten.

„Auswahl der Gefahrgutlogistiker liegt auf den Kategorien Lieferqualität sowie Lieferzuverlässigkeit.“

Im Qualitätsmanagement legen die Verlader ein besonderes Augenmerk auf die selbstständige Erarbeitung und Durchführung von Gegenmaßnahmen bei festgestellten Qualitätsabweichungen durch den Gefahrgutlogistiker. Die Durchführung von spezifischen Audits verschafft den Verladern Transparenz und ermöglicht ein frühzeitiges Eingreifen bei negativen Abweichungen. Ergänzend zu den Audits erwarten Verlader eine regelmäßige Bereitstellung von Performance-/ Kennzahlen-Reports, die auch ggf. eingesetzte Subunternehmer einschließen.
Die Lieferzeit wird dem Qualitätsmanagement nachgeordnet. Gleichbleibende, vom Sendungsvolumen unabhängige Lieferzeiten werden von Verladern als besonders wichtig erachtet. Eine Kopplung der Lieferzeit an die Höhe der Transportpreise kann den Gefahrgutlogistikern einen Vorteil am Markt verschaffen. So findet auch eine längere Lieferzeit als im Regelprozess vereinbart in Verbindung mit einem niedrigeren Peis bei Verladern eine gewisse Akzeptanz.
In der Gesamtbetrachtung wird den Befragungskategorien Fuhrpark und Personal die geringste Beachtung zugeordnet. Zwar werden von den Verladern in beiden Bereichen die gesetzlichen Mindestbestimmungen vorausgesetzt, wie z. B. die auftragskonforme Ausstattung von Aufliegern für den Gefahrguttransport oder die regelmäßige Schulung der Fahrer. Erstaunt hat in der Ergebnisbetrachtung die geringe Gesamtgewichtung des Fuhrparks und des Fahrpersonals, stellen die beiden Servicekategorien doch im täglichen Geschäft das wichtigste „Aushängeschild“ eines Gefahrgutlogistikers dar.
So ist das Fahrpersonal der erste Ansprechpartner beim Kunden vor Ort und die ausschlaggebende Kraft für ein gutes Abschneiden bei weiteren Servicekategorien, wie z. B. der Lieferqualität. Dass Verlader die Lieferqualität/-zuverlässigkeit erst­rangig priorisieren und anschließend die kaufmännischen Aspekte des Angebots folgen, setzt ein deutliches Zeichen gegen den Preiskampf auf dem Transportmarkt sowie einen Impuls für Gefahrgutlogistiker, qualitativ hochwertige Angebote zu einem attraktiven Preisniveau abzugeben.

„Klimadebatte wird im Bereich der Gefahrgutlogistik in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.“

Künftige Herausforderungen
Der Blick nach vorne richtet sich bei den Anforderungen an Gefahrgutlogistiker auf die Sicherstellung von ausreichenden Lkw-Kapazitäten, auch in Zeiten knappen Frachtraums. Zusätzlich wird im Zuge der Digitalisierung die Vernetzung von Verladern und Logistikdienstleistern über EDI-Schnittstellen und webbasierte Plattformen in den Vordergrund rücken. Ziel ist es, den automatisierten Datenaustausch zwischen den Akteuren zu vereinheitlichen, die Kommunikation zu beschleunigen und eine höhere Transparenz in der Lieferkette zu schaffen.
Auch die Klimadebatte wird nach Meinung der Verlader im Bereich der Gefahrgutlogistik in den nächsten Jahren verstärkt an Bedeutung gewinnen. Dabei stehen die Gefahrgutlogistiker vor der Herausforderung, alternative Antriebsenergien (Wasserstoff- und Elektroantriebe) sowie intermodale Transportlösungen (Straße-Schiene & Straße-See) zu einem wettbewerbsfähigen Preis anzubieten. Schließlich wird im Lichte des CSR-Konzepts der Ruf nach freiwilligen Maßnahmen laut, die das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, insbesondere des Fahrpersonals, steigern.
Die Ergebnisse zeigen: es ist bei der Gefahrgutlogistik nicht von disruptiven Änderungen der Erwartungshaltungen der Kundschaft auszugehen. Häufiger als in anderen Marktbereichen werden Anbieter, die ihre Leistungen aus Eigeninitia­tive offerieren, eingeladen, Angebote einzureichen. Der Markt gilt demnach trotz bzw. gerade wegen seiner spezifischen Rahmenbedingungen auch künftig als attraktiv. Eine in sich stimmige Einschätzung erfordert zunächst eine Bestandsaufnahme der anderen Marktseite, also bei ausgewiesenen Gefahrgutlogistikern.

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