13.11.2014
ThemenLogistik

Wechselwirkungen in der Pharma-Lieferkette

Pfizer schafft eine effiziente und transparente Supply Chain mithilfe der Cloud

  • Boris Felgendreher, Marketingleiter Europa, GT Nexus Boris Felgendreher, Marketingleiter Europa, GT Nexus
  • Boris Felgendreher, Marketingleiter Europa, GT Nexus
  • Transparenz: Unternehmen in der Pharma-Branche müssen Verzögerungen in der Lieferkette schnell erkennen, um entsprechend schnell reagieren und die Verfügbarkeit von Medikamenten sichern zu können.

Arzneimittelhersteller agieren heutzutage weltweit. Das macht die Lieferketten entsprechend komplexer. Inzwischen sind die Netzwerke der Rohstoffproduzenten, Lieferanten, Hersteller, Händler und Logistikdienstleister ebenso verzweigt und international wie die der Automobil- oder der Textilindustrie. Dass jedoch ein Pharma-Unternehmen wie Pfizer mit dem Hersteller der legendären Wrangler Jeans zusammenarbeitet, um erwünschte Wechselwirkungen in Bezug auf Effizienz und Transparenz in der Lieferkette zu erzielen, ist, dürfte auch vielen Branchenexperten neu sein.

Pharmaunternehmen sind gerade dabei, die Verfügbarkeit durch neue Prozesse in der komplexen weltweiten Lieferkette völlig neu aufzustellen und finden dabei neue Formen der Kooperation. Die Unternehmen schaffen mehr Transparenz und Kontrolle in der Lieferkette, können dadurch besser informierte Entscheidungen fällen und flexibel auf aktuelle Anforderungen reagieren. Angesichts hoher Transportkosten, einer zunehmenden weltweiten Arbeitsteilung und Verflechtung von Rohstofflieferanten, Produzenten, Handelsstrukturen und Logistikdienstleistern im Netzwerk ist dies notwendiger denn je.

Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen oder auch der Ausbruch von Epidemien stellen dieses komplexe Netzwerk der Pharmaindustrie vor Herausforderungen. Im einen Fall muss es den Unternehmen gelingen, trotz defekter Glieder in der Lieferkette die Produktion und die Allokation der Medikamente sicher zu stellen. Im anderen Fall muss das Unternehmen rasch auf den gestiegenen Bedarf reagieren können und die Produktion schnell hochfahren bzw. Lieferungen aus anderen Regionen umleiten.

Aber auch im Normalbetrieb ist die Lieferkette im Pharmabereich besonderen Anforderungen ausgesetzt: Die Hersteller sind darauf angewiesen, die Möglichkeiten des globalen Sourcings, der globalen Produktion und der weltweiten Vermarktung zu nutzen. In jeder dieser Phasen spielen Transparenz und Nachverfolgbarkeit eine enorm wichtige Rolle und sind gesetzlich gefordert. Dem weltweiten Handel mit Medikamenten steht dabei ein nationaler Fleckenteppich an Gesetzgebung entgegen.

Unbenommen der neuen einheitlichen EU Richtlinie gelten in jedem Land zusätzlich noch Anforderungen für Verpackungen, Gebindegrößen, etc.

Verstärkter Einsatz von Contract Manufacturing

Die Supply Chains sowohl der Pharma- als auch der Modebranche sind im Umbruch begriffen. Globale Expansion und verstärkter Einsatz von Contract Manufacturing bzw. Outsourcing haben dazu geführt, dass die Lieferketten komplexer werden und immer weiter über den traditionellen Einflussbereich des einzelnen Unternehmens hinaus wachsen. Das geht auf Kosten der Kontrolle und der Transparenz, da die klassischen ERP-Systeme, die in den meisten Unternehmen zum Einsatz kommen vorrangig für die Steuerung interner Geschäftsprozesse konzipiert sind und bei unternehmensübergreifender Orchestrierung schnell an ihre Grenzen stoßen.

Die Erfahrung dieser Grenzen des traditionellen ERP-Systems mussten inzwischen viele Unternehmen machen, deren Verflechtungen sich von Handelspartnern ausgehend immer weiter über den Globus ausdehnen.

