08.09.2017
ThemenLogistik

Pharmanetzwerk Hauptstadtregion

Region Berlin-Brandenburg: Herausforderungen als Standort für Biotechnologie und Pharma

  • © WFBB; Fotograf: Till Budde© WFBB; Fotograf: Till Budde
  • © WFBB; Fotograf: Till Budde
  • © WFBB; Fotograf: Till Budde
  • v.l.n.r.: Diskutierten gemeinsam auf der Transportmesse darüber, wie sich die Hauptstadtregion im Bereich GDP in der Pharmalogistik aufstellt: Bernd Schlumpberger (Head of Fleet & Transport, Merckle), Hendrik Fischer (Staatssekretär Ministerium für Wirtschaft und Energie für das Land Brandenburg) und André Reich, Geschäftsführer der Unitax Pharmalogistik.  © WFBB. Finanziert aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung.
  • André Reich, Geschäftsführer, Unitax Pharmalogistik; © Unitax

Ein Innovationsmotor in der Region Berlin-Brandenburg ist die Pharmaindustrie, deren Wurzeln am Standort bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Die Branche profitiert vom wissenschaftlichen Umfeld, der klinischen Forschungslandschaft und der Nähe zu Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen. Das gilt für Global Player wie Bayer, Pfizer, Sanofi, Takeda und Berlin-Chemie (Menarini) ebenso wie für über 20 weitere mittelständische Pharmaunternehmen mit 10.000 Mitarbeitern.

Darüber hinaus sind viele internationale Konzerne wie Daiichi Sankyo oder Astra Zeneca mit Hauptstadtrepräsentanzen vertreten. Bayer HealthCare Pharmaceuticals blickt auf eine lange Vergangenheit in Berlin zurück, heute gehört die Firma zu den zehn größten Spezial-Pharmaunternehmen weltweit. Von Berlin aus steuert Sanofi Marketing und Vertrieb in Deutschland. 2011 übernahm Takeda Pharma die Nycomed-Unternehmensgruppe. 2012 verlegte Takeda seine Vertriebszentrale nach Berlin. Derzeit investiert das Unternehmen 100 Mio. EUR in den Ausbau der Produktionsstätte Oranienburg.

Auch der Pharmakonzern Pfizer baute seine Aktivitäten am Standort aus und siedelte neben der Deutschlandzentrale weitere Geschäftsbereiche an. So wird beispielsweise das Geschäftsfeld der Onkologie für ganz Europa von Berlin aus gesteuert. 2014 entschied sich das französisch-amerikanische Joint Venture Sanofi Pasteur MSD, seine Deutschlandzentrale nach Berlin zu verlegen, ebenso wie Riemser Pharma, die mit einer operativen Einheit in Berlin ihre Vertriebsaktivitäten verstärken.

Zudem investiert Berlin-Chemie 80 Mio. EUR in den Ausbau der Produktionsstätten im Süden Berlins. Dr. Kade übernahm das OTC Geschäft von Takeda und wächst am Standort seit über 25 Jahren. Auch die Investition von Klosterfrau Berlin in eine neue Produktionshalle in 2013 zeigt, dass sich Berlin in den letzten Jahren zu einem wichtigen Produktionsstandort entwickelt hat.

Funktionierendes Netzwerk

Was also die Region stark macht, ist vor allem ihre Konzentration und ihre enge Vernetzung von Wissenschaft, Kliniken und Wirtschaft.

Zahlreiche Technologieparks und Netzwerke, insbesondere im Bereich der Biotechnologie und Medizintechnik, bilden eine belastbare Infrastruktur und machen es möglich, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse besonders schnell in innovative Produkte der Gesundheitsversorgung überführt werden.

Jungen und wachsenden Unternehmen bieten sieben Biotechnologieparks der Region optimale Bedingungen. Mehr als die Hälfte der Biotech-Unternehmen nutzt die Angebote der öffentlich und privat betriebenen Parks, die unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte haben. Neben der Verfügbarkeit von Laborräumen und umfassender technischer Infrastruktur profitieren sie insbesondere vom engen Kontakt mit ebenfalls dort angesiedelten Forschungseinrichtungen und vielfältigen Serviceangeboten. Bei der Frühphasenfinanzierung spielen die Technologiefonds der Beteiligungsgesellschaften der landeseigenen Förderbanken eine wichtige Rolle. Das Engagement der großen Pharmakonzerne zeigt sich in Projekten wie dem CoLaborator von Bayer.

Hohe Exportquote

Bei einer hohen Exportquote ist es jetzt das Ziel, weitere Dienstleister zu bewegen, ihre Pharmakompetenzen zu entwickeln oder zu stärken. Generell ist die Supply Chain für pharmazeutische Erzeugnisse ein komplexes Netzwerk stark internationaler Ausprägung. Und die Distribution der Produkte, ihre Logistik von der Quelle bis zur Mündung, von Wirkstofftransporten bis zur Feindistribution der Fertigwaren in die Apotheken vor Ort ist ein komplexer Ablauf.

Gleichzeitig steht die Pharmabranche vor der Herausforderung die Anforderungen der EU-Richtlinie zur GDP umzusetzen, die die Rahmenbedingungen für den Transport von pharmazeutischen Produkten in Europa festlegt. Zur Fälschungssicherheit bei Arzneimitteln beinhaltet sie, dass auf pharmazeutischen Verpackungen der Data Matrix Code enthalten sein muss. Zudem müssen die vergleichsweise langen Auftragsdurchlaufzeiten optimiert werden. Eine weitere Herausforderung besteht darin, viele kleinteilige Transporte zu managen, die es in Zukunft u.a. aufgrund von kurzfristigem Bedarf verstärkt geben wird. Und – last but not least – wird zukünftig das Outsourcing weiter zunehmen, u.a. durch das Auslaufen von Patenten und dem damit steigenden Preisdruck.

Chancen für Pharmalogistiker

Aktuell gibt es für pharmazeutische Logistikdienstleistungen einige KEP-Dienstleister und Spediteure in der Region, aber mit Unitax und Rhenus nur zwei spezifizierte Kontraktlogistiker. Dieses möchte die Region Berlin-Brandenburg ändern, jedoch stellen die vorhandenen Regularien wie Good Manufacturing Practice (GMP) und Good Distribution Practice (GDP) hohe Herausforderungen für den Markteintritt von Logistikern dar.

Aus den Zukunftsszenarien am Standort Berlin-Brandenburg ergeben sich auch für expandierende Logistik-Unternehmen Chancen der Differenzierung.

„Unser Ziel ist es, die Unternehmen durch Innovationen langfristig zu stärken“, sagt Juliane Reimer vom Clustermanagement bei der Wirtschaftsförderung Brandenburg. „Daher unterstützen wir interessierte Unternehmen, indem wir beispielsweise verschiedene Förder- und Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen und entsprechende Arbeitsgruppen organisieren etwa für den Themenkomplex Pharmalogistik."

Region Berlin-Brandenburg auf einen Blick

  • 30 Pharmaunternehmen mit ca. 10.000 Beschäftigten
  • ca. 240 Biotech-Unternehmen mit rund 5.000 Beschäftigten
  • hohe Gründungsdynamik
  • Neun Technologieparks mit Schwerpunkt Life Sciences
  • gute Voraussetzungen für klinische Forschung
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit in den Bereichen Biotech, Diagnostik, Pharma, Medtech, Optik, IT
  • Kooperationen im Rahmen von Branchennetzwerken
  • guter Zugang zu Fachkräften aufgrund zahlreicher Studien-, Aus- und Weiterbildungsangebote

Die Zeit drängt

Zur bereits 2019 anstehenden Pharma-Serialisierung stellt sich André Reich, Geschäftsführer der Unitax Pharmalogistik aus Berlin-Schönefeld, den drei Fragen von CHEManager.

CHEManager: Die Einführung für die verbindliche Pharma-Serialisierung und die Rückverfolgbarkeit ist für Sie ein Segen oder ein Fluch?

A. Reich: Ein Segen! Denn nur mit geprüften, fälschungssicher gekennzeichneten und rückverfolgbaren Medikamenten lassen sich die hohen Qualitätsstandards, die für Pharma- und andere Medizinprodukte zu Recht gelten, einhalten. Und das ist die Voraussetzung dafür, dass die Konsumenten einwandfreie Arzneimittel erhalten. Durch die Serialisierung, sprich das Bedrucken mit einem Data Matrix Code sowie Sicherheitsetiketten und versiegelte Originalverpackungen tragen wir maßgeblich zur Qualitätssicherung bei.

Wird die Zeit bis 2019 Ihrer Meinung nach ausreichen, damit alle Beteiligten die neue Regelung umsetzen?

A. Reich: Wenn wir von den Beteiligten sprechen, die wie wir bereits über eine Zertifizierung für die gute Herstellungspraxis – die Good Manufacturing Practice GMP – verfügen, so sollte die Zeit gerade noch ausreichend sein. Denn diese Prozessteilnehmer benötigen nur noch eine Schnittstelle zum Datenspeicher- und Abrufsystem wie beispielsweise securPharm, in dem die Seriennummern mit allen relevanten Informationen dokumentiert und archiviert werden, sowie spezielle Drucker für das Erstellen eines zweidimensionalen Barcodes.

Die Hersteller solcher Drucker und Anlagen sind jedoch von den Anfragen etwas überrannt worden und haben aktuell Lieferzeiten von bis zu 30 Wochen. Die anschließende Installation und Qualifizierung kann dann gut und gerne weitere 20 Wochen in Anspruch nehmen.

Wer noch nicht den GMP-Standard hat, könnte mit der Umsetzung größere Schwierigkeiten bekommen. Der finanzielle, organisatorische und zeitliche Aufwand, um alle Voraussetzungen für eine GMP-Zertifizierung zu schaffen, ist immens.

Wie wirken sich die Neuerungen für Unternehmen aus?

A. Reich: Für uns ist keine weitere Umstellung erforderlich, da wir die Neuerungen bereits komplett umgesetzt haben. Vor Unternehmen, die entsprechende Standards erst schaffen müssen, liegt ein großer Berg Arbeit. Der Investitionsbedarf für Logistiker, die die Serialisierung noch einführen müssen, beträgt – je nach vorhandener Ausstattung – zwischen 150.000 und 350.000 EUR.

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