Eine Umfrage unter Teilnehmern der diesjährigen Baseler Fachkonferenz Logipharma verdeutlicht diese Problematik anschaulich. Sie ergab beispielsweise, dass nur etwa jedes fünfte befragte Unternehmen über komplette „End-to-End-Supply-Chain-Transparenz" und über die Fähigkeit verfügt, im Rahmen eines „Managements by Exception" proaktiv auf Störungen in der erweiterten Lieferkette reagieren zu können.

Eine Studie der Beratungsfirma Supply Chain Insights belegt zudem, dass über 60% von befragten Unternehmen Misstrauen gegenüber der Fähigkeit ihres ERP-Systems hegen, Transparenz in die erweiterte Lieferkette mit Lieferanten, Dienstleistern und Handelskanälen zu bringen.

Steuerung über Cloud-Plattform

Pfizer hat darauf bereits reagiert. Statt weiterhin unflexible, elektronische Verbindungen (EDI) mit jedem seiner Partner einzeln herzustellen, hat Pfizer damit begonnen, seine gesamte Wertschöpfungskette über eine Cloud-Plattform zu steuern. Damit hat das Unternehmen die Warenströme in Echtzeit im Blick, zudem die damit einhergehenden Informationsströme (Dokumente, Lieferdaten, Sensordaten für die Kühlkette etc.). Und auf eben dieser Plattform befindet sich in einer Community von über 25.000 Unternehmen aus den verschiedensten Branchen auch die Firma VF mit Marken wie etwa Wrangler, Lee, The Northface, Timberland oder Eastpak.

Alle Unternehmen auf der Plattform nutzen eine gemeinsame Cloud-Infrastruktur. Dadurch entsteht eine Community, die eine brancheninterne und -übergreifende Kollaboration möglich macht. Frei nach dem Motto „Mode meets Pharma meets Maschinenbau" können Unternehmen der unterschiedlichsten Branchen kooperieren und von den Kooperationen direkt profitieren. Ein konkretes Beispiel einer solchen Kollaboration hilft, die Vorteile dieses Community-Ansatzes zu verdeutlichen.

Für viele Unternehmen auf der Plattform besteht z.B. eine große Überlappung bei der Nutzung globaler Transportdienstleister. Jeder dieser Transportdienstleister verfügt über nur eine einzige Verbindung zu der Plattform und kann so alle auf der Plattform aktiven Unternehmen bspw. mit Statusnachrichten für die jeweiligen Transporte versorgen. Wer sich in diesem Bereich etwas auskennt, weiß wie unzuverlässig und fehlerbehaftet dieser Prozess in der Vergangenheit war und für die Mehrzahl global tätiger Unternehmen auch heute noch sein kann. Die Versorgung mit aktuellen und zuverlässigen Statusnachrichten hinweg über alle Dienstleister und Transporte - und insbesondere deren Verzögerung - ist jedoch für jedes global operierende Unternehmen von großer Bedeutung.

Eben diese Rahmenbedingungen und Gemeinsamkeiten sind ausschlaggebend für die Kooperation zwischen Pfizer und dem Textilhersteller VF. Die Unternehmen haben auf der Plattform damit begonnen, die Datenqualität der Statusnachrichten bei Luft- und Seefrachttransporten (ETA, Vessel Departure, Vessel Arrival,...) nicht nur für die eigenen Transporte, sondern für alle an dieser Initiative teilnehmenden Unternehmen aggregiert zu analysieren und die Transportdienstleister auf der Plattform gleich in diese Initiative mit einzubinden. Auf diese Weise ist es gelungen, ein branchenübergreifendes Benchmarking zu erstellen und die Qualität der gelieferten Daten erheblich zu verbessern. Davon profitieren dann wiederum nicht nur die Unternehmen und Transportdienstleister dieser Initiative, sondern - mit Hilfe eines Community-Effekts - alle Unternehmen, die auf der Plattform aktiv sind.

Diese neuen Formen der Kooperation, standardisierte Prozesse und Transparenz in der Lieferkette helfen Unternehmen, die Verfügbarkeit ihrer Medikamente zu sichern. Zudem sparen sie dabei Kosten und gewährleisten insgesamt eine sichere und bezahlbare Versorgung mit Medikamenten - oder eben Bluejeans.

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